Unterführung am Bahnhof Stuttgart Musik in der Klett-Passage: Die „Aufwertung“ ist für Obdachlose eine Zumutung

Deckenlautsprecher beschallen die Klett-Passage mit klassischer Musik. Foto: Nina Scheffel/StZN

Die Musik in der Klett-Passage soll den Ort „aufwerten“. Was Passanten Harmonie und Sicherheit vermitteln soll, bringt anderen Gruppen das Gegenteil, meint Redakteurin Nina Scheffel.

Digital Desk: Nina Scheffel (nse)

Tag für Tag wuseln tausende Passantinnen und Passanten in der Arnulf-Klett-Passage am Stuttgarter Hauptbahnhof, oberhalb der S- und Stadtbahn-Gleise, zwischen Bäckerei, Buchladen, Bankautomat und Kiosk umher. Sie sind auf dem Weg zur Arbeit, zu einer Verabredung, zum Einkaufen oder kommen dorther. Die meisten von ihnen verbringen nicht mehr Zeit als nötig in der Unterführung. Die Klett-Passage ist für sie lediglich ein Durchgangszimmer.

 

Dennoch bespielt die Mietervereinigung Klett-Passage gewisse Areale mit nicht zu überhörender, meist klassischer Musik über Lautsprecheranlagen, die in der Passagendecke verbaut sind. Das Argument: Die Musik werte die Passage auf, sorge für Harmonie, steigere das Wohlbefinden der Leute und damit vielleicht sogar ihr Sicherheitsgefühl, das durch die steigende Zahl von Straftaten vor Ort zunehmend leide.

Tatsächlich belegen auch Studien diese These. Ein Argument, das man also zählen lassen könnte. Gleichzeitig bleibt zu bedenken, dass die meisten Menschen vor Ort lediglich ein paar Sekunden oder Minuten von diesem Wohlbefinden profitieren, bevor sie in die nächste Bahn steigen oder die Passage wieder verlassen. Auch darüber, ob treibende Stücke von Komponisten wie Richard Wagner und Johann Sebastian Bach dafür die richtige Wahl sind, lässt sich streiten. Manches Musikstück scheint die Hektik, die den Verkehrsknotenpunkt des Hauptbahnhofs ohnehin beherrscht, nur noch zu verstärken.

Passanten gehen nach Hause, andere in die Winterkälte

Aber auch, wenn die Musik-Auswahl den persönlichen Geschmack nicht trifft: Die Passantinnen und Passanten sind schnell in der nächsten Bahn verschwunden oder stülpen der Klassik in Dauerschleife ihren Lieblings-Pop-Song über, indem sie sich einfach ihre Kopfhörer ins Ohr stecken.

Zudem: Was für die einen eine „Aufwertung“ bedeutet, muss von den anderen nicht zwangsläufig ebenso wahrgenommen werden. Für marginalisierte Gruppen wie beispielsweise Menschen ohne Obdach besteht nicht die Option, die Musik auszuschalten. Sie steigen nicht in die Bahn, besitzen höchstwahrscheinlich nicht einmal Kopfhörer, geschweige denn ein Smartphone. Ihre alltäglichen Nöte sind fundamental: Für sie ist die Klett-Passage häufig einer der wenigen Zufluchtsorte – gerade, wenn die Temperaturen im Winter unter die Null-Grad-Marke sinken. Aber wie dort bleiben, wenn rund um die Uhr laute Musik gespielt wird?

Harmonie und Sicherheit mithilfe von Musik?

Die Klett-Passage ist Verkehrsweg, Einkaufsmeile und für manche Obdachlose auch ein wettergeschützter Ort. (Archivbild) Foto: imago/Arnulf Hettrich

Dass die Menschen längerfristig in der Passage bleiben, eben das will die Stadt Stuttgart nicht, gibt an: Allen obdachlosen Menschen stünden Notschlafplätze zur Verfügung. Kein Mensch müsse obdachlos sein. Der Grund, warum sich in der Passage möglichst keine solchen Menschengruppen aufhalten sollten? Die Sicherheit der Passantinnen und Passanten sowie Mitarbeitenden. Gerade in der Nacht habe es in der Vergangenheit Vorfälle gegeben, bei denen etwa SSB-Bahn-Fahrerinnen und -Fahrer nachts keinen Zugang zu Rückzugsorten und Toiletten in der Unterführung gehabt hätten, da sich Leute vor den Türen aufgehalten hätten. Im Jahr 2024 wurde das Hausrecht in der Passage entsprechend geändert. Seitdem ist neben der Polizei auch der Sicherheitsdienst der SSB auf Kontrollen unterwegs. Reicht das denn nicht aus?

Klett-Passage ist kein Wohnzimmer – aber für Passanten schon?

Und was ist mit der Zeit zwischen den Nächten, nämlich tagsüber? Viele Menschen sind dann in der Passage unterwegs – wieso sollen sich also nicht auch die, die ohnehin keine andere Möglichkeit haben, dort aufhalten können? Musik in Dauerschleife sorgt wahrscheinlich bei den wenigsten für eine höhere Aufenthaltsqualität. Ist die Beschallung also wohl doch nicht nur Mittel zur Harmonie-Verbreitung, sondern eine subtile Verdrängungsstrategie gegenüber Obdachlosen, die sich unter sogenannter defensiver Architektur einordnen lässt?

Auch wenn man das Argument aufrecht erhält: Wer die Musik in der Passage tatsächlich als Mittel zur Aufwertung des Orts deklariert, sollte nicht nur an die Passanten denken. Die Klett-Passage kann kein Wohnzimmer für einzelne Klassikliebhaber sein, sondern sollte ein Raum sein, der alle Stadtbewohner willkommen heißt. Und das inkludiert insbesondere obdachlose Menschen und andere marginalisierte Gruppen.

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