Frau Eisenmann, die Elternvertreter der Arge (Arbeitsgemeinschaft der Elternvertreter an Gymnasien) wollen Sie wegen des hohen Unterrichtsausfalls an Gymnasien verklagen. Beunruhigt Sie das?
Nein. Es ist deren gutes Recht, vor Gericht zu ziehen. Wir leben in einem Rechtsstaat. Man muss sich grundsätzlich überlegen, mit welchem Ziel und mit welchem Ergebnis eine solche Klage angegangen wird.
Können Sie nachvollziehen, dass Eltern in Sorge sind wegen des hohen Unterrichtsausfalls?
Ja. Ich kann verstehen, dass Eltern unzufrieden sind, wenn Unterricht ausfällt – das bin ich auch. Auch für die Lehrer ist das eine große Belastung. Ich muss aber auch zur Kenntnis nehmen, woher der Unterrichtsausfall kommt. Mich stört, dass manche den Eindruck erwecken, das sei eine Situation, die ich morgen lösen könnte. Das ist aber nicht so.
Der ersten Vollerhebung Ihres Ministeriums vom Juni 2018 zufolge fand jede achte Stunde nicht wie geplant statt, mit 6,6 Prozent ausgefallenen Stunden sind die Gymnasien Rekordhalter unter den Schularten – dabei gibt es 2000 arbeitslose Gymnasiallehrer. Was läuft schief?
Wir haben in ganz Deutschland einen Lehrermangel. Deshalb ist der Unterrichtsausfall in ganz Deutschland sehr hoch. Die 2000 arbeitslosen Lehrer haben Fächer gewählt, die in der Versorgung der Gymnasien in dieser Menge nicht benötigt werden. Sie haben häufig Deutsch in Kombination mit beispielsweise Englisch oder Geschichte studiert. So viele brauchen wir in diesen Fächern nicht. Und diese können nicht einfach Physik, Mathematik oder Informatik unterrichten. Grund für den Lehrermangel an den Schulen sind Planungsfehler aus der Vergangenheit. Auch eine Klage kann den Unterrichtsmangel nicht beheben, weil ich die Lehrerinnen und Lehrer gar nicht habe. Ganz im Gegenteil – ich habe offene Stellen. Bis der Mangel korrigiert ist, dauert es noch zwei, drei Jahre. Wir haben die Ausbildungskapazitäten erhöht, aber es dauert, bis die Lehrkräfte ausgebildet sind. Im Moment suche ich händeringend Naturwissenschaftler, Grundschullehrer, Sonderpädagogen.
Die Eltern fordern Sofortmaßnahmen. Sie wollen arbeitslose Gymnasiallehrer für den naturwissenschaftlichen Unterricht in der Unterstufe ausbilden, um Kapazitäten für die Mittel- und Kursstufe freizumachen.
Dann würde ein Deutschlehrer also Mathematik unterrichten. Wollen das die Eltern? Das deckt sich nicht mit meiner Zielsetzung und Vorstellung von Fachlichkeit. Es gibt zwei Personalentwicklungsmaßnahmen, mit denen wir auf den Lehrermangel spontan reagieren könnten. Entweder man lässt die Lehrer länger arbeiten, oder man macht die Klassen größer. Beides hielte ich für falsch. Ich glaube, dass unsere Lehrer eher an der oberen Belastungsgrenze sind als an der unteren und unsere Klassen eher zu groß als zu klein sind.
Zudem schlagen die Eltern vor, Studierende aus höheren Semestern befristet als Hilfslehrer in Mangelfächern einzusetzen oder – als Quereinsteiger – auch Eltern.
Das machen andere Bundesländer wie Berlin. Aber wenn der Ansatz ist, dass die Qualität nicht zählt und Mathematik in Klasse fünf, sechs, sieben jeder unterrichten kann, ist es nicht mein Qualitätsanspruch. Wir sollten nicht in Panik verfallen und jeden unterrichten lassen, unabhängig von der Ausbildung. Das halte ich für einen Fehler.
