Unterrichtsversorgung in Baden-Württemberg Brandbrief zu Mehrarbeit ärgert viele Lehrer im Land

Lehrkräfte in Teilzeit sollen freiwillig länger arbeiten, um im kommenden Schuljahr die Unterrichtsversorgung in Baden-Württemberg zu verbessern. Foto: dpa/Patrick Pleul

Der Verband Bildung und Erziehung sieht Kretschmann-Schreiben als Indiz für verzweifelte Lage bei der Unterrichtsversorgung. Auch der Landeselternbeirat übt Kritik.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Mit Unmut haben Lehrer- und Elternverbände in Baden-Württemberg auf briefliche Appelle von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Kultusministerin Theresa Schopper (beide Grüne) reagiert, durch freiwillige Mehrarbeit zu einer besseren Unterrichtsversorgung im neuen Schuljahr beizutragen.

 

Mit dem Rücken zur Wand

„Bitten kann man immer. Das ist die angemessene Form der Ansprache“, erklärt Gerhard Brand, Chef des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Er ist froh, dass die Anordnung von Mehrarbeit vom Tisch ist. Die Briefe von Kretschmann und Schopper stuft er als er als Zeichen großer Not ein. „Natürlich ist Kretschmann verzweifelt. Er steht mit dem Rücken zur Wand“, meint Brand.

„Wir haben doch nicht nur ein aktuelles, befristetes sondern längst ein strukturelles Problem mit der Lehrerversorgung“, bemängelt auch Michael Mittelstaedt, der Vorsitzende des Landeselternbeirats. „Ich sehe bei Grün-Schwarz kein Streben nach einer mittelfristigen Lösung, indem man zum Beispiel Lehramtsstudienplätze schafft.“ Die Lehrergewerkschaft GEW sieht das Schreiben als Hilferuf und setzt auf einen Dialog mit der Landesregierung, um das Problem zu lösen.

Kritik an Stil und Zeitpunkt

Wütend ist Ralf Scholl, der Chef des Philologenverbands. „Das ist keine nachhaltige Politik und der Appell kommt nach Beginn des Haupteinstellungsverfahrens zu spät.“ Er nennt es ungeheuerlich, die wegen Corona erschöpften Lehrkräfte „zu bitten, ja beinahe anbetteln, für die Landesregierung die Kastanien aus dem Feuer zu holen“. Dass der Regierungschef sich mit der Kultusministerin brieflich an alle Lehrkräfte der 4500 Schulen im Südwesten wendet, wird in der Lehrerschaft als einmalig eingestuft.

Weitere Themen