Unsicherheit bei Mercedes und Bosch Betriebsseelsorger: „Der Stolz, Teil eines Unternehmens zu sein, schwindet“

Studierter Ingenieur und Diakon: Michael Görg arbeitet für die katholische Kirche als Betriebsseelsorger in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Existenzängste, fehlende Perspektiven: Michael Görg hört zu. Mit welchen Sorgen Beschäftigte zu ihm kommen – und wie er den Umgang der Unternehmen mit den Menschen erlebt.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau : Veronika Kanzler (kan)

Die anhaltende Transformation der Industrie, Sparprogramme und das langsame Erodieren vermeintlicher Sicherheiten lassen viele Beschäftigte in der Region Stuttgart verunsichert zurück. Auch ohne massenhaft betriebsbedingte Kündigungen sind die Folgen spürbar: Befristete Verträge laufen aus, Abfindungsprogramme greifen, soziale Projekte werden gekürzt. In dieser Situation wenden sich immer mehr Menschen an den Betriebsseelsorger Michael Görg. Ein Gespräch über Existenzängste, Würde und Hoffnung.

 

Herr Görg, viele große Hersteller und Zulieferer in der Autoindustrie haben derzeit ein Sparprogramm. Befristete Verträge laufen aus, Abfindungsprogramme starten. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Nach den ersten vagen Andeutungen wurden nun sehr konkrete Abbauziele veröffentlicht. Danach begannen die Verhandlungen mit den Betriebsräten: Welche Stellen lassen sich retten? Unter welchen Bedingungen müssen Beschäftigte gehen? Wie können Menschen unterstützt werden, die ihren Arbeitsplatz verlieren? Das hat die Stimmung spürbar belastet.

Kommen deshalb mehr Menschen zu Ihnen?

Ja – und zwar deutlich. Und das betrifft längst nicht nur die Autoindustrie. Viele Branchen spüren Zurückhaltung, im Einzelhandel etwa war das Weihnachtsgeschäft verhaltener. Wenn Betriebe von Krise sprechen – teilweise ohne selbst in einer echten Krise zu stecken –, schwappt diese Unsicherheit auf die ganze Region über.

Warum erfasst diese Unsicherheit auch Menschen, deren Betriebe stabil dastehen?

Zum einen nutzen manche Unternehmen die Phase, um Kosten zu optimieren – sprich: Personal abzubauen, oft in Deutschland, während an anderen Standorten wieder aufgebaut wird. Zum anderen sind viele Menschen eng mit vom Stellenabbau Betroffenen verbunden. Wenn ich Angst habe, spare ich – und das trifft andere Branchen unmittelbar. Gleichzeitig fehlen den Kommunen Steuereinnahmen, soziale Projekte werden gestrichen, Mitarbeitende sozialer Einrichtungen verlieren ihre Jobs. Das ist ein Dominoeffekt.

Warnweste und Bibel – beides zu finden im Arbeitszimmer von Diakon Michael Görg. Dabei ist ihm wichtig: Jeder Mensch mit Sorgen aus der Arbeitswelt darf zu ihm kommen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Spüren Sie die Kürzungen im sozialen Bereich schon in Ihrer Arbeit?

Ja. Nicht unbedingt durch mehr Hilfesuchende – viele sozial Bedürftige ziehen sich eher zurück. Aber die Mitarbeitenden sozialer Träger, deren Projekte gestrichen wurden, melden sich zunehmend.

Wie sehen Sie die Rolle der Kirche in dieser Situation?

Kirche ist und bleibt eine wichtige Stimme in sozialen Fragen. Gerade hier in Stuttgart gibt es mit Stadtdekan Christian Hermes jemanden, der Missstände klar anspricht. Wir waren gemeinsam bei der Bosch‑Mahnwache. Seine Worte haben vielen gutgetan, weil sie die menschliche Dimension des Jobverlusts ernst nehmen – etwas, das in der öffentlichen Debatte oft fehlt.

Wie erleben Sie die Kommunikation der Unternehmen?

Sehr zahlenorientiert. Es geht um Einsparungen, Investitionen, Probleme. Aber kaum um die Menschen dahinter. Vorschläge wie die Abschaffung des Ostermontags zeigen, wie wenig Verständnis manche Entscheider für Belastungen und Werte der Beschäftigten haben.

Was ist Ihr Eindruck, wie die Unternehmen mit ihren Beschäftigten umgehen?

Für viele Unternehmen scheint der jetzige Stellenabbau ein sehr rationaler Vorgang zu sein, der außer Acht lässt, dass es um menschliche Schicksale geht, um große Betroffenheit, um Ängste und Nöte – und nicht nur um wirtschaftliche Zahlen. Dass Menschen dahinterstehen, mit Familien, Lebensentwürfen und Ängsten, wird häufig ausgeblendet.

In Baden-Württemberg herrschte lange Stolz darauf, etwa beim Daimler zu arbeiten. Ist davon etwas geblieben?

Dieser Stolz hatte gute Gründe. Das sind Unternehmen, die die Region geprägt haben und noch immer prägen. Und lange haben Unternehmen dieses Wir‑Gefühl gepflegt. Aber mit den aktuellen Sparprogrammen, der Verunsicherung und der Aufkündigung traditioneller Bindungen – wie der „Bosch‑Familie“ – bricht vieles weg. Das erschüttert Beschäftigte tief. Viele erleben, dass das frühere Gefühl von Zusammengehörigkeit verschwindet.

Wer kommt zu Ihnen zur Betriebsseelsorge?

Die Wege sind vielfältig: Empfehlungen durch Betriebsräte oder soziale Einrichtungen, gezielte Suche im Internet oder Hinweise von Bekannten. Frauen und Männer etwa zu gleichen Teilen. Inhaltlich geht es oft um massive Existenz- und Zukunftsängste: Wohnung, Kredite, Familie – viele haben auf Sicherheit gebaut. Wenn diese Sicherheit wegbricht, brauchen Menschen Gesprächspartner.

Worum geht es in den Gesprächen?

Verzweiflung, Trauer, Unsicherheit. Aber auch den Wunsch, sich neu zu orientieren: Was wollte ich schon lange einmal machen? Wie kann ich mein Leben anders gestalten? Seelsorge kann Türen öffnen – oder einfach beim Aushalten der Situation helfen.

Haben Sie einen allgemeinen Rat für schwierige Zeiten?

Wichtig ist, die eigenen Möglichkeiten nicht aus den Augen zu verlieren. Jeder Veränderungsprozess hat Phasen: Verzweiflung gehört dazu, aber irgendwann entsteht auch wieder Hoffnung. Jobverlust ähnelt einer Trauerphase. Man darf trauern – aber auch stolz bleiben auf die geleistete Arbeit. Und manchmal eröffnet der Umbruch Wege, die man sich lange nicht zu gehen traute.

Vom Ingenieur zum Betriebsseelsorger

Diakon
Michael Görg (55) ist Diplom-Ingenieur und Diakon. Vor etwa 11 Jahren entschied er sich neben seinem Beruf für ein Fernstudium der Theologie. Mittlerweile ist er festangestellt bei der katholischen Kirche und hat dafür seinen Job bei einem großen Konzern im Kunden- und Prozessmanagement an den Nagel gehängt.

Beratung
Die Betriebsseelsorge ist eine Einrichtung der Diözese Rottenburg Stuttgart. Sie steht allen Menschen mit Sorgen aus der Arbeitswelt offen – unabhängig von Beschäftigungsstatus, Religion oder Herkunft. Das Angebot ist kostenlos. Weitere Infos gibt es im Internet unter: www.betriebsseelsorge.de

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