Unterrichtsausfall an Stuttgarter Schulen Acht Monate Arbeit am Stundenplan

Einen Stundenplan zu erstellen ist eine organisatorische Meisterleistung. Foto: dpa

Die Gewerbliche Schule Im Hoppenlau und die Technische Oberschule in Stuttgart sind zusammen eine der größten Einrichtungen für berufliche Bildung. Das lässt das Stundenplanmachen zur Herkulesaufgabe werden. Ein Blick auf einen besonders krassen Fall.

Stuttgart - Die Komplexität des Unterfangens offenbart sich schon auf den ersten Blick. Seit 172 Jahren bildet die Gewerbliche Schule Im Hoppenlau (GSIH) Handwerker aus. Seit 80 Jahren bietet die Technische Oberschule (TO) Menschen, die schon einen Beruf haben, den Weg zur Hochschul- oder Fachhochschulreife an. Im Februar 2018 haben beide Schulen miteinander fusioniert. Zusammen sind sie jetzt mit 1800 Schülern eine der größten Einrichtungen für berufliche Bildung. Das lässt das Stundenplanmachen zur Herkulesaufgabe werden.

 

„Wir fangen im Januar mit der Planung an und ermitteln zunächst unseren Bedarf an Lehrern fürs kommende Schuljahr“, erläutert Andreas Baitinger, der stellvertretende Schulleiter an der Hoppenlauschule, „dann melden wir unseren Lehrkräftebedarf beim Regierungspräsidium an.“ Immerhin geht es um mehr als 90 Lehrkräfte, die TO braucht weitere 20. Die Menge an Schülern und Lehrern allein ist nichts Besonderes, zum „Gesamtkunstwerk“, wie Baitinger den Stundenplan am Ende nennt, macht ihn die Verquickung und reibungslose Verbindung der verschiedenen Handwerksberufe und Jahrgänge, der Räume und der Unterrichtszeiten.

Unterricht kann gar nicht ausfallen

„Ein Bäckerlehrling fängt um 0.30 Uhr in der Backstube an zu arbeiten. Er muss also nach der Berufsschule acht bis zehn Ruhestunden einhalten. Deshalb darf der Unterricht für ihn nicht nach 7.20 Uhr beginnen“, sagt Schulleiter Gerald Machner. Stunden nach hinten zu verschieben funktioniert also nicht, falls ein Lehrer überraschend ausfällt. „Was wir allerdings machen können, wenn Fachtheorielehrer erkranken, ist zeitweise eben mehr Praxis und zeitweise mehr Theorie zu unterrichten“, sagt Andreas Baitinger. „Während der Grippewelle 2017 haben wir täglich auf diese Weise jonglieren müssen, denn wir sind eine Pflichtschule“, betont der Konrektor.

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„Unterrichtsausfall geht bei uns gar nicht“, sekundiert Rektor Machner. Auch weil die Schüler von 53 Ausbildungsklassen aus der gesamten Region kommen und die angehenden Fachleute für Fleisch und Kosmetik aus sieben Klassen sogar aus dem ganzen Land anreisen. Hinzu kommen die Verfahrenstechnologen für Mühle und Futtermittel aus sechs Klassen, die aus dem ganzen Bundesgebiet stammen. Sie werden über Wochen en bloc unterrichtet, doch auch da dürften die Lernfelder in Theorie und Praxis nicht auseinanderdriften.

Selbst Chefpatissiers helfen aus

Die Schulleiter loben die Flexibilität ihrer Lehrkräfte. „Ein Lebensmitteltechnologe, der Metzger unterrichtet, geht auch in die Konditorenklasse“, sagt Baitinger. Damit der Wechsel möglich ist, würden sich die Kollegen laufend fortbilden. Die Technische Oberschule habe bisher gute Absprachen mit Kollegen anderer Schulen gehabt, erzählt Schulleiter Wolfram Kurtz, man habe sich ausgeholfen. Einen Vertretungskräftepool gibt es an der Schule nicht, für Praxistage muss gar ein Meister gefunden werden. Gerald Machner geht dabei durchaus unkonventionelle Wege: „Wir hatten schon den Chefpatissier der Speisemeisterei da“, sagt er.

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Im großen Plan muss außerdem Platz sein für den Unterricht von rund 100 Geflüchteten, die in Vorbereitungsklassen (Vabo) mehr Deutschunterricht haben als die anderen Lehrlinge. Seit dem Schuljahr 2014/15 sind laut Machner zwischen 60 und 80 Prozent der Vabos in eine duale Ausbildung vermittelt worden. Das Erfolgskonzept hat sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im vergangenen Jahr an Ort und Stelle erläutern lassen. In Inklusionsklassen für Menschen, die wegen einer psychischen Erkrankung nur eingeschränkt arbeiten können, wachsen außerdem neue Fachhelfer im Verpflegungsbereich heran, auch dieses Konzept errang 2017 einen Preis.

„Jetzt gibt es nur noch einen Unsicherheitsfaktor: Ob auch alle Handwerksbetriebe ihre Lehrlinge angemeldet haben“, sagt Gerald Machner. Allein in der ersten Betriebswoche habe die Zahl der Schüler täglich um 20 differiert. Doch da das Regierungspräsidium „auch kurzfristig“ Unterstützung biete, wenn es genügend Lehrer finde, ist den Schulleitern nicht bang um ihr Ziel, „um das Gesamtkunstwerk, die Schüler optimal zu versorgen“.

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