Unternehmen im Dritten Reich Robert Bosch und der doppelte Spagat

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Zwei Historiker zeigen, wie Robert Bosch die Balance zwischen Nähe und Distanz zu den Nazis versucht hat – und wie die Familie aus dem Konzern gedrängt wurde.

Auf die Ausbildung seiner Lehrlinge legte Robert Bosch großen Wert. Foto: Bosch
Auf die Ausbildung seiner Lehrlinge legte Robert Bosch großen Wert. Foto: Bosch

Stuttgart - Die Historikerzunft hat eines der erfolgreichsten deutschen Unternehmen und ihren Gründer bisher ziemlich stiefmütterlich behandelt: Robert Bosch. Erst jetzt haben Johannes Bähr und Paul Erker eine Bosch-Monographie vorgelegt, in der sie den Pionier der Automobiltechnik auf dem Gebiet von Elektrik und Elektronik ebenso beschreiben wie den Unternehmer, der als frühes Exemplar eines fortschrittlichen Unternehmers gilt – als Beleg dafür, dass Kapitalismus mehr ist als die Ausbeutung der Massen durch die herrschende Klasse. Ihr Buch erscheint fast 70 Jahre nach der letzten umfassenden Darstellung der Bosch-Geschichte, die im Jahr 1946 der spätere Bundespräsident Theodor Heuss geliefert hat. Den Anstoß zu der Arbeit gab das Unternehmen selbst, das 2011 ein Doppeljubiläum gefeiert hat – Robert Bosch wurde 150 Jahre zuvor geboren, das Unternehmen 125 Jahre alt. Den beiden Historikern, die 559 Seiten plus einen ausführlichen Anhang vorgelegt haben, ging Gründlichkeit vor Schnelligkeit, weshalb das Buch erst jetzt erschienen ist. Sie haben in ihrer Darstellung nichts ausgelassen, spannen den Bogen von den Anfängen bis zur Gegenwart, von Robert Boschs Geburtsjahr 1861 bis zur Bauchlandung mit der Solartechnik. Der Anspruch auf Vollständigkeit hat seinen Preis. Je näher die Schilderungen der Gegenwart kommen, desto mehr dominiert Bekanntes; da ist der Erkenntnisgewinn gering .

Mit ihren Schwerpunkten setzt die Publikation freilich Ausrufezeichen. Nüchtern und kritisch bewerten die Autoren das Verhalten Robert Boschs selbst und des Unternehmens während des Dritten Reichs sowie zuvor im Ersten Weltkrieg; sie sprechen vom Spagat zwischen Anpassung und Gegnerschaft. Robert Bosch, der sich für die Völkerverständigung eingesetzt und die Nazis gehasst hat, ist zugleich Profiteur der Rüstungspolitik gewesen. Das war schon im Ersten Weltkrieg so (den Robert Bosch keineswegs so vehement abgelehnt hat wie den Zweiten Weltkrieg). Bosch stieg von der Magnetzünderfertigung schnell auf den Bau von einfachen Waffen um. Schon 1915 bestritt das Unternehmen mehr als 60 Prozent des Umsatzes mit Kriegsmaterial. Im Zweiten Weltkrieg entfielen im Jahr 1940 zwei Drittel des Umsatzes auf Aufträge der Wehrmacht. Der Umgang mit der Naziherrschaft stellte Robert Bosch vor die womöglich größte Herausforderung. Angesichts der Bedeutung des Unternehmens für die Kriegswirtschaft sahen er und seine Vertrauten die Notwendigkeit, sich mit den Machthabern zu arrangieren.

Bähr und Erker zählen viele Fälle auf, in denen sich die Führung des Unternehmens teilweise gefährlich weit mit dem Regime einließ. So traten die beiden Geschäftsführer Hans Walz, Boschs persönlicher Sekretär und später sein Nachfolger, sowie Martell Wild in die NSDAP ein, um die Ernennung eines überzeugten Nationalsozialisten als Bosch-Chef zu verhindern. „Walz wurde außerdem Mitglied der SS und des Freundeskreises Reichsführer SS, um nützliche politische Kontakte zu gewinnen“, heißt es. Dabei unterstützten Walz und Bosch wie kaum jemand sonst im Unternehmerlager den Widerstand gegen Hitler. Aber Bosch hielt andererseits auch engsten Kontakt zu einer Nazi-Größe wie Gottlob Berger, Chef des SS-Hauptamts, und stellte als Abwehrchef Hugo Bühler ein, der zuvor in der Stuttgarter Gestapo-Zentrale (Hotel Silber) gearbeitet hatte. Bergers Einfluss ist es nach den Recherchen der Autoren zu verdanken, dass nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 zwar Bosch-Berater Carl Goerdeler, einer der führenden Männer des Widerstands, hingerichtet wurde, seine Helfer aus dem Bosch-Kreis der Hitler-Gegner aber überlebten. „Die Männer des Bosch-Kreises standen bei einem Kriegsverbrecher in der Schuld, der 1949 vom Internationalen Gerichtshof in Nürnberg zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde“, heißt es ganz nüchtern in dem Buch.

