Unterrichtsversorgung in Baden-Württemberg Lehrer seltener arbeitslos als im Rest der Republik

Nach den Sommerferien geht der Englischunterricht wieder los. Foto: dpa/Patrick Pleul

Nur Bayern ist besser: Arbeitslos sind Lehrer im Land seltener als im Rest der Republik. Das entkräftet Kritik an der hiesigen Einstellungspraxis – und an der Kultusministerin.

Mit einer ordentlichen Portion Prügel haben die Lehrerverbände in Baden-Württemberg Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) vor ein paar Wochen in die Sommerpause verabschiedet. Dass Baden-Württemberg im bundesweiten Vergleich wieder einmal am meisten Lehrkräfte während der Sommerferien in die Arbeitslosigkeit entlasse, erboste nicht nur die Opposition im Landtag. In Zeiten wachsenden Lehrermangels stuften von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) über den Verband Bildung und Erziehung (VBE) bis zum Realschul-, Berufsschullehrer- und Philologenverband alle einschlägigen Organisationen diese Beschäftigungspraxis als unerträglich ein.

 

Wo ist der Umgang ruppiger?

Der rüde Umgang im Südwesten und die unrühmliche Spitzenposition bei der Sommerarbeitslosigkeit treibe die händeringend begehrten Pädagogen entweder ganz aus dem Beruf oder in die Nachbarländer, hieß es allenthalben. Dort, so die Mutmaßung, würden die Lehrkräfte insgesamt pfleglicher behandelt als hier. Bei genauer Betrachtung lässt sich diese These aber nicht halten: Statistische Daten der Bundesagentur für Arbeit, die unserer Redaktion vorliegen, belegen im Gegenteil, dass Baden-Württemberg bei der berufsspezifischen Lehrerarbeitslosigkeit insgesamt deutschlandweit mit am besten abschneidet.

Der Südwesten lag laut der Statistik aus Nürnberg mit 0,6 Prozent nach Bayern (0,5 Prozent) und vor Rheinland-Pfalz (0,8 Prozent) im Jahresschnitt auf dem zweitbesten Platz bundesweit; 2020 war die Rangfolge ebenso. Am schlechtesten schnitt 2021 Berlin ab mit einer Durchschnittsarbeitslosigkeit bei Lehrkräften von 1,8 Prozent; Bremen und Sachsen-Anhalt (1,5 Prozent) und Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern (1,4 Prozent) lagen nur wenig besser.

In Baden-Württemberg werden mehr Lehrer entlassen

Das ändert nichts daran, dass in Baden-Württemberg alljährlich während der Sommerferien mehr Lehrer arbeitslos werden als in den übrigen Bundesländern. Die Zahlen zeigen aber, dass befristete Arbeitsverträge für Lehrkräfte nicht nur in allen 16 Bundesländern üblich sind, sondern dass das Instrument der befristeten Beschäftigung anderswo sogar häufiger als im Südwesten so eingesetzt wird, dass Lehrkräfte sich arbeitslos melden müssen. Der Vergleich mit Nordrhein-Westfalen ist dabei besonders erhellend: Im bevölkerungsreichsten Bundesland meldeten sich 13 Prozent der 2660 von Arbeitslosigkeit betroffenen Lehrkräfte (470 Personen) in den Sommerferien arbeitslos. 82 Prozent der Arbeitslosmeldungen in diesem Bundesland treten im laufenden Schuljahr auf. Im Südwesten sind die Relationen umgekehrt: Von den 2170 Lehrkräften, die sich 2021 insgesamt zeitweise arbeitslos gemeldet haben, entfiel die große Mehrheit von 74 Prozent – 1600 Personen – auf die Sommerferien; nur 26 Prozent war während des restlichen Schuljahrs arbeitslos.

Niedriges Arbeitsmarktrisiko bei Lehrern

Die Bundesagentur für Arbeit betont in ihrem alljährlich im November erscheinenden Bericht zur Beschäftigungssituation bei Lehrern, dass die Arbeitslosenquote mit 1,0 Prozent selbst im Vergleich mit anderen akademischen Berufen außerordentlich gering ist. Zum Vergleich: Bei Informatikern mit Hochschulabschluss lag sie 2020 bei 3,1 Prozent. Die bundesweit niedrige Arbeitslosigkeit bei den Lehrkräften – Wirtschaftsexperten werten eine Quote von 3 Prozent als Vollbeschäftigung – liegt nicht nur daran, dass seit einiger Zeit zu wenig Junglehrer die pädagogischen Hochschulen und Universitäten verlassen, um den wachsenden Bedarf zu decken. Der Hauptgrund ist, dass im Bundesdurchschnitt zwei Drittel der Lehrerkräfte Beamte sind und damit, wenn sie erst einmal im Beruf sind, gar kein Arbeitsmarktrisiko mehr tragen. In Baden-Württemberg sind 90 Prozent der Lehrkräfte verbeamtet, sieben Prozent unbefristet angestellt. Den Gegenpol stellt Berlin dar: Nachdem in der Hauptstadt 18 Jahre lang Lehrer nur im Angestelltenverhältnis beschäftigt wurden, kehrt der Senat jetzt zur Verbeamtung zurück.

Wenig entgegengesetzt

Die Gesamtbilanz der Bundesagentur für Arbeit zur Sommerarbeitslosigkeit im laufenden Jahr liegt noch nicht vor. Doch rechtzeitig zum Schulstart am 12. September wird klar, dass Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) sich mit dem bundesweit zweitbesten Wert bei der Arbeitslosigkeit unter Lehrkräften im Land eigentlich nicht verstecken muss. Verwunderlich ist nur, wieso sie der aus dem Ruder gelaufenen Verbandskritik am Phänomen Sommerarbeitslosigkeit so wenig entgegenzusetzen fand.

Sommerarbeitslosigkeit bei Lehrkräften

Fakten
Die GEW geht für Baden-Württemberg von 8000 bis 9000 „Saisonlehrkräften“ mit befristetem Arbeitsvertrag aus, darunter bis zu 5000 Referendare. Das Kultusministerium nennt eine Zahl von rund 4200 Betroffenen im Land. Darunter seien 450 pensionierte Pädagogen, die in den Ferien ihre normale Pension bezögen. Rund 1100 Betroffene seien Referendare, die sich bewusst für eine befristete Stelle an ihrem Wunschort und gegen eine sofortige Verbeamtung anderswo entschieden hätten. Die eigentliche Problemgruppe umfasst laut dem Kultusministerium 2650 Lehrende, die zwar als Lehrer arbeiten, aber wegen formaler Mängel in der Qualifikation nicht verbeamtet werden können. Sie speist das Land oft mit aufeinanderfolgenden Fristverträgen ab.

Versprechen
Die Praxis solcher Kettenbefristungen wollte Ministerin Schopper ausweislich eines Versprechens vor einem Jahr eigentlich beenden. Weil das für alle Betroffenen 15 Millionen Euro kosten würde, kassierte sie diese Zusage in den Etatberatungen aber wieder ein. Die Hürden für eine dauerhafte Anstellung der Betroffenen wurden aber gesenkt. 2020 wurden 81, ein Jahr später 116 Verträge entfristet. 2022 sollen es mehr als 170 Entfristungen werden. luß

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Lehrer Arbeitslosigkeit Arbeitsmarkt