Unter 30: Florian Pitschel "Die Verkehrswende muss kommen"

Wahl-Cannstatter Florian Pitschel an der Wilhelmsbrücke. Foto: Björn Springorum

Warum zieht es junge Menschen in die Kommunalpolitik? Weil man da noch richtig was bewegen kann, findet Florian Pitschel. Wir treffen den Stuttgarter Gemeinderat und Kreisvorsitzenden der Grünen in Bad-Cannstatt.

Stuttgart – Florian Pitschel ist ein Bad-Cannstatter, wie ihn sich der Stadtteil sicherlich öfter wünschen würde: Begeistert von seinem Bezirk, engagiert, informiert, oft hier.

 

Das mag bis zu einem gewissen Grad natürlich daran liegen, dass der 29-Jährige als Mitglied der Grünen im Gemeinderat sitzt, Kreisvorsitzender ist und für den Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir arbeitet. Aber eben nicht nur: Florian hat einen echten Draht zu Cannstatt, mag das Städtchen am Neckar aufrichtig und ehrlich.

„Cannstatt ist ein spannender Bezirk“

Das zeigt auch der Treffpunkt für dieses Interview, für das sich euer Stadtkind-Autor mal wieder aus den Innenstadtbezirken ins wilde und unerforschte Umland der Landeshauptstadt herausgewagt hat: Wir begegnen uns im Café Tratsch, einem gemütlichen Laden direkt an der Wilhelmsbrücke. So nah ist man dem Neckar in den Innenstadtbezirken nie.

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Florian setzt sich, sieht sich nickend um. „Hier trifft ganz viel von Stuttgart aufeinander“, begründet er die Wahl des Treffpunkts. „Cannstatt ist ein spannender Bezirk. Wir sind hier an einem der wenigen Orte außerhalb der Innenstadt, an dem man das Gefühl hat, in einer Großstadt zu sein. Viel Trubel, viel Abwechslung.“ Er grinst: „Außerdem wohne ich ganz in der Nähe in der Altstadt.“

Neapel, Berlin, Cannstatt

Seit 2019 wohnt er in Bad Cannstatt, liebt die Gegensätze vor seiner Haustür. „Das steht ja letztlich auch sinnbildlich für die ganze Stadt: Internationales Flair und klassisch Schwäbisches. Küchen aus aller Welt, aber auch alte Weinstuben.“ Während des Studiums war er im Lehenviertel zuhause, es folgten ein Auslandssemester in Neapel und ein Jahr am Bundestag in Berlin.

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„Es hat mich einfach wieder in die Heimat zurückgezogen.“ Aufgewachsen ist er in Schwieberdingen bei Ludwigsburg, ebenso prägend war für ihn aber die Zeit im Stuttgarter Süden. „Im Lehenviertel habe ich mich aktiv mit dem Viertel auseinandergesetzt und politisch engagiert. Damals hatte ich das erste Mal das Gefühl, Teil einer Stadtgesellschaft zu sein.“

„Kommunalpolitik ist näher dran an den Menschen“

Das hat sich bis heute nicht verändert. Über die Stuttgart-21-Proteste findet der Sohn eines SPD-Mitglieds in die aktive Politik, hat Bock, sich noch mehr für seine Stadt einzusetzen. „Eine andere Partei als die Grünen kam deswegen gar nicht in Frage.“ Heute ist er Mitglied im Gemeinderat und ehrenamtlicher Kreisvorsitzender der Stuttgarter Grünen, sitzt in zahlreichen Ausschüssen und Beiräten und war zudem mitverantwortlich für den Wahlkampf der Grünen bei der Bundestagswahl. Volle Tage, voller Kalender. Aber das möchte er so. An der Kommunalpolitik reizt ihn der „menschliche Faktor. Kommunalpolitik ist unmittelbar, näher dran an den Menschen“, sagt er. „Bundespolitik ist abstrakter.“

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Eine Stadt wie Stuttgart ist da genau richtig, findet Florian: „Ich kenne keine andere Stadt, in der man auf so viele Menschen trifft, die Bock haben, etwas aufzubauen. Nimm nur mal die Wanderbaumallee. Menschen mitenander zu vernetzen, ist aber eben nur das eine. Das andere sind Rahmenbedingungen, innerhalb denen diese Menschen dann auch ihre Ideen in die Tat umsetzen können“, betont er und meint damit konkret, bürokratische Hürden abzubauen. Einfach ist das selten, schnell nie. „Natürlich muss man einerseits gegen viele Türen rennen, andererseits braucht es aber auch die Bereitschaft, sich in Dinge reinzufuchsen. Man kann nicht einfach Dinge ändern wollen, man muss sie auch verstehen. Das kostet viel Energie, aber genau da blühe ich auf.“ Merkt man ihm an. Hier ist einer, der noch Kraft und Energie hat, sich in Dinge reinzuhängen.

Stressresistenz kann nicht schaden

Als VfB-Fan ist er zudem natürlich durchaus leiderprobt. Er versichert jedoch, dass man das in der Politik gar nicht unbedingt sein muss. „Es geht ja eher darum, dafür zu sorgen, dass die Mitmenschen weniger Leidensfähigkeit brauchen. Das ist nicht immer erfolgreich, aber unglaublich erfüllend. Ich habe laufend mit Menschen zu tun, die die Stadt lieben und Bock haben, etwas für sie zu tun. Was aber natürlich dennoch nicht schadet“, lacht er, „ist eine gewisse Stressresistenz.“

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Vieles laufe in Stuttgart bereits in die richtige Richtung. „Aber“, hebt er den Finger, „es läuft eben langsam. Die Verkehrssituation ist unbefriedigend, keine Frage. Wichtig ist aber: Es geht voran. Die Situation für Fahrradfahrer:innen war auch schon mal eine ganz andere. Die Verkehrswende muss kommen. Und sie wird kommen.“ Auch seine Meinung zum Klimaschutz ist klar und deutlich formuliert. „Bevor die Klimaneutralität nicht erreicht ist“, sagt er, „haben die Grünen ihre Ziele nicht erreicht. Und wenn wir das in Stuttgart nicht schaffen, wo denn dann?“

Da spricht der Lokalpatriot – eine Eigenschaft, die Florian gern öfter in der Stadt spüren würde. „Stuttgarter:innen machen ihre Stadt gern klein. Da stört mich, aber zugleich treibt es mich auch an. Natürlich muss man seine Stadt kritisieren dürfen, aber die Menschen hier machen das gerne mal ziemlich unberechtigt. Stuttgart ist einzigartig in der Vermischung von Leuten aus den verschiedensten Kontexten. Das kenne ich aus keiner anderen Stadt.“

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