Unterdrückte Studie Eine späte Rechtfertigung

Von Werner Birkenmaier 

Wer legte den Reichtagsbrand 1933? Eine Studie des Historikers Hans Schneider ließ schon früh vermuten, dass es die Nazis selbst waren. Aber er wurde mundtot gemacht.

Hans Schneider (1907-1994) Foto: Frauke Haag
Hans Schneider (1907-1994) Foto: Frauke Haag

Stuttgart - Das jüngst erschienene Buch des amerikanischen Historikers Benjamin Carter Hett über den Reichstagsbrand bietet Anlass, an den im baden-württembergischen Schuldienst tätigen Studienrat und Historiker Hans Schneider zu erinnern. Wäre er mit seinen Forschungen zum Zuge gekommen, dann wäre die Ende der fünfziger Jahre etablierte These von der Alleintäterschaft des Holländers Marinus van der Lubbe schon in den sechziger Jahren zusammengebrochen. Weil man aber die Arbeiten Hans Schneiders auf geradezu skandalöse Weise unterdrückte, wurde es über Jahrzehnte hinweg zur herrschenden Meinung, nicht die Nationalsozialisten hätten am 27. Februar 1933 den Reichstag angezündet, sondern ein geistig und politisch verwirrter junger Mann aus Holland.

Die These vom Alleintäter, vom „Spiegel“ Ende der fünfziger Jahre verbreitet und von dem Historiker Hans Mommsen unterstützt, wurde auch von angesehenen britischen Historikern wie Ian Kershaw und Richard Evans kritiklos übernommen – und bis heute nicht korrigiert.

Schneider hegte an der These vom Einzeltäter Zweifel und begann zu forschen

Hans Schneider, 1907 in Weil der Stadt geboren, hatte in Tübingen, München und Berlin Geschichte studiert, war Assessor in Ulm und Stuttgart und dann Gymnasiallehrer in Baiersbronn und Freudenstadt. Nach seiner Pensionierung 1972 lebte er in Tübingen und von 1984 an in Stuttgart, wo er 1994 nach längerer Krankheit starb.

Weil Schneider an der These vom Einzeltäter in Sachen Reichstagsbrand von Anfang an Zweifel hegte, begann er zu forschen. Seine Arbeiten erregten die Aufmerksamkeit des hoch angesehenen Münchner Instituts für Zeitgeschichte, dessen Auftrag war, die Jahre der NS-Zeit gründlich aufzuarbeiten. Auch der Reichstagsbrand war als Vorhaben benannt. Weil aber die vom Verfassungsschutzbeamten Fritz Tobias verfasste „Spiegel“-Serie so viel Aufsehen erregte, musste das Institut handeln.

Professor Hans Helmut Krausnick, der Leiter des Instituts, beauftragte den Studienrat Hans Schneider, ein Gegengutachten zu verfassen. Ob nur kritische Würdigung oder gar Widerlegung – die Arbeit Schneiders sollte in den „Vierteljahresheften für Zeitgeschichte“ , die das Institut herausgab, veröffentlicht werden. Auf jeden Fall wäre es eine gewichtige Gegenstimme gewesen und hätte die Diskussion über die Urheber des Brandes beträchtlich vorangebracht. Doch zu dieser Veröffentlichung kam es nicht. Schneiders Arbeit verschwand, wurde eher zufällig wiederentdeckt und erst 2004, zehn Jahre nach Schneiders Tod, veröffentlicht.

Schneider wurde auf üble Weise mitgespielt

Diese Unterdrückung ist ein Wissenschaftsskandal ohnegleichen, der aber damals als solcher nicht erkannt wurde und Hans Schneider, einen Pionier in Sachen Aufklärung des Reichstagsbrandes, in Vergessenheit geraten ließ. Zudem wurde ihm auf üble Weise mitgespielt: Schneider wurde der Forschungsauftrag entzogen mit der fadenscheinigen Begründung, er habe seine Arbeit nicht termingerecht fertiggestellt. Auch wurde ihm untersagt, seinen Text anderweitig zu verwenden. Zugleich wurden ihm, sollte er gegen diese Auflagen verstoßen, dienstrechtliche Konsequenzen seines Dienstherrn, des Kultusministers Baden-Württemberg, angedroht. Kultusminister war 1962 Professor Gerhard Storz.

