Unterensingen Folie ist dem Heusenkraut gewachsen

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Eine eingewanderte Pflanze bedroht das Ökosystem der Unterensinger Baggerseen. Die Behörden nehmen das Problem ernst. Der Eindringling könnte sich über das Gewässersystem des Neckars weiter ausbreiten.

Das Heusenkraut ist erst zum zweiten Mal in Deutschland gesichtet worden. Folie soll die Ausbreitung verhindern. Foto: privat
Das Heusenkraut ist erst zum zweiten Mal in Deutschland gesichtet worden. Folie soll die Ausbreitung verhindern. Foto: privat

Unterensingen - Eine schwarze, in Uferbereichen des Schülesees bei Unterensingen befestigte Folie ist die Ursache für Verschwörungstheorien im Internet. Auf Facebook mutmaßen Kritiker, mit der Plane wolle die Deutsche Bahn für Stuttgart 21 dem vor kurzem in das Naturschutzgebiet Am Rank eingewanderten Biber auf den Pelz rücken. Doch hinter der Folie steckt eine andere Absicht. Das Regierungspräsidium (RP) will damit des Heusenkrauts Herr werden, das sich dort ausgebreitet hat. Für Naturschützer indes kommt diese Abwehraktion zu spät.

Bereits im Sommer 2008 hatte Karl-Heinz Frey vom BUND Nürtingen die ersten Exemplare von Ludwigia uruguayensis an den ehemaligen Baggerseen entdeckt und an das RP gemeldet. Der lateinische Name deutet die Herkunft des Flutenden Heusenkrauts an. Die Zierpflanze wurde 1823 von Südamerika nach Frankreich importiert. In Europa ist sie auf dem Vormarsch, in der Region Stuttgart aber neu. Eine wild lebende Population tauchte in Deutschland vor elf Jahren einzig in Niedersachsen auf.

Kraut steht auf der Liste der „fiesen“ Arten

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) führt das Kraut auf der „schwarzen Liste invasiver Arten“. Dort sind Pflanzen aufgeführt, die die biologische Vielfalt bedrohen. Das Heusenkraut aus der Familie der Nachtkerzengewächse kann große Wasserflächen vollständig bedecken. Andere Arten werden verdrängt, die Fließgeschwindigkeit und der Sauerstoffgehalt von Gewässern werden verringert, es droht eine Verschlammung. Das BfN empfiehlt eine mechanische und chemische Bekämpfung.

Das Heusenkraut sieht harmlos aus, wuchert aber ganze Seen zu. Foto: privat

Zunächst sei der vom Heusenkraut bedeckte Streifen circa 100 Meter lang gewesen, erinnert sich Karl-Heinz Frey. Dem RP schlug er vor, an den betroffenen Stellen die Pflanzen mit der Erde auszubaggern und das Übel buchstäblich an der Wurzel zu packen. Circa ein Jahr lang sei jedoch nichts passiert. Frey: „Als die Fläche immer größer wurde, gab es eine halbherzige Aktion mit Planen“ – die letztlich nicht fruchtete.

Naturschützer: Gegenmaßnahme kommt zu spät

Man sei noch im Jahr 2011 aktiv geworden, sagt hingegen die Behörde. Jetzt nimmt das RP einen neuen Anlauf mit dicker Teichfolie. Die Bereiche mit dem Heusenkraut werden großflächig abgedeckt, „damit die Pflanze kein Licht mehr bekommt und abstirbt“, informierte das Referat Naturschutz und Landschaftspflege Karl-Heinz Frey im Dezember. Für die beabsichtigte Wirkung müsse die Folie zwei bis drei Jahre liegen bleiben. „Da es sich um eines von bisher zwei bekannten Vorkommen in Deutschland handelt, ist auch das BfN informiert und an einer dauerhaften Beseitigung der Pflanze interessiert“, schreibt das Regierungspräsidium. Um eine Beschädigung der Folie zu vermeiden, wurden Teile der Ufervegetation entfernt und einzelne Gehölze zurückgeschnitten.

Karl-Heinz Frey ist aber skeptisch: „Das Heusenkraut hat sich inzwischen an anderen Stellen ausgebreitet und ist wohl kaum mehr zu stoppen. Mit den Planen kommen die viel zu spät.“ Noch aus einem weiteren Grund rechnet der Naturschützer damit, dass die Aktion am Schülesee ein Schlag ins Wasser werden könnte. Er sieht die Gefahr, dass sich das Heusenkraut behauptet, erwünschte Arten wie Zypergras oder Wasser-Ehrenpreis, die unter der Folie eingehen. Die Sorge scheint berechtigt. „Eine Beeinträchtigung der von Ihnen genannten Artenvorkommen kann durch den langen Zeitraum der Ausbringung nicht ausgeschlossen werden“, so das RP. Langfristige Folgen seien aber nicht zu erwarten.

Landesbehörde: Biber kann ausweichen

Die Folie hält die Behörde für das kleinere Übel. Eine Ausbreitung des Eindringlings „hätte für die aquatische Pflanzen- und Tierwelt viel gravierendere Auswirkungen, eventuell sogar deutschlandweit, als die kleinräumigen temporären Eingriffe im Naturschutzgebiet“. Es besteht die Sorge, das Kraut könnte sich über das Gewässersystem Neckar ausbreiten. Vorangegangene Versuche, das Heusenkraut abzuflammen, seien fehlgeschlagen. Eine Ausbaggerung hält das RP für kontraproduktiv. Die beruhigende Nachricht aus Stuttgart: Für den Biber bestehe keine Gefahr. Er habe im Schutzgebiet „großflächige Ausweichhabitate zur Verfügung. Diese umfassen sowohl die vor allem als Winternahrung dienenden Bäume als auch viele Kräuter während der Sommermonate“, teilt das RP mit.