Am Rohräckerschulzentrum in Esslingen wird bereits in Containern unterrichtet. Selbst das Provisorium reicht nicht mehr aus. Foto: Roberto Bulgrin
Die Sozialpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren des Kreises Esslingen benötigen dringend mehr Unterrichtsräume. Mit Provisorien allein kann man den Bedarf nicht mehr decken. Doch wie soll es weitergehen?
Die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) des Kreises Esslingen platzen aus allen Nähten. Denn die Schülerzahlen steigen seit Jahren konstant an. Die Verwaltung geht davon aus, dass bis zum Schuljahr 2033/2034 kreisweit weitere 415 Kinder mit geistigen, körperlichen und sprachlichen Beeinträchtigungen in Förderschulen aufgenommen und dafür 69 Klassenräume geschaffen werden müssen.
Grund für diese Entwicklung, erläuterten Esslingens Landrat Marcel Musolf und Thomas Eberhard, der zuständige Dezernatsleiter im Landratsamt, in der jüngsten Sitzung des Schulausschusses seien der medizinische Fortschritt und die Zuwanderung von Familien.
Schulbetrieb in Esslingen und Dettingen in Gefahr
Schon jetzt ist die Lage ernst, überall sind die Kapazitäten ausgereizt. Ohne zusätzlichen Schulraum für das Rohräckerschulzentrum in Esslingen und die Verbundschule Dettingen kann der Schulbetrieb bereits ab dem kommenden Schuljahr 2025/2026 nicht mehr sichergestellt werden, teilte die Verwaltung mit. Erschwerend kommt hinzu: Die SBBZ-Außenstelle an der Schönbuchschule in Leinfelden-Echterdingen entfällt künftig, die Stadt hat dem Kreis die Räume wegen Eigenbedarfs gekündigt.
Thomas Schwarz leitet im Landratsamt Esslingen das für die Sozialpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren zuständige Dezernat. Foto: Roberto Bulgrin
Das Landratsamt hat deshalb geprüft, ob man an den drei Standorten mit weiteren Interimsgebäuden kurzfristig zusätzlichen Schulraum schaffen könnte. Doch das Ergebnis ist ernüchternd, informierte Eberhardt die Kreisräte. Zwar sei es möglich, Modulbauten an der Dettinger Verbundschule und auch an der gerade erst erneuerten und bereits voll ausgelasteten Bodelschwinghschule in Nürtingen aufzustellen. „Hierfür würden aber beträchtliche Kosten entstehen.“
Und richtig teuer wäre eine solche Lösung in Esslingen. Auf dem Gelände der Rohräckerschule, wo Unterrichtscontainer auf dem Sportplatz seit langem schon zum Alltag gehören, sei kein Platz mehr für ein weiteres Provisorium. Der Kreis könnte jedoch auf dem benachbarten Festo-Areal eine ausreichend große Fläche pachten, um dort für zusätzliche 144 Schüler 25 Klassenräume zu schaffen. „Bei näherer Betrachtung zeigen sich jedoch erhebliche Schwierigkeiten“, räumte Eberhardt ein. So liege das Hanggrundstück größtenteils in einer Frischluftschneise und diene der Regenwasserversickerung. Es zu bebauen, sei schwierig und würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Kosten dafür schätzt die Verwaltung auf 24 bis 30 Millionen Euro.
„Der exorbitante Mittelaufwand ist nicht zu rechtfertigen“, betont Musolf in der Ratsvorlage. Das wären „verlorene Kosten“. Statt ständig weitere Provisorien zu schaffen, die immer mit Einschränkungen für die Schulen verbunden seien, müssten dauerhafte Lösungen gefunden werden, fordert der Landrat. Nicht zuletzt auch mit Blick auf die Umsetzung des Ganztagsanspruches ab 2026. Aus diesem Grund schlägt die Kreisverwaltung vor, gemeinsam mit den Kreisräten eine „wirtschaftliche, nachhaltige und qualitätsvolle Gesamtstrategie“ zu erarbeiten, wie man dem Raumbedarf angemessen Rechnung tragen kann.
Bei einer Klausurtagung Ende Januar nächsten Jahres will man über das künftige Vorgehen diskutieren. Das Ziel müsste laut Musolf sein, „so bald als möglich diese Gesamtstrategie zu verabschieden, damit zügig mit der Umsetzung begonnen werden kann“. Idealerweise sollten die dauerhaften Lösungen ab dem Schuljahr 2030/2031 in Betrieb genommen werden können.
Freilich: Ganz ohne weitere, schnell zu errichtende Interimsbauten geht es einfach nicht. So wird der Kreis Esslingen einen Ersatz für die SBBZ-Außenstelle in Leinfelden-Echterdingen errichten. Bis Ende Juli 2025 wird für die 30 Kinder der Sprachheilschule und des Schulkindergartens ein Modulbau auf dem Hof der Schönbuchschule errichtet. Der Flachbau aus Holz soll fünf Jahre lang genutzt werden. Die Gesamtkosten dafür belaufen sich auf mehr als 1,7 Millionen Euro.
Unterrichtsräume in Nürtingen statt Flüchtlingsunterkunft
Rund 4,4 Millionen Euro kostet die Reaktivierung eines alten SBBZ-Interimsstandortes, der ebenfalls schon zum nächsten Schuljahr zur Verfügung stehen soll: Auf dem Parkplatz der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Nürtingen stehen noch immer die Container, die während der Sanierung der Bodelschwinghschule für den Unterricht genutzt wurden.
Eigentlich wollte die Kreisverwaltung dort ab diesem Jahr Flüchtlinge unterbringen, laut Musolf aber hätten sich die Prioritäten geändert. Die leer stehenden Container, damals für 120 bis 130 Schüler konzipiert, könnten den Raumbedarf der SBBZ bis August 2030 decken. Der Standort ist laut dem Esslinger Landrat „schulorganisatorisch machbar“. Er habe sich ja auch schon bewährt.
So viele Schüler lernen in den SBBZ
Rohräckerschule Esslingen Seit dem Schuljahr 2017/2018 ist die Schülerzahl um 128 auf insgesamt 833 Schülerinnen und Schüler im Schuljahr 2023/2024 gestiegen. Der Großteil davon entfällt auf die beiden Förderschwerpunkte geistige Entwicklung sowie körperliche und motorische Entwicklung. Gab es damals noch 73 Klassen, sind es mittlerweile 86. Das sind zwar 13 Klassen mehr, doch eigentlich hätten den Vorgaben zufolge insgesamt 20 Klassen gebildet werden sollen.
Verbundschule Dettingen Die Zahl der Schülerinnen und Schüler ist in den vergangenen fünf Jahren auf 102 im Schuljahr 2023/2024 angestiegen, das sind neun Kinder mehr. Die Zahl der Klassen erhöhte sich von 12 auf nunmehr 14.
Bodelschwinghschule Nürtingen Wurden in der Bodelschwinghschule im Schuljahr 2027/2028 noch 135 Kinder und Jugendliche im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung betreut, waren es im Schuljahr 2023/2024 bereits 186 Schülerinnen und Schüler (plus 51) in 29 Klassen.