Der Ursprung des Skandals ist bei den Verantwortlichen des Instituts für Geschichte (IfZ) zu suchen, die eine Vereinbarung nicht einhielten, politischem Druck nachgaben und damit die freie wissenschaftliche Diskussion verhinderten. Heute wissen wir, dass erheblicher Druck auf das IfZ ausgeübt wurde und einige Mitglieder sogar regelrecht erpresst wurden. Das Ganze ereignete sich im Klima des Kalten Krieges, das rechte Tendenzen in der Bundesrepublik förderte. Da passte die These vom Alleintäter ins Bild.

Da das IfZ gegen „bestimmte Verzerrungen zeitgeschichtlicher Sachverhalte und strittiger Publikationen wie denen von Tobias“ Stellung beziehen wollte, reagiert dieser scharf. Der gelernte Buchhändler und selbst ernannte Historiker, der durch Nachkriegsumstände zum Verfassungsschützer aufgestiegen war, hatte sich nach berufsbedingten Kontakten zu ehemaligen Gestapo-Beamten früh schon auf die These vom Einze1täter festgelegt.

Der „Spiegel“-Herausgeber Augstein erhoffte sich für sein Blatt großes Aufsehen

Diese ehemaligen Beamten, die 1933 an der Vernehmung van der Lubbes beteiligt waren, aber auch mit Blick auf die neuen Machthaber Hinweise auf weitere Tatbeteiligte unterschlugen, mussten zu Beginn der sechziger Jahre fürchten, von der Justiz verfolgt und vielleicht sogar wegen Justizmordes angeklagt zu werden.

Das Reichsgericht hatte den Holländer, gestützt auch auf die Vernehmungsergebnisse der Gestapo, zum Tode verurteilt. Deshalb unterstützten die Beamten Tobias in seiner apodiktischen Festlegung auf einen Einzeltäter. Benjamin Carter Hett hat diese Vorgänge in seinem Buch aufgedröselt. Und der in Weil der Stadt lebende Autor Heinz-Joachim Simon hat den Druck, der auf demokratisch gesinnte Kriminalbeamte ausgeübt wurde, zwar in Romanform, aber nahe an der Realität, in seinem Buch „Der Reichstagsbrand und der Kommissar“ anschaulich geschildert.

Tobias war ein Mensch, der glaubte, bei allen Streitfragen im Besitz der Wahrheit zu sein, und er konnte auf die Mitarbeit des „Spiegel“-Herausgebers Rudolf Augstein zählen, der sich für sein Blatt großes Aufsehen erhoffte. Als Mitarbeiter des Verfassungsschutzes hatte Tobias Zugang zu Informationen, die es ihm ermöglichten, Druck auf das Institut auszuüben.

Das IfZ änderte seine Position zum Reichstagsbrand

Als ihm die Verpflichtung Hans Schneiders bekannt wurde, schrieb er an Krausnick: „Sie haben das Institut in eine fatale Situation gebracht.“ Da Tobias Zugang zu den NS-Akten des Berliner Document Center hatte, wusste er: Krausnick war 1932 in die NSDAP eingetreten (hatte aber schon 1934 die Partei wieder verlassen, was man als mutigen Schritt bewerten muss). Gleichwohl nannte Tobias Krausnick einen „alten Kämpfer“. Allerdings waren auch andere IfZ-Mitglieder Parteigenossen gewesen, wie später bekannt wurde.

Zusätzlich erhöhte die Zeitschrift „Kristall“ den Druck. Deren Chefredakteur Horst Mahnke, ein ehemaliger SS-Mann, der nach dem Krieg Mitglied der „Spiegel“-Redaktion gewesen war, hatte Tobias dort den Weg bereitet und wetterte nun gegen Schneider. All das war eine breit angelegte Kampagne der Rechten, die kritische Forschung verhindern wollte.

