Ein Filmset als Freizeitpark
Über eine Zeitungsannonce findet Siewert zu ihrer ersten Rolle. Obwohl sie eigentlich nicht auf die ausgeschriebene Rolle passt, geht sie zum Casting und wird engagiert. Nach ersten Gastrollen folgt zwei Jahre später die erste Episodenrolle. Ein halbes Jahr lang dreht die damals 13-Jährige als Bestandteil des festen Casts von „Ein Fall für B.A.R.Z.“.
„Es war sehr aufregend, aber ich habe damals nicht realisiert, dass das Arbeit ist. Das war als würde jemand sagen: Komm, wir gehen heute in den Freizeitpark.“ Schon bald darauf steht Siewert für den Tatort mit Lena Odenthal in Ludwigshafen vor der Kamera.
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Schaulaufen am Rande des Wahnsinns
Im Laufe ihrer Karriere besucht die junge Schauspielerin unzählige Castings. Die ständige Bewertung führt jedoch dazu, dass Siewert sich entschließt, eine Pause einzulegen. „Wenn dir – als heranwachsende Frau – die ganze Zeit gesagt wird, dass etwas nicht mit dir stimmt, weil dein Gesicht zu rund ist oder du die falsche Haarfarbe hast, ist das schon nicht ohne“, erinnert sich Siewert.
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„Ich glaube, dass es für mich immer schon schwierig war, wenn Menschen nur meine Oberfläche bewertet haben. Deshalb ist mir auch besonders wichtig, dass meine Herzensmenschen immer um mich wissen. Egal, ob man einen Preis gewinnt oder man fünf Jahre lang arbeitslos ist – denn in diesem Beruf kann alles passieren.“
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Sitzenbleiben ist keine Alternative
Das Abitur in der Tasche hat Siewert – wie sie selbst sagt – „sämtliche Ahnungen und keine Ahnung“, wie es weitergehen soll. Ihre Wahl für ein Studium trifft sie damals ganz einfach nach dem Ausschlussprinzip. „Ich habe mir einige Vorlesungen angeschaut – das Problem war nur, dass ich die ganze Zeit die Menschen im Saal beobachtet habe, anstatt der Vorlesung zu folgen. Irgendwann habe ich dann gedacht: Ich glaube, mir fällt sitzen schwer. Ich muss etwas anderes machen“, sagt Siewert und lacht.
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Rückkehr ins Rampenlicht
Also beschließt sie, sich erneut dem Schauspiel zu widmen, bewirbt sich an sämtlichen staatlichen Schauspielschulen in Deutschland und erhält vorerst eine Absage nach der anderen. „Mit jeder Absage dachte ich dann aber, jetzt erst recht!“ Der zweite Anlauf bestätigt sie in ihrem Vorhaben: Für Siewert geht es an die Hochschule für Musik und Theater nach Leipzig. Dort lernt sie den Intendanten Armin Petras kennen, der sie später für ihre erste Rolle der Dorothy in „Der Zauberer von Oz“ ans Schauspiel Stuttgart holt.
Rollenbilder im Wandel der Zeit
Siewerts theatrale Sozialisierung ist laut, absurd und schräg. Als sie 2018 die Rolle der Julia in „Romeo und Julia“ mit kurzgeschorenen Haaren spielt, stößt sie bei so manchem auf Unverständnis. Und auch abseits der Bühne scheint die Haarlänge eine größere Rolle zu spielen als es Siewert lieb ist: „Es gab teilweise Casterinnen, die mir gesagt haben, dass ich für gewisse Rollen nicht mehr in Frage käme“, so Siewert. Die Begründung: Männer mögen einfach lange Haare.
Alles in allem werde es aber langsam besser, so Siewert: „Es gibt mehr Frauen in Hauptrollen, mehr Autorinnen, mehr Regisseurinnen und seit kurzem sogar die erste Kamerafrau nach 13 Jahren bei der SOKO Stuttgart.“ Entwicklungen, die Siewerts Herz höherschlagen lassen.
Mehr Freiheit, weniger Schubladen
Apropos Herz höherschlagen lassen: Das vermag bei Siewert vor allem die Theaterbühne. „Ich könnte jedes Mal aufs Neue in Tränen ausbrechen, wenn ich eine Bühne betrete. Ich liebe Bühnen. Ich liebe, dass sie dreckig sind, dass man in Jogginghose probt und dass man niemand sein muss – und alles sein kann“, so die 27-Jährige.
Für ihre berufliche Zukunft wünsche sie sich weniger Schubladen: „Ich fände es schön, mich als Schauspielerin nicht für Theater oder Film entscheiden zu müssen. Ich glaube solche Einschränkungen fallen mir sehr schwer. Deswegen wünsche ich mir die Freiheit, die Suche danach und keine Grenzen.“
Dieser Text erschien erstmals am 04.12.2021.