Unterrichtsausfälle durch Personallücken Lehrer krank – Schulen müssen improvisieren

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Grippewelle, Schwangerschaft, Unfälle, Langzeitkranke – an etlichen Schulen ist höchstes Organisationstalent gefragt, um Pflichtunterricht und Kernzeitbetreuung zu sichern. Manche Schulleiter sind kreativ, wenn es ums Lückenstopfen geht. Eltern sind verärgert.

Lehrer sind zunehmend Mangelware. Foto: dpa
Lehrer sind zunehmend Mangelware. Foto: dpa

Stuttgart - Das Lückenstopfen mancher Schulen erreicht ein neues Ausmaß. Die Grippewelle verstärkt die Personalnot, Unterricht fällt aus. Das gefällt Eltern nicht. „Es fehlt massiv an kurzfristigen Springkräften“, sagt Kathrin Grix, die Vorsitzende des Gesamtelternbeirats. Von „eklatantem Unterrichtsausfall“ spricht die Elternbeiratsvorsitzende des Hegel-Gymnasiums in Vaihingen, Gabriele Raff. Wegen Ausfällen in Mathe und Physik könnten „die Zehntklässler nicht ordentlich auf die Kursstufe vorbereitet werden“. Der Personalmangel werde „auf dem Rücken der Schüler ausgetragen.“ Raff räumt ein: „Die Schulleitung reißt sich ein Bein raus.“

Barbara Graf, die Leiterin des Hegel-Gymnasiums und Geschäftsführende Leiterin der Stuttgarter Gymnasien, sagt: „Wir sind mit überdurchschnittlich vielen Erkrankungen nach den Weihnachtsferien gestartet.“ Grund sei die Grippezeit, eine Kollegin sei schwanger, mehrere Kollegen nach Unfällen ausgefallen. Zum Jahresbeginn seien zwei Kolleginnen mit Mathe und Physik ganz ausgefallen – „wir haben Probleme gehabt, durchgängig für fachspezifische Vertretungen zu sorgen“. Aber das RP habe „schnell reagiert“, so Graf, und Ende Dezember eine Stelle für diese Fächer ausgeschrieben. Zwei neue Kollegen konnten am 1. Februar starten. Eine weitere stoße nach den Faschingsferien dazu. „Langfristige Kürzungen des Unterrichts in Mathematik oder Physik konnten wir so vermeiden“, so Graf.

Engpässe nicht nur in Mathe und Physik, sondern auch in Englisch und Französisch

Engpässe gebe es auch in Englisch und Französisch: Eine Kollegin sei seit Dezember ausgefallen und komme erst im März wieder. Großteils hätten Kollegen diesen Unterricht als Mehrarbeit übernommen. In manchen Klassen musste bei Englisch gekürzt werden. Für einen weiteren Kollegen, der zu Schuljahresbeginn erkrankt sei, habe man über das RP eine neue Lehrkraft eingestellt. Damit bis Klasse neun der Unterricht bis zur fünften, in Ganztagsklassen bis zur achten Stunde gesichert ist, haben am Hegel alle Lehrer zusätzlich zwei Bereitschaftsstunden je Woche.

In diesem Schuljahr müsse sie, so Graf, „besonders viel improvisieren, innerhalb des Kollegiums umverteilen, die Lehrkräfte um Mehrarbeit bitten“. Sie räumt ein, das sei für die betroffenen Schüler und Eltern „ausgesprochen ärgerlich“. Eine Klasse betreffe dies mehrfach: die Krankheitsfälle und den Wechsel der Lehrer. Von anderen Gymnasien sei ihr dies nicht in dem Ausmaß bekannt. Auch sie wünsche, dass die Krankheitsreserve aufgestockt würde. Aber es gebe „auch viele andere Bereiche, in denen wir uns zusätzliche Lehrerressourcen wünschen“. Etwa für Informatik, die nächstes Schuljahr in Klasse sieben starte: „Schon jetzt stöhnen wir Schulleitungen, dass wir keine in Informatik ausgebildeten Lehrkräfte haben und die Fortbildungskapazitäten viel zu gering sind, um den Mangel wettmachen zu können.“

Für Ganztagsschulen ist Grippewelle „eine Vollkatastrophe“

Auch andere Schularten kämpfen: „Wir schichten so um, dass kein Kernunterricht ausfällt“, sagt Barbara Koterbicki, Geschäftsführende Leiterin der Real-, Werkreal- und Gemeinschaftsschulen und der Schlossrealschule. „Die Kollegen, die da sind, sind an der Belastungsgrenze, die schleppen sich halbkrank her.“ Die Wochen vor und nach den Weihnachtsferien seien am schlimmsten gewesen. „Jede Schule guckt, wie sie über die Runden kommt.“ Auch die Altenburgschule auf dem Hallschlag: „Für Schulen mit Ganztagsbetrieb ist die Grippewelle eine Vollkata-strophe“, sagt Rektorin Katrin Steinhülb-Joos. „Wie soll das ein Kollegium auffangen, wenn elf Kollegen krank sind? Die Ganztagskinder können ja nicht heimgeschickt werden.“ Deshalb gebe es eine Notfallliste für denBereitschaftsdienst, „die Kollegen müssen sich für eine Verfügbarkeit melden“. Ihr erster Blick morgens gelte dieser Tafel. „Früher gab’s interne Krankheitsvertreter, jetzt ja nicht mehr.“

An der Steinbachschule in Büsnau fand der kommissarische Rektor Klaus Meier für eine länger erkrankte Klassenlehrerin mit dem Schulamt „eine gute Lösung“: Man verlagerte die Vorbereitungsklasse an die Pestalozzischule nach Vaihingen – und gewann Lehrerstunden für die Regelklasse. Schulamtsvize Matthias Kaiser bestätigt, man habe die Zahl der Vorbereitungsklassen auf 117 erhöht – „aber an drei Standorten bekamen wir die Schüler gar nicht zusammen – eine glückliche Fügung“. Förderstunden fielen zugunsten des Pflichtunterrichts aus. „Viele Schulen haben ihre Lehrkräfte dazu gebracht, aufzustocken“, so Kaiser. Manche Lehrer leisteten Überstunden, die erst im nächsten Schuljahr abgebaut werden, da bezahlte Überstunden gedeckelt seien. Auch beurlaubte Kollegen oder Rentner sprängen ein – „die hat jede Schule in petto“, so Kaiser. Er räumt ein: „Wie die Schulen im Einzelnen agieren, wenn Lehrer ausfallen, wissen wir nicht – das machen die Schulen selber.“ Bereitschaftsstunden könnten von der Gesamtlehrerkonferenz und vom Personalrat beschlossen werden. Eine RP-Sprecherin benennt als Hauptproblem: „Der Markt ist leer gefegt – es fehlt nicht an Stellen, sondern an Lehrern.“ Mangelfächer seien Physik, Mathe und Technikfächer. Die Lehrerreserve für längere Ausfälle – in Stuttgart insgesamt 93,6 Deputate – sei bereits zu Schuljahresbeginn „fast vollständig im Einsatz“ gewesen.

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