Unternehmen beim CSD Wie glaubwürdig ist das Engagement der Firmen in der queeren Szene?

Auch Bosch war beim CSD in Stuttgart vertreten. Foto: www.digitaldesignteam.de/Alexander_Schmitt

Die linke Gruppierung, die am Samstag einen Wagen der Christopher-Street-Day-Parade angegriffen hat, prangert so genanntes Rainbow-Washing an. Was ist dran am Vorwurf, die Teilnahme am CSD sei für viele Unternehmen nur ein Feigenblatt?

Bei der bunten Christopher-Street-Day-Parade am Samstag in Stuttgart haben auch etliche Unternehmen Regenbogenflagge gezeigt. Die Kaufhauskette Breuninger war ebenso mit einem eigenen Wagen vertreten wie Bosch, Hugo Boss, Mercedes-Benz, Philips Medizin Systeme, die EnBW, Hitradio Antenne 1, Hewlett Packard oder die SSB. Weitere wie die LBBW, Teamviewer oder Porsche liefen und fuhren im eigens gestalteten Auto mit.

 

Der linke Jugendblock „Queer & Revolutionär“ bezeichnete die Teilnahme der Wirtschaft als „Schaulaufen von Unternehmen“ und begründete unter anderem damit die Blockade eines CSD-Lasters nach der Parade. Dabei hat es auch einen Verletzten gegeben. Mittlerweile ermittelt der Staatsschutz.

Der Vorwurf, der dahinter steckt, wird allgemein als Rainbow-Washing bezeichnet. Er wird gegen Unternehmen erhoben, die die Regenbogenflagge der queeren Gemeinschaft nur als Marketinginstrument nutzen und sich hinter den Kulissen wenig engagieren beziehungsweise immer dann kuschen, wenn in queeren-feindlichen Ländern mit der vorgeblichen Toleranz marketingtechnisch nichts zu gewinnen ist. Im Zusammenhang mit der Fußball-WM in Katar im November 2022 etwa gab es Kritik an Sponsoren wie Coca-Cola oder Adidas, die sich in vielen Märkten tolerant positionieren. Im Emirat Katar aber, wo Homosexualität strafbar ist, äußerten sich diese Unternehmen nicht kritisch.

„Es besteht eine große Diskrepanz zwischen der Tatsache, dass viele Unternehmen die Regenbogenflagge vor sich hertragen, aber gleichzeitig ein Drittel der queeren Menschen schon einmal Diskriminierung im Arbeitsleben erfahren haben“, sagt Mirjam Fischer, Professorin für Diversität und Geschlechtergerechtigkeit an der Humboldt-Universität in Berlin. Gemeinsam mit Mitarbeitern der Universität Bielefeld hat sie 2020 untersucht, wie es queeren Personen im Arbeitsleben ergeht. „Und ich glaube nicht, dass sich seitdem viel zum Besseren entwickelt hat“, so die Soziologin. Die Arbeitswelt ist demnach der Teil des Lebens, in dem queere Menschen am dritthäufigsten Diskriminierung erfahren.

Ein bemerkenswertes Ergebnis der Befragung sei beispielsweise auch, dass nicht-heterosexuelle oder nicht-binäre Personen besonders häufig im Gesundheits- und Sozialwesen arbeiten und eher selten in den Bereichen Land- und Forstwirtschaft oder im verarbeitenden Gewerbe, so Fischer. Das korreliere mit der Erwartung der Betroffenen, in einer Branche Diskriminierung zu erfahren. Analog habe sich der Anteil der Outings in den Branchen gezeigt: Während im Gesundheits- und Sozialwesen Dreiviertel der LGBTQIA-Personen offen leben, sind es in der Land- und Forstwirtschaft sowie im verarbeitenden Gewerbe nur etwa 57 Prozent. Besonders häufig erfahren der Studie zufolge übrigens Transgender-Personen Diskriminierung. LGBTQIA steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell/transgender, queer, intersexuell und asexuell.

Nach ihrem Engagement für die queere Gemeinschaft außerhalb des CSD befragt, berichten etliche Unternehmen, die am Samstag in Stuttgart Regenbogenflagge gezeigt haben, unserer Redaktion von unternehmensinternen Aktivitäten. Der Göppinger Softwarehersteller Teamviewer etwa lässt sich von einem externen Dienstleister als „LGBTQIA+-freundlicher Arbeitgeber“ auditieren und bietet regelmäßig Schulungen für Mitarbeiter an, um deren Bewusstsein zu schärfen und unbewusste Voreingenommenheiten aufzudecken.

Mercedes-Benz will „mit Dialogformaten, Online-Trainings und der offenen Einladung an alle Beschäftigten, an den ganzjährigen Pride-Aktivitäten teilzunehmen das Bewusstsein füreinander schärfen und mehr Miteinander schaffen“ – so schreibt das Unternehmen auf seiner Webseite. „Wir verurteilten jede Form der Diskriminierung. Von allen Mitarbeitenden erwarten wir, dass sie einander mit Respekt und Fairness begegnen“, heißt es aus der Pressestelle.

Ähnliches schreiben auch andere Unternehmen. Die LBBW betont darüber hinaus sogar, sie erwarte die Einhaltung von Respekt, Toleranz und Chancengleichheit im Arbeitsumfeld auch von Kunden und Geschäftspartnern. Mit Brave (Bankers respect and value each other) verfügt die Landesbank ebenso über ein eigenes LGBTQIA-Netzwerk wie Porsche mit Proud@Porsche.

Wie es tatsächlich im Alltag bei den Unternehmen aussieht, ist schwer zu sagen. Aber das, so Victoria Wagner von dem Diversitätsnetzwerk Beyond Gender Agenda, ist auch gar nicht nötig. „In der Regel fliegt sehr schnell auf, wer es mit Diversität nicht ernst meint und die Regenbogenflagge nur als Feigenblatt nutzt“ – auch dank der sozialen Medien. Und ja: Der Fachkräftemangel befeuere das Thema zurzeit sicher zusätzlich, sagt sie: „Aber das ist ja auch gut so. Wir sind da in Deutschland ganz schön hinten dran.“

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