Unter dem wachsenden Druck änderte das IfZ seine Position zum Reichstagsbrand. Krausnick war klar, dass sein Institut von öffentlicher Förderung abhing und damit vom Wohlwollen der Politiker. Hans Schneider wurde bedeutet: „Wir können kein Ergebnis publizieren, das wir nicht voll vertreten können.“ Schneider musste am Ende erkennen: „Das IfZ hat sich dem Druck von außen, genauer der Furcht vor Tobias, Augstein und Genossen gebeugt.“

Schneider sah sich in seiner Würde als Forscher verletzt

Ihn selbst hatten die damaligen politischen Umstände, die Bundesrepublik im Kalten Krieg, nicht interessiert. Ihm war es auch nicht so sehr um These und Gegenthese gegangen, vielmehr störten ihn bei Tobias die Schlampereien im Umgang mit den Quellen. Als „Historiker vom Geblüt“ bestand Schneider auf der Forderung: „Zurück zu den Quellen.“ Nun sah er sich in seiner Würde als Forscher verletzt, vor allem dadurch, dass Krausnick, um dem Dilemma zu entkommen, den jungen Historiker Hans Mommsen beauftragte, seinerseits eine Studie zum Reichstagsbrand anzufertigen. Mommsen hatte einen Forschungsauftrag am Institut, aber noch keine feste Position. Offenbar hatte er früh schon erkennen lassen, dass er im Streit über den Reichstagsbrand Tobias und seiner „Spiegel“¬Serie zuneigte. Das sicherte ihm den Auftrag.

Mommsen witterte hier eine Chance, erstmals seine Theorien über die Entstehung des Hitler-Reiches zu entwickeln, mit denen er später Anklang fand und ein bedeutender Historiker der Nachkriegszeit wurde. Da er die These von Hitler als einem „schwachen Diktator“ vertrat, auf den mehr oder weniger alles zugelaufen war, konnte er sich wohl von vornherein nicht vorstellen, Hitler sei der oder einer der Urheber des Brandes gewesen. Mommsen meinte, die NS-Herrschaft habe sich ungeplant und vielfach spontan entwickelt. Hitler und Göring seien von dem Brand überrascht worden, die Täter könnten nur die Kommunisten gewesen sein.

Die Notverordnung, die unmittelbar nach dem Brand in Kraft trat (also vorbereitet gewesen sein musste) und die Weimarer Reichsverfassung weitgehend außer Kraft setzte, wurde nach Mommsens Auffassung nur aus Furcht vor einem kommunistischen Aufstand erlassen. Da die Kommunisten es aber nicht waren und die Nazis es nicht gewesen sein durften, konnte man sich auf den armen van der Lubbe konzentrieren. Jedenfalls passten die Thesen von Tobias in Mommsens Konzept.

Und dafür räumte er Schneider mit wenig feinen Methoden aus dem Weg. Es existiert eine Aktennotiz, in der Mommsen dem Institutsleiter empfiehlt, Hans Schneider mit schein-legalen Mitteln schachmatt zu setzen. Eine Veröffentlichung von Schneiders Manuskript sei „aus allgemeinen politischen Gründen“ nicht erwünscht, er solle vor allem, mit Hilfe des Stuttgarter Ministeriums unter Druck gesetzt werden aufzugeben, sein Projekt sei wissenschaftlich „völlig unakzeptabel“.

Krausnick gab nach und löste damit einen Skandal aus, der erst im Jahr 2000 publik wurde. Hersch Fischler, historisch interessierter Soziologe und Reichstagsbrandforscher, stieß im IfZ eher zufällig auf Schneiders vergessene Arbeit mit dem Titel „Neues vom Reichstagsbrand?“ und andere Unterlagen. Fischler war bald klar: Auch wenn Schneider bei der Abfassung dieser Arbeit noch nicht über Materialien verfügen konnte, die erst nach dem Fall der Mauer erreichbar wurden, konnte dieser Text die These von der Alleintäterschaft erschüttern, vielleicht sogar widerlegen.

Aber man wollte damals die Wahrheit nicht wissen. „Keine Quelle darf unberücksichtigt bleiben“ – dieser These des IfZ-Mitglieds Martin Broszat von 1960 schloss sich Schneider an. Er konnte mit seinem akribischen Vorgehen darlegen, dass Tobias Fakten verfälscht und abwegige Zeugenaussagen herangezogen hatte. Die Wahrheit setzt sich nur mühsam durch, immer noch gibt es Anhänger der These vom Einzeltäter van der Lubbe. Vielleicht hatte das IfZ, wie es Professor Hett formuliert, Angst davor, „am Ende dem Reichstagsbrand selbst zum Opfer zu fallen“.