„Ich bin unterm Klavier aufgewachsen“, schmunzelt Laima Priedite als wir sie zum Interview treffen. Einen kurzen Augenblick schweift ihr Blick ab, in eine Erinnerung von vor mehr als 20 Jahren. Ihr Gesicht fängt dabei an zu strahlen. „Da habe ich als Kind immer drunter gelegen, wenn meine Mutter geübt hat.“ Die Sache mit der Musik wurde der 28-Jährigen also quasi in die Wiege gelegt, ihre Mutter ist Berufsmusikerin in der Klassik. Ein Leben ohne sie kann sich Laima daher nicht mehr vorstellen. „Das Erste, was ich mache, wenn ich nach einer Reise zurück nach Hause komme, ist in mein Studio zu gehen und mir irgendwas anzuhören. Dann fühle ich mich wieder gut.“ Die Wahl-Stuttgarterin ist DJ und Produzentin. Im Nachtleben kennt man sie als Laima Adelaide.
Mit Techno hatte ihr Werdegang aber erst mal nicht viel am Hut. „Ich hatte zwar als Jugendliche Elektronisches gehört, aber eher aus der Richtung IDM“, sagt sie. Während ihres ersten Studiums der Tonregie im Heimatland ihrer Eltern, Lettland, kam sie dann in Riga als Partygast wieder in Kontakt mit der elektronischen Musikszene. „Als ich dann von Riga nach Berlin gezogen bin, habe ich Leute kennengelernt, die selbst aufgelegt haben und einen Zugang zur Techno-Kultur gefunden. Sie hat mich so sehr fasziniert, dass ich selbst angefangen habe, elektronische Musik zu machen.“
Von Klassik zu Techno
Den finalen Schritt aus dem Studio an die Decks machte Laima dann in Stuttgart gemeinsam mit einem Freund, mit dem sie anfing aufzulegen. Deep Techno, Ambient Techno, Ambient und Experimentelles. Mit ihrem Label Predawn Records, das sie mitgegründet hat, veranstaltet sie Label Nights und ist auf Partys und Raves vertreten. Nach der About Pop am 22. Juli im Wizemann in Stuttgart-Bad Cannstatt steht als nächstes ein Event im White Noise an.
Inspirationsquellen für ihre Musik findet die 28-Jährige in Verschiedenem. „Zum Beispiel in Menschen auf Events, die in Ekstase tanzen.“ Erst vor Kurzem spielte sie in Frankreich auf dem Château Perché Festival, bei dem sich alles ums Thema Licht gedreht hat: „Alle im Publikum hatten sich Lichterketten angezogen und es sah aus, als würde man in einem Lichtermeer von kleinen Glühwürmchen spielen. Das war krass faszinierend.“
Sound einer Baumrinde
Und auch die Natur spielt eine große Rolle in ihren Produktionen: „Mich inspirieren Strukturen in der Natur, Baumrinden, die spannend aussehen etwa.“ Und wie hört sich Baumrinde an? „Rau und unregelmäßig in der Textur, wie ein Knistern mit Ambient im Hintergrund, das es zusammenhält“, antwortet Laima nach einer kurzen Pause. Ihre Finger fahren in Luft einen imaginären Stamm nach, man kann das tiefe, waldige Knistern förmlich hören.
Aber warum verschlägt es eine Techno-DJ und Produzentin von Berlin nach Stuttgart? „Ich habe vor viereinhalb Jahren hier angefangen klassische Komposition zu studieren“, berichtet sie. „Am Anfang fand ich’s auch schrecklich hier in Stuttgart, weil ich noch nicht die richtigen Orte kannte und es zum Beispiel in Berlin viel offensichtlicher ist, dass und wo dort etwas geht. Aber mittlerweile kann ich mir nicht mehr vorstellen zurück nach Berlin zu ziehen. Das wäre mir viel zu stressig.“
Berlin ist stressiger als Stuttgart
In Stuttgart dagegen hat Laima all ihre Freund:innen, „hier kann ich Events veranstalten, es ist nicht zu groß und nicht zu klein“, findet sie. „Mir gefällt’s hier mittlerweile sehr. Auch wenn ich mir in Stuttgart noch ein paar mehr Orte wünschen würde, an denen Underground-Kultur passiert und ein bisschen risikoreicheres Booking stattfindet.“ Ein Tick mehr Überraschung und Spontanität in Sachen Subkultur würde Stuttgart gut zu Gesicht stehen, findet sie. Klar, Zustände wie in Riga, wo einfach eine alte Halle für einen Rave gekapert werden kann, finden sich in Stuttgart nicht und auch in Berlin immer weniger. „Dafür haben die Menschen in Lettland ganz andere Probleme, fehlendes Geld und Mittel zum Beispiel“, berichtet die Musikerin mit lettischen Wurzeln. „In Stuttgart geht dafür viel im Zentrum, alles ist zu Fuß erreichbar und es gibt viele kleinere Locations.“
Ein großer Pluspunkt am Kessel ist für sie außerdem die Nähe zur Natur: „Ich mag die Umgebung und dass man schnell aus der Stadt raus kann und mitten im Wald ist, zum Beispiel von Feuerbach aus. Da bin ich sehr gerne.“ Die meiste Zeit ihres Privatlebens verbringt Laima Adelaide nämlich nicht in Clubs, sondern zuhause bei Freund:innen, im Studio oder im Wald.
