Unterkunft in Stuttgart-Birkach Bei Starkregen müssen Flüchtlinge wieder raus

Von und Frank Wahlenmaier 

Nach einem Unwetter hatten sich in der Flüchtlingsunterkunft in Stuttgart-Birkach Keime und Bakterien ausgebreitet. Ein Gebäude musste aufwendig saniert werden, mehrere Bewohner wurden trotz Protest zwangsweise in Container umgesiedelt. Das Pikante daran: Dies könnte exakt so erneut passieren.

Erst durch ein Polizeiaufgebot konnte die Unterkunft in Stuttgart-Birkach damals geräumt werden. Denn die Flüchtlinge wollten nicht in Container umziehen. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
Erst durch ein Polizeiaufgebot konnte die Unterkunft in Stuttgart-Birkach damals geräumt werden. Denn die Flüchtlinge wollten nicht in Container umziehen. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Birkach - Sollte es in der kommenden Zeit noch einmal stark regnen, müssten die Flüchtlinge aus der Unterkunft an der Ohnholdstraße in Birkach möglicherweise erneut ausziehen und auf diverse andere Unterkünfte in der Stadt verteilt werden. Denn seitdem durch ein Hochwasser eine Schlammlawine das Erdgeschoss des Gebäudes B 1 für ein knappes halbes Jahr unbewohnbar gemacht hatte, wurden keine präventiven Maßnahmen ergriffen, um die Behelfsbauten vor weiteren Unwettern zu schützen.

Keime und Bakterien hatten sich ausgebreitet

Vor etwa einem Dreivierteljahr, im Mai 2019, hatte es so stark geregnet, dass die Wassermassen auf dem Birkacher Feld nicht mehr abfließen konnten. So gelang eine Schlammlawine in die Flüchtlingsunterkunft an der Ohnholdstraße, die direkt an den Äckern liegt. Die Wassermassen ließen das Fundament des Gebäudes B 1 schimmeln, machten das Erdgeschoss unbewohnbar, Keime und Bakterien breiteten sich aus. Es musste daraufhin aufwendig saniert werden.

Für fünf Monate – von August 2019 bis Januar 2020 – mussten deshalb 28 Bewohner ausziehen. Die geflüchteten Menschen wurden auf andere Unterkünfte und teilweise auch auf spärliche Container auf der Waldau in Degerloch verteilt – zum Ärger mehrerer Bewohner.

Erst ein Polizeiaufgebot ermöglichte die Räumung

Der 25-jährige Mohammad Fallah war einer der Bewohner, die sich vehement gegen die Umsiedlung gewehrt hatten: „In den Containern ist es laut, und die Zimmer sind auch kleiner.“ Auf sieben Quadratmetern würde man dort meist zu dritt leben. Außerdem seien die brechend vollen Müllcontainer unangenehm, die vor den Containerunterkünften stünden und selten geleert würden. Zudem seien die Hygienestandards fragwürdig – und es gebe keinerlei Privatsphäre. Man lebe eingepfercht „wie Tiere“, sagte er damals zu unserer Zeitung. Hinzu kam, dass ein familiäres Gemeinschaftsgefühl unter den Bewohnern entstanden sei. Mehrere Proteste und Demonstrationen der Geflüchteten gegen das Sozialamt waren die Folge, erst ein Polizeiaufgebot ermöglichte die vollständige Räumung der Unterkunft.

Nach den Trocknungs-, Maler-, Bodenbelags- und Reinigungsarbeiten in der Birkacher Unterkunft durften zwar all diejenigen, die wollten, wieder zurück an die Ohnholdstraße ziehen – allerdings könnte jederzeit eine weitere Schlammlawine die Unterkunft treffen und erneut unbewohnbar machen. „Das ist eine vertrackte Situation“, sagt Andrea Lindel, die Bezirksvorsteherin von Birkach und Plieningen. Denn freilich wolle man bei der Stadt nicht zu viel Geld für Handwerker bezahlen, da es sich bei der Flüchtlingsunterkunft um kein hochwertiges Gebäude, sondern um Behelfsbauten handele.

„Was, wenn es hier wieder eine Überschwemmung gibt?“

Mohammad Fallah und sein kleiner Bruder konnten nach den Renovierungsarbeiten in das Obergeschoss der Unterkunft B 1 zurückkehren. „Von den anderen Flüchtlingen kamen nur noch ein Mann und eine Familie mit zwei Kindern zurück“, berichtet der 25-jährige Syrer, der sich inzwischen an der Universität in Vaihingen eingeschrieben hat. Er möchte sein Architekturstudium fortsetzen, welches er in Syrien aufgrund des Kriegs abrupt abbrechen musste.

Trotz allem bleibt Mohammad Fallah skeptisch, was die Situation in Birkach betrifft: „Ich bin für vieles dankbar – aber was, wenn es hier wieder eine Überschwemmung gibt?“ Sein Blick wandert aus dem Fenster zum Feld, von wo die Schlammlawine vor einem knappen Jahr kam und ihn zurück in die Containerunterkunft brachte. An diesem Tag regnet es erneut wie aus Kübeln, das Untergeschoss bleibt aber vorerst trocken.

Möglicherweise wird ein Wall errichtet

Bereits mehrfach seien Experten der Stadtverwaltung vor Ort gewesen, hätten sich die Situation angeschaut und überlegt, was man machen könne, berichtet Andrea Lindel. Passiert ist aber bisher nichts. Veronika App, die bei der Stadt Stuttgart im Hochbauamt tätig ist, ergänzt: „Das Liegenschaftsamt ist mit dem Garten- und Friedhofsamt in Kontakt, um Vorschläge zu erarbeiten, welche präventiven Maßnahmen ergriffen werden können, um zukünftig solche Überschwemmungen zu vermeiden, und wie diese umzusetzen sind.“

Das Problem: Durch das Gefälle auf dem Birkacher Feld sei es schwierig, einen optimalen Schutz zu gewährleisten, erläutert Lindel. „Und man kann das Regenwasser vom Feld nicht einfach in die Kanalisation leiten, es müsste vorher vom Ackerschlamm getrennt werden.“ Deshalb überlege man derzeit, einen Wall zu errichten, also Erde aufzuschütten, um die ans Birkacher Feld angrenzenden Gebäude vor weiteren Unwettern zu schützen.

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