Unter 30: Musikerin und Schriftstellerin Leona Efuna „Ich singe über psychische Gesundheit, weibliche Lust und Sex“

Auf bestem Weg zum queer-feministischen Role Model: Leona Efuna (20). Foto: Rica Rauscher

Verlegte Autorin, Sängerin einer aufstrebenden Wave-Punk-Band, feministische Akteurin: Mit gerade mal 20 Jahren hat Leona Efuna Stuttgart schon ihren Stempel aufgedrückt.

Noch als Schülerin veröffentlicht Leona Efuna mit „Extravagant – Mond oder Sonne“ ihren Debütroman. 2022 stellt sie ihn auf der About Pop im Wizemann vor, greift zwischendrin zur Akustikgitarre und verzaubert den Saal mit ihrer Stimme. Wie viel Talent passt eigentlich in einen jungen Menschen?

 

Seither ist ein wenig Zeit vergangen, in der bei der jungen Stuttgarterin mal wieder viel passiert ist. Abitur, die damit verbundenen Wirren um eine ungewiss schimmernde Zukunft und eine gehörige Portion wohlverdienter Hedonismus, dann der Beginn des Studiums an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart. Zwischendrin gründet sie mit "Sex im Dunkeln" auch noch eine Band, deren Name schon beim Reeperbahn Festival in Hamburg verschwörerisch gewispert wurde.

Jurymitglied beim Stuttgarter des Jahres

„Am Abend vor dem zweiten Eignungsprüfungstag haben wir eine Show gespielt“, meint sie lachend. Schon daran merkt man, wie sie tickt: Studium ist wichtig und alles, klar. Ihre Band darf deswegen aber eben trotzdem nicht zu kurz kommen. Irgendwie presst Leona auf ihre quirlige Art mehr als viele andere in ihre Tage. Sogar ihre Aufgabe als Jurorin bei der Wahl zum Stuttgarter des Jahres. „Ich habe mich riesig gefreut und geehrt gefühlt, in der Jury zu sitzen“, erzählt sie fast ein wenig atemlos. „Die Jurysitzung war wertschätzend und ein schöner Space. Ich bin super dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte und freue mich total auf den den 20. März 2025, an dem die Preisverleihung stattfinden wird.“

Bücher mag sie als Kind eigentlich gar nicht, das kommt erst später. Musik hat es leichter: Mit ihrem Vater singt die kleine Leona zu Tupac mit, später trällert sie auf Weihnachtsmärkten. Heute ist sie verlegte Autorin, Sängerin einer gefragten Band, Kunststudentin… schon mit 20 Jahren hat Leona der Stadt ihren Stempel aufgedrückt. Dabei wollte sie gar nicht bleiben, erinnert sie sich. „Ich bin in Stuttgart zur Schule gegangen und gerade diese kleinen Randstadtteile wie der, in dem ich selbst groß geworden bin, geben mir etwas richtig Kaffiges, Konservatives und fast schon Spießiges, womit ich mich nicht identifizieren kann und was in mir jahrelang einen riesigen Fluchtinstinkt ausgelöst hat."

Neue Neue Deutsche Welle als Keimzelle

Mit vierzehn wollte sie erst nach Berlin oder Potsdam und dort Film studieren. Doch es kommt anders, sie macht ihren Frieden mit Stuttgart. „Jetzt wohne ich auch etwas städtischer, was mir einen anderen Blick auf Stuttgart eröffnet hat“, sagt sie. „Wahrscheinlich habe ich mich 2022 endgültig dazu entschieden, erst mal doch hierbleiben zu wollen.“ Das hat auch musikalische Gründe: Leona ist sowohl Fan als auch Akteurin der aufstrebenden Neuen Neue Deutsche Welle – und federführende Projekte wie Edwin Rosen kommen nun mal aus Stuttgart. In dieser Keimzelle, diesem Mikrokosmos innerhalb des Makrokosmos Indie-Szene ist sie zuhause.

Ihre Band Sex im Dunkeln ist ein Kind dieser Szene und zugleich ein Vorstoß in eine queer-feministische Indie-Zukunft. Denn: Die meisten NNDW-Acts sind immer noch sehr maskulin besetzt. Gegründet wurde die Band aus der Not heraus, wenn man das so sagen kann: „Anfang 2023 habe ich mich für ein paar Wochen in meiner Wohnung verschanzt und hatte einen psychischen Hänger. Dann habe ich mitbekommen, dass sich im Stuttgarter Schriftstellerhaus jeden Monat junge Menschen treffen und über ihre Texte sprechen. Das war meine die Rettung, denn gleich bei meinem ersten Besuch dort habe ich Dario kennengelernt.“ Mit ihm und weiteren Musiker:innen gründet sie noch im selben Jahr Sex im Dunkeln.

„Nacktheit, Sexualität, Femininität, female rage, Wahnsinn und Exzess“

Das ist eine Band wie keine andere. Weil Leona zu Beginn des Sets ein Gedicht vorträgt. Weil sie eine Geigerin haben. Weil sie bei ihren Shows immer eine Sexpuppe namens Pia dabei haben. Und damit fängt es erst an: „Unsere Musik besteht aus lauter Gegensätzen“, so Leona. „Ich habe mal formuliert, dass wir Songs machen von und für Menschen, die sich im 20. Jahrhundert einer Lobotomie hätten unterziehen müssen. Unsere Band besteht aus vier Flinta* Personen, die diese Lebensrealitäten auf die Bühne tragen.“ Nebenher jobbt sie bei Hunkemöller und trägt auf der Bühne häufig nicht mehr als ein Unterwäscheset ihres Arbeitgebers. „Wir mögen es, mit solchen Sachen zu spielen – Nacktheit, Sexualität, Femininität, female rage, Wahnsinn und Exzess.“ Das wird unter anderem auch auf der About Pop 2025 im Wizemann zu sehen sein – dem Ort also, an dem für Leona alles begann.

Ihre Musik sei ein „coping mechanism“ sagt sie, ein Werkzeug, das ihr dabei hilft, die Welt besser zu verstehen und den Alltag zu meistern. „Ich verarbeite meine Erfahrungen als Frau in einer Gesellschaft, in der wir prädestiniert dazu sind, gegeneinander anzutreten und uns gegenseitig ausstechen zu müssen, weil uns vorgelebt wird, dass es nur eine geben kann. Gleichzeitig ist es mir ein persönliches Anliegen, Banden zu bilden, Neid, Eifersucht und Competition untereinander zu überwinden und Schwestern und engste Vertraute füreinander zu sein“, sagt Leona. „Ich singe über meine eigene psychische Gesundheit, weibliche Lust und Sex.“

Eklatanter Mangel an Schwarzen Kreativen

Als weiblich gelesene POC ist Leona nicht nur in der hiesigen Musikszene die Ausnahme. Leider. „Ich glaube, es gab noch bei keinem Event, auf dem wir gebucht waren, eine einzige andere Schwarze Frau, die in einer Band war, geschweige denn eine einzige andere Schwarze Sängerin“, berichtet sie. "Es gibt in jedem Jahrgang an der Uni, wenn es hochkommt, eine andere Schwarze Person, aber eher immer nur je eine einzige pro Jahrgang. Wir leben in einer rassistischen, ableistischen, klassistischen und frauenfeindlichen weißen Mehrheitsgesellschaft und ich sehne mich sehr nach Freund:innenschaften mit anderen Schwarzen Kreativen.“

Mehr über ihre Band gibt es hier.

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