Unternehmen aus Ostfildern Wie Elektror seit hundert Jahren mit Luft gute Geschäfte macht

Die Produktion bei Elektror in den 1960er Jahren, damals noch in einer Werkhalle in Esslingen. Foto: Elektror Airsystems

Der Firmengründer war ein Tüftler, wie er im Buche steht. Nach hundert Jahren ist das Unternehmen Elektror Airsystems mit Sitz in Ostfildern ein Global Player. Warum Luft ein gutes Geschäftsmodell ist – und sich die Firma einst von ihrer Sirenensparte trennte.

Sie sorgen dafür, dass Pommes, Schokolade und Salate getrocknet werden, dass im ICE der Druckausgleich funktioniert und die Rohrpost in Krankenhäusern schnell ankommt: die Industrieventilatoren der Firma Elektror Airsystems. An diesem Dienstag feiert das am 15. Oktober 1924 als Elektror-Motoren-Handelsgesellschaft in Esslingen gegründete Unternehmen am heutigen Firmensitz im Scharnhauser Park sein 100-jähriges Bestehen.

 

Juristerei war dem Unternehmensgründer zu fad

„Er war der Steve Jobs von damals“, sagt Ulrich W. Kreher, seit 2001 Geschäftsführer der Elektror-Gruppe, über den Unternehmensgründer Karl W. Müller, der 1959 unerwartet starb. Der Rechtsreferendar sei mit der Juristerei nicht so recht glücklich gewesen, habe sich in Zeiten der Mangelwirtschaft vielmehr berufen gefühlt, etwas zum Aufschwung beizutragen. Müller habe einen riesigen Bedarf an Motoren in unterschiedlichsten Anwendungsbereichen gesehen. Ein Jahr nach der Firmengründung stellte er deshalb vom reinen Vertrieb auf die eigene Motorenproduktion um. „Er war wirklich ein Erfinder. Er kam nicht aus dem Beruf“, sagt Kreher. Müller habe in den 1920er und 1930er Jahren Spezialmotoren für Nähmaschinen und die Schuhherstellung entwickelt.

Ein Jahrzehnt nach der Gründung war Elektror ein etabliertes Unternehmen. Neben elektrischen Einzelantrieben gehörten die ersten Absaug- und Anfachgebläse zur Produktpalette. Mit unternehmerischem Gespür schaffte Müller frühzeitig die Voraussetzungen für die Zertifizierung genormter Sirenen durch das Amt für Zivilschutz. Es entstand die erste Serienbaureihe, die den Grundstein für die weitere Ausrichtung des Betriebs auf die Lufttechnik legte. Fortan konzentrierte sich Müller auf die elektrisch betriebene Ventilatorentechnik und den Ausbau des Portfolios.

Als „Sirenen-Müller“ wurde der Betrieb einst berühmt

In den Kriegsjahren bestand großer Bedarf an Luftschutzsirenen und Bunkerlüftern. 1942 wurde ein Teil der Produktion ins badische Waghäusel verlagert. Weil an beiden Standorten trotz Schallschutzkabinen das Geheul der getesteten Sirenen weithin zu hören war, erhielt Elektror von der Bevölkerung den Spitznamen „Sirenen-Müller“. Vor 20 Jahren wurde diese Sparte verkauft. „Der Umsatzanteil damals war genau vier Prozent. Die Sirenen passten nicht mehr zur Fokussierung auf unsere Kernkompetenz“, sagt Kreher.

Ulrich W. Kreher in der Firmenzentrale in Ostfildern. Foto: Marion Brucker

Nach Müllers Tod übernahm dessen Frau Margarete Müller-Bull die Leitung des Betriebs mit damals 300 Beschäftigten. Unterstützt wurde sie von langjährigen Weggefährten. Ihr Führungsstil sei nicht immer unumstritten gewesen, aber wenn sie von Vorhaben erst einmal überzeugt gewesen sei, habe sie Investitionen nicht gescheut, so Kreher. Er selbst hatte bei ihr 1992 als Assistent der Geschäftsführung begonnen und war bereits ein Jahr später Prokurist.

