Stuttgart - Sportunterricht in Coronazeiten, wie geht das? Das fragt sich gerade auch mancher Sportlehrer – und macht sich wegen der Ansteckungsgefahr Sorgen. „Am Anfang des Schuljahrs hieß es noch: ganz normaler Sportunterricht“, berichtet eine Sportlehrerin eines Stuttgarter Gymnasiums. Kurz vor den Herbstferien habe man dann die Devise ausgegeben, dass Schüler auch beim Sport Maske tragen sollen. „Dann wurde klar, Basketball und Rennen mit Maske – das geht gar nicht“, berichtet die Pädagogin. „Dann sind wir umgestiegen auf Meditation, Yoga und Spazierengehen. Aber das ist mit Fünftklässlern nicht gut zu machen. Vor allem die Kleinen bewegen sich einfach, sobald sie in die Sporthalle kommen – dann ist es halt nicht mehr coronakonform“, sagt die Lehrerin. Seit den Herbstferien seien ja auch keine Kontaktsportarten mehr erlaubt. „Aber auspowern ohne Spiel, ohne Kontakt, alles reglementiert – permanent sage ich: Abstand halten!“
Sporthalle: Zone ohne Corona?
Da sich Spaziergänge und Yoga schwer benoten lassen, lasse sie die Schüler Volleyball spielen oder Korbwürfe üben – „wir müssen ja auch Noten machen“, so die Sportlehrerin. „Im Schulhaus ist ein Riesenbrimborium mit Masken und Abstandhalten, aber in der Sporthalle hat man das Gefühl, es ist eine Zone ohne Corona. Wir sind gefährdeter als die Lehrer im Klassenzimmer.“ Das mulmige Gefühl teilten auch viele Kollegen. Am Wirtemberg-Gymnasium in Untertürkheim hingegen, wo als Eliteschule des Sports auch viele Kadersportler unterrichtet werden, gebe es „eher Bedenken von Eltern“, berichtet der kommissarische Leiter Michael Schneider. „Wir haben den Schülern letzte Woche empfohlen, im Sportunterricht freiwillig eine Maske zu tragen.“ Aber: „Wir halten den Sportunterricht schon hoch und versuchen, alles möglich zu machen – die Kollegen versuchen, möglichst viel rauszugehen.“ Denn Sport stärke ja nicht nur das Immunsystem, sondern sorge auch für einen Ausgleich. „Viel Außerunterrichtliches findet ja gerade nicht statt“, sagt Schneider. Sportlehrer Steffen Hepperle setzt bei Sportspielen eher auf Passübungen, etwa Tempogegenstoß. „Bodenturnen geht mit Maske ohne Probleme“, sagt er. Ebenso Salto vom Minitrampolin auf eine Weichmatte. Auch Hiphop komme gut an. Beim Schwimmunterricht habe man die Gruppen geteilt, auch die Dreifeldhalle belege man nur mit zwei Gruppen. Die anderen machten dann Sporttheorie oder analysierten ihre Sportvideos aus der Stunde oder hätten Fachunterricht. Bisher habe sich kein Lehrer angesteckt, so Schneider. Aber: „Unsere Kollegen wünschen nun auch die FFP2-Masken.“ Denn klar sei auch: „Wenn eine Infektion ausbricht, schicken wir als erstes die Sportgruppe in Quarantäne.“ Denn dort sei die Belastung mit Aerosolen ja besonders hoch.
Gefahr eher in der Umkleidekabine?
Auf dieses Risiko hatte auch Thomas Schenk, der Leiter des Staatlichen Schulamts, im Schulbeirat hingewiesen: „Die Aeorosole sind im Sport deutlich erhöht.“ Grund sei auch die erhöhte körperliche Tätigkeit – „die Schüler schnaufen mehr“, so Schenk. Dem Stuttgarter Gesundheitsamt liegen hierzu jedoch keine genauen Zahlen vor. Aber: „Die Bedingungen beim Sportunterricht werden im Einzelfall abgefragt und können tatsächlich zu einer höheren Risikobewertung führen“, heißt es in einer Stellungnahme der Stadt – auch wegen der oft schlecht lüftbaren Umkleiden, zudem müsse lauter gerufen werden. „Abstände können im Eifer des Gefechts nicht immer eingehalten werden, wobei die Barrierefunktion der Masken ja dann in der Regel fehlt“, so Cordelia Fischer vom Gesundheitsamt.
Vedünnt Bewegung Aerosole?
Im Kultusministerium, das sich auf eine Expertise des Landesgesundheitsamts beruft, sieht man im Sportunterricht „keine erhöhte Ansteckungsgefahr“, wie ein Sprecher betont. Denn das Luftvolumen in Sporthallen sei „absolut und in Relation zu den Personen im Raum deutlich größer als in Klassenzimmern“. Und ebenso müsse regelmäßig gelüftet werden. „Zudem unterstützt die ständige Bewegung die Verteilung der Ausatemluft im Raum und führt so zu einem Verdünnungseffekt der Ausatemluft, die gegebenenfalls infektiöse Aerosole enthalten kann.“ Allerdings seien „unter den aktuell verschärften Maßnahmen in Pandemiestufe 3 alle Betätigungen im Sportunterricht ausgeschlossen, für die ein unmittelbarer Körperkontakt erforderlich ist“, so der Ministeriumssprecher. Also: Fußball und Basketball nein, Volleyball sowie Pass- und Torschussübungen oder Korbleger ja.
Kreative Lehrer sind gefragt
In der Bertha-von-Suttner-Gemeinschaftsschule im Freiberg macht unterdessen eine neuartige Version des Retrosports „Gummitwist“ Furore, wie Schulleiter Mike Emeling berichtet. Die Schüler – alle mit Maske – setzten hierbei zu Musik aus den Charts eigene Choreografien synchron um, jeweils vier hintereinander, alle in Bewegung, niemand wartet. „Das hat unglaublichen Wettbewerbscharakter und macht den Kindern irre Spaß.“