In den Bosch-Werken arbeiteten viele Zwangsarbeiter. Bähr und Erker schätzen die Gesamtzahl auf 20 000 Zwangsarbeiter, darunter 1200 KZ-Häftlinge. Ende 1944 lag der Anteil der Zwangsarbeiter an der Belegschaft bei rund 33 Prozent; in der gesamten deutschen Industrie waren es im August 1944 etwa 25 Prozent. Dass es den Zwangsarbeitern bei Bosch besser als anderswo ergangen ist, lässt sich nicht behaupten. Vor allem in den Werken fern von Stuttgart wie etwa in Kleinmachnow bei Berlin oder im schlesischen Langenbielau (Bielawa) kam es zu Übergriffen. „Die russischen Arbeiter und Kriegsgefangenen waren entgegen aller Prinzipien des Unternehmens Willkürakten und Denunziationen ausgesetzt, im Werk Langenbielau wurden KZ-Häftlinge brutal misshandelt“, schreiben die Historiker.

Nicht alle Zwangsarbeiter wurden gleich (schlecht) behandelt. So habe Bosch im Umgang mit westlichen Zwangsarbeitern Standards eingehalten. Hingegen sei man gegen Ostarbeiter auch dann vorgegangen, „wenn es durchaus möglich gewesen wäre, anders zu handeln“. Weitere Differenzierung: „Gleichzeitig bewahrte Bosch in Feuerbach halbjüdische Mitarbeiter vor der Deportation“, schreiben die Autoren. Auch über den Abwehrbeauftragten Bühler heißt es, dass „er seine guten Kontakte zur Gestapo in zahlreichen Fällen nutzte, um Juden und Halbjuden vor der Deportation zu retten.“ Gegenüber den Ostarbeitern habe er aber nicht so viel Menschlichkeit gezeichnet. Wie wenig ein Menschenleben in dieser Zeit wert war, dokumentiert ein Fall: Christian Elsässer, Mitarbeiter der Kantine im Werk Feuerbach, wurde von einem Kollegen angezeigt, weil er gesagt hatte, ihm seien die kriegsgefangenen Italiener im Arsch lieber als die Nazis im Gesicht. Er wurde vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die Autoren fassen das Thema Bosch im Dritten Reich so zusammen: Jedes pauschale Urteil greife angesichts der scharfen Gegensätze zu kurz, heißt es – gewiss zu recht.

In dem womöglich spannendsten Kapitel des Buches geht es darum, wie aus dem Familienunternehmen Bosch ein Stiftungsunternehmen geworden ist. Hier betreten Bähr und Erker Neuland, schildern eine Entwicklung, die die Öffentlichkeit bisher nicht als derart konfliktbehaftet wahrgenommen hat. Robert Bosch hat auch in Sachen Nachfolge einen Spagat vollführt. Einerseits wollte er die Möglichkeit offenhalten, dass Bosch ein Familienunternehmen bleibt; in Frage gekommen dafür wäre zunächst einmal nur sein Sohn Robert Bosch der Jüngere, der aber noch minderjährig war, als der Vater 1942 starb. Andererseits wollte der Gründer keinen Automatismus in der Nachfolge, der einen womöglich Ungeeigneten zum Schaden des Unternehmens an die Spitze gebracht hätte. Also legte er das Schicksal seines Unternehmens in die Hände von Testamentsvollstreckern. Nach dem Krieg wurde die Deutung des Testaments regelrecht zur Machtfrage; mit der Berufung auf die Prinzipien des Gründers wurden Ansprüche legitimiert. Das gilt insbesondere für Hans Walz, der für sich in Anspruch nahm, der eigentliche Träger der Tradition des Hauses zu sein. Zusammen mit Geschäftsführer Alfred Knoerzer wirkte er auf Robert Bosch d. J. ein. Das Ergebnis: „Sie drängten ihn schließlich aus der Rolle des zukünftigen Unternehmenschefs“, heißt es. Den in der Öffentlichkeit kaum bekannten Knoerzer, bezeichnen die Autoren als Konstrukteur der Bosch-Verfassung mit einer Stiftung und einer Treuhand-KG, die die Stimmrechte der Stiftung wahrnimmt. Dies galt bisher als das Verdienst von Hans L. Merkle, der den Konzern seit den Sechziger Jahren geprägt hat. Bähr und Erker nennen das einen Mythos.

Erst Walz, dann Merkle: Sie haben jahrzehntelang den Willen Robert Boschs interpretiert und sich selbst an dessen Stelle gesetzt. Dass Bosch damit schlecht gefahren wäre, lässt sich nicht behaupten. Aber Familienmitglieder, die unternehmerische Ambitionen zeigten, wurden energisch zur Seite geschoben: nicht nur Robert Bosch d. J., sondern auch Georg Zundel, der Sohn von Paula Bosch und Friedrich Zundel, sowie Gero Madelung, der Ehemann von Eva Bosch, der später Chef des Luftfahrtkonzerns MBB wurde.

Knoerzer hatte 1963 klar zum Ausdruck gebracht, was er von den unternehmerischen Ambitionen der Familie hält und so für die spätere Verfassung geworben: „Im Jahr 1972 erlischt das Testament mit der Wirkung, dass die Gesellschafter völlig freie Hand bekommen. Wenn bis dahin keine Regelung gefunden wird, ist die Existenz der Firma schwer gefährdet, weil bis jetzt kein Abkömmling die Eignung zum Familiendirektor im Sinne des Testaments des Herrn Bosch bewiesen hat.“