435 Beschäftige arbeiten an vier Standorten für Elektror

Heutzutage fertigt das Unternehmen an vier Standorten mit 435 Beschäftigten mehrere Tausend verschiedene Varianten von Grundmodellen. Gerade dies sei ein Alleinstellungsmerkmal und gleichzeitig eine Herausforderung. „Unser Produktportfolio, wir nennen es Single Source Supplier, bedeutet für uns, dass der Kunde sämtliche relevanten Produkte in der Lufttechnik bei uns aus einer Hand bekommt“, sagt Jan Oellers, Mitglied der vierköpfigen Geschäftsleitung. Das bedeutet: von ganz klein bis ganz groß. Die Firma konkurriere in allen Teilbereichen mit den führenden Wettbewerbern – und kämpfe zudem mit Kopien ihrer Produkte aus Asien.

Künstliche Intelligenz spielt künftig eine Rolle

Für das Unternehmen sei dies Herausforderung und Ansporn zugleich, sagt Kreher. Er steht vor einer Wand in seinem Büro, auf die er die Zukunftsstrategie skizziert hat. Er nennt sie Elektror 100x. Das Konzept wird er auch beim Festakt präsentieren. Es sind vier Säulen: physische und digitale Produkte, Märkte und Wachstum, digitale Technologien sowie Mensch und Organisation. Dazu gehöre auch der Einsatz Künstlicher Intelligenz. Er nennt als Beispiel das neue Hybrid-Sales-Model. „Wir wollen Routineaufgaben wie die Bestellabwicklung automatisierten, damit die Mitarbeiter mehr Zeit für den persönlichen Kontakt zum Kunden haben.“ Elektror habe sich zum Ziel gesetzt, bei allem, was mit Luft zu tun habe, weltweit zu den Besten zu gehören. Und das Unternehmen habe auch schon ein neues Produkt in der Pipeline, einen smarten Ventilator. Über eine kleine Box soll er den Kunden in Zukunft Informationen liefern. Das könnte ihnen beispielsweise helfen, nicht unerwartet von Maschinenstandzeiten betroffen zu sein.

Mitarbeiter aus 31 Nationen

Geschichte
Margarete Müller-Bull, gelernte Industriekauffrau, führte das von ihrem Mann 1924 gegründete Unternehmen nach dessen Tod 1959 und war bis kurz vor ihrem eigenen Tod im Alter von 94 Jahren im Jahr 2002 täglich in der Firma präsent. Weil das Ehepaar kinderlos war, verfügte sie, dass das Unternehmen nach ihrem Tod im Besitz der Margarete-Müller-Bull-Stiftung (MBB) weitergeführt wird. Die gemeinnützige Stiftung hat zum Ziel, Elektror zukunftsorientiert weiterzuentwickeln. Sie setzt sich auch für humanitäre Zwecke ein.

Umsatz
Die Elektror-Gruppe erzielte 2023 einen Umsatz von 75 Millionen Euro und eine Umsatzrendite von mehr als zehn Prozent. 2024 rechnet sie aufgrund der schwächelnden Konjunktur mit einem Rückgang auf 70 Millionen Euro. Der Geschäftsführer Ulich W. Kreher beklagt vor allem die Planungsunsicherheit für Unternehmen und das verloren gegangene Vertrauen in die Regierung.

Arbeitgeber
Elektror hat sich vom Ein-Mann-Betrieb zu einem global agierenden Unternehmen mit derzeit 435 Mitarbeitenden, darunter 19 Auszubildenden, entwickelt. In ihm arbeiten an vier Standorten, darunter in Polen und China, Menschen aus 31 Nationen. Durchschnittlich halten die Mitarbeitenden der Firma gut neun Jahre die Treue.

Kunden
Die Industrieventilatoren und Seitenkanalverdichter der Elektror-Gruppe werden weltweit in vielen Branchen eingesetzt, wie in der Lebensmittel- und Autoindustrie, Pharma, Chemie, Verpackung und Umwelttechnik. Die durchschnittliche Dauer der Kundenbeziehung zu den Top 100-Kunden ist 17 Jahre.

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