Unterbringung in Stuttgart Bald 900 Flüchtlinge im Bürgerhospital

Von Jörg Nauke 

Auf dem Gelände des Stuttgarter Bürgerhospitals wird es nach Informationen der Stuttgarter Zeitung aller Voraussicht nach keine Landeserstaufnahmestelle (Lea) für bis zu 650 Flüchtlinge geben.

Weitere Flüchtlinge sollen ins Bürgerhospital  ziehen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Weitere Flüchtlinge sollen ins Bürgerhospital ziehen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Auf dem Gelände des Stuttgarter Bürgerhospitals wird es nach Informationen der Stuttgarter Zeitung aller Voraussicht nach keine Landeserstaufnahmestelle (Lea) für bis zu 650 Flüchtlinge geben. Stattdessen gilt es als ausgemacht, dass die Stadt das gerade frei gewordene Hauptgebäude selbst als Flüchtlingsunterkunft nutzen wird. Ein Grund dafür ist, dass dort bereits in drei Gebäuden 220 Flüchtlinge friedlich zusammenleben, die Geldleistungen erhalten und sich selbst versorgen. Lea-Bewohner erhalten dagegen lediglich ein Taschengeld und werden vom Land mit Sachleistungen versorgt.

Diese Unterschiede könnten für Zwist sorgen. Die Stadt sucht wegen des starken Zustroms – im August muss sie 565 Personen unterbringen, also deutlich mehr als die bisher avisierten 307 pro Monat – händeringend Unterkünfte für die von ihr zu organisierende Anschlussunterbringung von Flüchtlingen

Sollten 600 bis 650 Flüchtlinge einziehen – auf jeder Etage sind 113 – wäre das Bürgerhospital mit dann fast 900 Personen das größte Flüchtlingsheim in der Stadt und würde aus schierer Not die Abkehr vom „Stuttgarter Weg“ bedeuten. Dieser sieht vor, Flüchtlinge über die Stadt zu verteilen und in möglichst kleinen Einheiten unterzubringen. Dafür hat der Gemeinderat kürzlich die vierte Tranche von Systembauten genehmigt; eine fünfte steht an.

Gegenüber gibt es eine Kita

Das Klinikgelände wird auch nach dem Auszug der meisten medizinischen Abteilungen intensiv genutzt. Dort wird die TV-Klinik-Serie „Dr. Klein“ gedreht, es gibt ein achtstöckiges Gebäude mit Personalwohnungen, in ein anderes wird die Stadt selbst einziehen. An der Tunzhoferstraße ist eine Kita fertiggestellt worden, in der auch der Nachwuchs der Bewohner des A-1-Geländes hinterm Hauptbahnhof unterkommt.

Gegenüber dem nun als Flüchtlingsunterkunft geplanten Hauptgebäude betreibt das Klinikum eine Betriebs-Kita mit 55 Kindern. Wer eintreten will, muss erst klingeln, das Freigelände ist umzäunt und mit einem Sichtschutz versehen. Ob das reiche, wenn ein traumatisierter Flüchtling in seiner Verzweiflung eine Geiselnahme plane?, fragt ein Vater zweier Kita-Kinder. Es gebe auch Erzieherinnen, denen nicht wohl sein wird, im Winter morgens um sechs Uhr den Park zu durchqueren. Saman Kader, ein iranischer Erzieher, der 1995 als Flüchtling nach Stuttgart kam, kann die Kolleginnen verstehen – und versucht sie zu beruhigen. Die Stadt plant eine 24-Stunden-Kontrolle durch Sicherheitspersonal, schließlich ist das Hospitalgelände nun offen; nur noch kleinere Einheiten sind bis Jahresende in Betrieb.

Eltern sind in großer Sorge

Der Elternbeirat der Ganztageseinrichtung will sich mit der städtischen Planung nicht abfinden, er sieht einen „erheblichen Nutzungskonflikt zwischen Flüchtlingsunterbringung und Kinderbetreuung“. In einem Brief an Krankenhausbürgermeister Werner Wölfle (Grüne) haben die Eltern ihrer „großen Sorge“ Ausdruck verliehen.

800 Flüchtlinge auf dem Gelände bedeuteten „ein enormes Konfliktpotenzial sowie ein erhebliches Risiko für Zwischenfälle“. Es wird aber betont, dass sich die Forderungen nicht gegen die Aufnahme von Flüchtlingen richteten. Das Gelände sei aber künftig für eine Kita nicht mehr geeignet. Der Beirat beklagt sich darüber, dass die Einrichtung (noch) nicht ans Katharinenhospital verlegt worden ist. Der dafür ins Auge gefasste Termin Ende 2016 sei „inakzeptabel“. Man fordere eine Zwischenlösung außerhalb des Hospitalgeländes. Diese sei „in einer Weise zu gestalten“, dass Mehrbelastungen vermieden würden. Zudem wird ein Sicherheitskonzept gefordert; zwei Kontrolleure seien zu wenig.

Bürgermeister Wölfle sagt, er kümmere sich mit der Klinikleitung um Transparenz, wirbt aber auch um Verständnis für die schwierige Lage der Kommune. Er bedauert, dass viele Bürger den Ernst der Lage noch gar nicht verstanden hätten. Es müssten in den nächsten Jahren womöglich Tausende Einrichtungsplätze geschaffen werden. Wölfle zeigte sich von der Selbstverständlichkeit, mit der die Eltern ihre Forderungen nach schnellen Alternativen formulierten, und vom Ton „überrascht“. Er ist sich sicher, die Befürchtungen entkräften zu können – „wie vor zwei Jahren beim Einzug der ersten 220 Flüchtlinge“. Dafür werde er selbstverständlich zum Elternabend kommen.

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