Unterkünfte der Mineure Die Nomaden vom Nordbahnhof

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Das Leben ist hart für die Tunnelspezialisten bei Stuttgart 21. Der Container ist ihr Zuhause.

Schönheit spielt keine Rolle, praktisch müssen sie sein: die Unterkünfte für die Mineure am Nordbahnhof. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Schönheit spielt keine Rolle, praktisch müssen sie sein: die Unterkünfte für die Mineure am Nordbahnhof. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Unter Günter Laggners Füßen türmen sich große Gesteinsbrocken. Der 46-Jährige muss darauf achten, wie er seine Schritte setzt. Schließlich steht Laggner dort, wo bis vor Kurzem noch gar niemand hat stehen können, denn dort war bis zur Detonation genau kalkulierter Sprengstoffmengen massiver Fels. Der Kärntner baut am Cannstatter Tunnel mit, der im Rahmen des Projekts Stuttgart 21 einmal den Stadtbezirk am Neckar mit dem Bahnhof in der Innenstadt verbinden soll. Die jüngste Sprengung liegt kaum eine halbe Stunde zurück, Laggner und ein Kollege sind zunächst damit beschäftigt, die Kabel für die Beleuchtung der unterirdischen Baustelle dem neuen Vortriebsstand anzupassen. Derweil macht sich ein Dritter in einem riesigen Radlader sitzend daran, die Felstrümmer wegzuräumen.

Denkbar ungünstige Bedingungen für ein Gespräch. Aber Laggner ist solches Agieren zwischen Tür und Angel gewohnt. Der 46-Jährige, der seit 20 Jahren unter Tage arbeitet, gehört zu den 120 Mineuren, Schlossern, Elektrikern und Maschinenmeistern, die in einem dicht gedrängt stehenden Containerdorf im Inneren Nordbahnhof wohnen. 15 Quadratmeter stehen ihm dort zur Verfügung, die er immerhin alleine bewohnt. „Alles andere wäre auch nicht zumutbar“, reagiert Laggners Chef Günther Weilharter schon fast überrascht auf die Frage, ob sich womöglich zwei Kollegen einen Wohncontainer teilen müssen. „Ein Mindestmaß an Privatsphäre muss schon sein“, sagt Weilharter und ist sehr reserviert, als es darum geht, über Tage mal einen Blick in die Unterkünfte zu werfen. Der 57-Jährige öffnet dann doch die Tür zum langen Flur. Rechts geht es zu den Sanitäranlagen, die sich immer sechs Mann teilen, links in eine improvisierte Küche. Daran schließen sich die Schlafcontainer an. Gesprochen wird im Gang nur im Flüsterton. Hinter den Metalltüren schlafen die Mineure.

Zwölf Stunden Arbeit, zwölf Stunden Pause

Zwölf Stunden haben die Arbeiter Zeit für die Erholung, ehe sich eine ebenso lange Schicht anschließt. Gewechselt wird jeweils um 6 und um 18 Uhr. Von den zwölf Stunden unter Tage werden zehn gearbeitet, zwei sind Pausenzeiten. Die nimmt aber nie die ganze Mannschaft, im Mineursjargon „das Drittel“, gemeinsam wahr, denn der Tunnelbau darf niemals stehen und muss immer weitergehen.

Zehn Tage am Stück wird gearbeitet, dann folgen fünf freie Tage am Stück. Laggner und seine Kollegen packen dann ihre Siebensachen und lassen das Containerdorf am Nordbahnhof hinter sich. 500 Kilometer fährt Laggner, bis er wieder daheim ist. „Da muss natürlich das Zuhause mitspielen“, sagt er. Seit drei Jahren schon pendelt er nun zwischen Kärnten und der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Von der hat er noch nicht viel gesehen, wie er freimütig einräumt. „Was willst auch anschauen nach zwölf Stunden Arbeit?“, fragt er zurück. In den Containern gibt es Satelliten-Fernsehempfang. Für etwas Abwechslung – zumindest in der warmen Jahreszeit – haben sich die Nomaden vom Nordbahnhof an den Rand ihrer Containerbehausung einen Biergarten mit Hütte gezimmert. „Käfer-Stüble“ haben sie die ambulante Kneipe getauft, als kleine Hommage an die Artenschutzprobleme, die den Bau von Stuttgart 21 immer wieder ausbremsen.

Während Günter Laggner und Kollegen sich weiter in Richtung Innenstadt sprengen und graben, erzählt über Tage Günther Weilharter aus dem Leben eines Tunnelbauers. „Ich bin ja fast ein halber Deutscher“, sagt der Steirer. Seit 23 Jahren steht er in Diensten des Baukonzerns Hochtief. Der gehört mittlerweile mehrheitlich einer spanischen Gruppe, an deren Spitze Florentino Pérez Rodríguez steht – der auch Präsident von Real Madrid ist. „Also ist der Ronaldo doch mein Kollege“, schlussfolgert Weilharter und lacht. Kaum vorstellbar, dass sich der grazil aufspielende Fußballkünstler in der rauen Welt der Tunnelbauer zurechtfinden würde.