Stuttgart - An den Stuttgarter Schulen muss wieder improvisiert werden. Das liegt nicht nur an den 24 Lehrerstellen, die immer noch nicht besetzt werden konnten – davon je zehn an Grundschulen und Sekundarstufe-eins-Schulen, drei an beruflichen Schulen und eine am Gymnasium. Auch das Coronavirus hat die Bildungslandschaft schwer im Griff. An mehr als 40 Schulen sind Dutzende von Klassen samt Lehrern in Quarantäne, doch auch ohne solche Zwischenfälle arbeiten die Schulleiter wegen dauernder Umplanungen am Anschlag.
Besonders gefordert ist derzeit das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium. Dort mussten wegen eines Corona-infizierten Lehrers gleich acht Klassen und zwölf Kollegen für zwei Wochen in Quarantäne. Das bedeutet für alle Betroffenen wieder Fernunterricht. Und Schulleiter Mario Zecher darf schauen, wie er den Präsenzunterricht für die anderen Schüler mit nur 58 statt 70 Pädagogen stemmt.
„Ich hoffe sehr, dass keiner der Schüler positiv getestet wird – denn dann kommt die zweite Runde“, sagt Zecher. Denn dann würde auch das enge Umfeld des Schülers ermittelt und in Quarantäne geschickt. Zecher ist froh, dass er keine Lehrer hat, die zu den Risikopatienten gehören und keinen Präsenzunterricht halten. Das ist an anderen Schulen anders. Laut Staatlichem Schulamt haben 26 Lehrkräfte an Grundschulen, 42 an Real-, Werkreal- und Gemeinschaftsschulen und 22 an Sonderschulen ein ärztliches Attest vorgelegt und fallen für den direkten Unterricht aus. „Wir sind erleichtert, dass es doch relativ wenige sind“, sagt Schulrätin Petra Meyer. Das entspreche einer Quote von 2,45 Prozent. Bei den Gymnasien und beruflichen Schulen liegt der Anteil laut Kultusministerium allerdings bei 6 Prozent.
Mangelfächer werden durch Überstunden und Pensionäre aufgefangen
Über die reguläre Lehrerzuweisung kann sich Zecher nicht beklagen: „Mangelfächer gibt es am Ebelu nicht.“ Dabei gelten an den allgemeinbildenden Gymnasien sämtliche naturwissenschaftliche Fächer als Mangelfächer, laut Kultusministerium Biologie, Physik, Chemie, NWT (Naturwissenschaft und Technik) sowie Mathematik und Informatik. Andere Schulen müssen das nun durch Überstunden oder den Einsatz von Pensionären auffangen. Das gilt auch für die beruflichen Schulen. „Da schieben wir eine echte Bugwelle vor uns her“, berichtet Felix Winkler, geschäftsführender Leiter der gewerblichen und haus- und landwirtschaftlichen Schulen sowie Leiter der Schule für Farbe und Gestaltung in Feuerbach. Dort fehlt es wie von jeher an Lehrern für Elektro- und Informationstechnik, neuerdings aber auch für Deutsch und Gemeinschaftskunde.
Doch viel mehr Sorgen bereitet Winkler das Coronavirus. Es zwinge Schulverwaltung und Schulen immer wieder dazu umzuplanen. „Dieses Thema ist omnipräsent“, sagt er. „Wir sind seit einem halben Jahr im Krisenmodus. Es sind unzählige Kleinigkeiten – das ist eine Dauerbelastung für die Schulleitungen und echt zermürbend.“ Winkler nennt Beispiele: „Wie kriegt man eine Räumungsübung hin, wo 1000 Schüler auf dem Hof stehen, der dann rappelvoll ist, und die Schüler anfangen zu essen und zu rauchen?“ Die Lösung: „Wir machen das jetzt klassenweise.“ Beispiel zwei: Auch den Eltern-Betriebe-Abend mit 700 Schülern, Eltern und Betriebspartnern müsse man anders organisieren. „Wir machen das in den meisten Klassen per Videokonferenz.“ Aber auch dies sei eine Premiere und müsse technisch erst mal vorbereitet werden. Als hygienisches Dilemma sieht der Schulleiter auch, dass Brandschutztüren nicht offen bleiben dürfen und 1000 Schüler jeden Tag die Türklinke in die Hand nehmen müssten. Doch auch mental nage das Coronavirus an den Nerven.
Im Sozialraum Schule läuft der Corona-Abstand dem Lernen zuwider
Alle seien jetzt zwar froh über den Präsenzunterricht, aber sieben Kollegen hätten Familienmitglieder, die als Kontaktpersonen von nachgewiesen infizierten Menschen in häuslicher Quarantäne seien. Solange bei den Familienmitgliedern noch kein Testergebnis vorliege, hätten diese Kollegen „Angst, sie könnten doch infektiös sein und andere anstecken“, berichtet Winkler. „Es ist eine grundsätzliche Verunsicherung da“, stellt der Pädagoge fest. „Der Sozialraum Schule verträgt sich nicht mit Corona.“ Denn Lernen habe ja auch etwas mit der Beziehung zwischen Schülern und Lehrern zu tun. Und der geforderte Abstand sei „dem Lernen nicht zuträglich“. Das führe dazu, dass Menschen dünnhäutiger würden und das Konfliktpotenzial steige. Auch die berufliche Perspektive sei für die jungen Menschen schwierig. „Wir haben Betriebe, die sind seit März in Kurzarbeit“, so Winkler. Aber: „Unsere Messebau-Azubis konnten wir alle an anderen Firmen unterbringen.“ Doch eine Sache falle bei den Kollegen flach: „Für Fortbildungen haben wir grad gar keine Kapazität.“