Regelmäßig ist schon zu Beginn des Schuljahrs die Vertretungslehrerreserve komplett im Einsatz – für weitere Ausfälle fehlt jeglicher Puffer. Müsste es nicht das Ziel sein, diese Reserve deutlich aufzustocken – auf 106 oder 110 Prozent?
Über eine solche Zielsetzung muss man tatsächlich reden. Aber ich habe im System momentan nicht zu wenig Geld, sondern zu wenig Lehrer. Wir haben in den Jahren 2017 bis 2020 noch die Auswirkungen einer überproportionalen Pensionierungswelle, auf die nicht frühzeitig genug reagiert wurde. Man hätte 2011/12 die Ausbildungskapazitäten erhöhen müssen – das hat man aber verpasst. Wir haben jetzt Maßnahmen ergriffen, die die Situation verbessern: Viele Teilzeitlehrer haben sich bereit erklärt, mehr zu arbeiten. Klar ist, erst wenn wir dieses Tal durchschritten haben, können wir über eine Erhöhung der Krankheitsreserve diskutieren.
Ihre eigene Fraktion hat sich für eine Flexibilisierung der Arbeitszeit – auch unterm Schuljahr – ausgesprochen und für die Einführung eines Lebenszeitkontos. Das wäre eine schnelle Maßnahme, oder?
Mit beidem sympathisiere ich sehr. Eine flexiblere und mehr der Lebenswirklichkeit entsprechende Planung halte ich für sinnvoll. Aber das ist keine schnelle Maßnahme, sondern das sind große Verhandlungen, die das ganze Beamtentum betreffen. Wir planen aber, auf freiwilliger Basis das Vorgriffsstundenmodell wieder einzuführen, gerade in den Mangelfächern. Das heißt, jetzt mehr zu arbeiten und es in den nächsten Jahren wieder ausgeglichen zu bekommen, indem man weniger arbeitet. Das wird relativ schnell kommen.
Helikopter-Eltern, gestresste Schüler, zunehmende Organisationsaufgaben: Ist der Lehrerberuf noch attraktiv genug?
(Lacht.) Wir haben ein Konzept zur Stärkung der Schulleitungen vorgelegt – es geht um mehr Geld und mehr Leitungszeit. Interessanterweise haben wir für den Grundschulbereich an unseren Pädagogischen Hochschulen immer viel mehr Bewerber als Plätze. Das Interesse ist also da – und viele gehen auch ins System. In den Naturwissenschaften hab ich das Problem, dass zu wenige als Lehrer ankommen, weil Mathematiker, Physiker, Informatiker in der Wirtschaft mehr verdienen, als das Beamtentum bieten kann. Darauf müssen wir reagieren. Da bin ich in enger Abstimmung mit Theresia Bauer, wie wir die Kapazitäten weiter erhöhen können. An den Unis machen wir eine große Werbeaktion für den Beruf des Lehrers in den Mangelfächern.
Zurück zum Unterrichtsausfall: Sie planen eine weitere Vollerhebung im November diesen Jahres.
Ja. Wir wollen wissen: an welcher Schule fällt wie viel Unterricht aus – und warum? Wir machen diese Erhebung im November erneut. Zu der Zeit werden wir eher eine Krankheitswelle haben – und ich möchte da nichts vertuschen.
Wie feinräumig wird das Ergebnis kommuniziert werden? Erfahren wir, wie viel in Stuttgart ausfällt?
Ja. Wir werden das auf den Kreis runterbrechen können.
Das hätte man ja im Juni auch machen können. Hat man aber nicht.
Im Juni war das was Neues. Das war der erste Schritt. Im November werden wir die Vollerhebungen weiter dezidieren. Dann wird man auch ablesen können: Wie sieht’s in meiner Raumschaft aus?