„Es klingt so langweilig“, beginnt die Produzentin zu erzählen und zupft an ihrem Ärmel, „aber manchmal brauche ich einen Ausgleich: Nachdem ich Tracks gemacht habe, lade ich mir die aufs Handy und laufe dann gerne eine Stunde lang durch den Wald, wo mich nichts ablenkt, bis ich mir alles angehört habe. Auf die Arte gehe ich nicht so analytisch an die Tracks ran, sondern höre nebenher beim Spazieren, was passt und was nicht passt.“
Eher in Stuttgarts Wäldern als in Stuttgarts Clubs
Das wilde Partyleben ist nicht ihr Ding. Wenn man sie nachts im Club antrifft, dann meistens, weil sie einen Gig am selben Abend hat. Und auch das war etwas, woran sich die eher zurückhaltende junge Frau nach und nach erst gewöhnen musste. „Anfangs war ich bei jedem Auftritt so gestresst davon im Mittelpunkt zu stehen und der Tatsache, dass wenn etwas schiefgeht, es direkt alle hören können, dass ich oft dachte, ‚das ist das letzte Mal, dass ich das gemacht habe‘.“ Und auch ihr Kompositions-Studium in Stuttgart verlangte ihr diesbezüglich einiges ab: „Anfangs fand ich es überfordernd, etwas zu komponieren und es vor anderen Leuten präsentieren zu müssen – und dann wird es vor allen zerrissen.“
Mit Musik allein über die Runden kommen ist nicht einfach
Dass das Scheinwerferlicht zur Realität ihrer Berufswahl dazugehört, ist der aufmerksamkeitsscheuen Musikerin jedoch bewusst. „Man muss auch schauen, wie man es hinbekommt, mit seiner Musik leben zu können, wenn man keinen Nine-to-five-Job haben möchte. Denn durch die Releases kommt so gut wie gar kein Geld rein.“ Auftritte sind da lukrativer und auch Teil der Szene zu sein, Präsenz zu zeigen und zu netzwerken, ist wichtig für den Job, weiß die Stuttgarterin. „Man kann nicht nur in seinem stillen Kämmerchen sitzen und vor sich hin produzieren.“ Pragmatisch. Neben dem Auflegen und Produzieren geht Laima auch ihren studierten Berufen weiter nach, arbeitet als Komponistin und nimmt Aufträge im Bereich der Tonregie an.
Ob ihr Albtraum schon mal wahrgeworden und ihr live am DJ-Pult ein Fehler passiert ist? „Nein, tatsächlich nicht“, lacht sie, „vielleicht habe ich mal einen Übergang nicht so schön gemacht, aber das war’s auch.“ Potenzielle Horror-Szenarien spielen sich vor ihren Auftritten trotzdem manchmal noch in Laimas Kopf ab. „Meine größte Angst ist, dass der Laptop abstürzt, während ich live spiele oder irgendeine Technik versagt und die Leute denken, dass ich was falsch gemacht habe. Mittlerweile ist es aber besser geworden und ich schaffe es, nicht mehr so viel darüber nachzudenken.“ Ablenkung ist ihr Mittel der Stunde.
In Zukunft möchte die junge Vollblutmusikerin gerne mehr interdisziplinäre Arbeiten machen, etwa wie bei ihrem Auftritt auf der About Pop, bei dem auch Licht Teil der Performance sein wird. „Und auch Musik für ein anderes Medium zu schreiben, etwa ein Theaterprojekt, interessiert mich“, wagt die studierte Komponistin einen Blick in die Zukunft. „Ich möchte gerne etwas machen, was gesellschaftlich relevanter ist, als das, was ich jetzt mache“, fügt sie hinzu. „Manchmal denke ich, dass ich super egoistisch bin, weil ich nur das tue, worauf ich Lust habe und nichts zum Ganzen beitrage.“
Von Clubmusik zu interdisziplinären Projekten
Ab und zu denkt Laima darüber nach, wie es wäre, ihren zweiten Berufswunsch wahr gemacht zu haben und Ärztin geworden zu sein. „Ich weiß aber auch nicht, ob mir das liegen würde“, gibt sie zu, „mit Menschen zu arbeiten, wäre wahrscheinlich zu stressig für mich.“ Man muss sie fast daran erinnern, dass Subkultur und Musik auch einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert haben und es wichtig und gut ist, was sie macht. „Last Night a DJ saved my Life“ von Indeep kennen wir alle.