Unterschätzte Orte Waren Sie schon mal in Bochum?

Von Wolfgang Molitor 

München, Köln oder Berlin, das sind Städte, die keine Werbung brauchen. Andere dagegen sind kaum bekannt, obwohl sie nicht weniger reizvoll sind. In einer losen Folge stellen wir solche unterschätzten Orte vor – Orte wie Bochum.

Ein Colosseum mitten im Pott: die Jahrhunderthalle im Westpark Foto: Stadt Bochum
Ein Colosseum mitten im Pott: die Jahrhunderthalle im Westpark Foto: Stadt Bochum

Bochum - Nein, eine Schönheit ist Bochum wirklich nicht. Herbert Grönemeyer hat das schon 1984 erkannt, als die Stempel noch die Postleitzahl 4630 trugen. Seitdem hat sich nicht viel verändert: vor Arbeit ganz grau, eine ehrliche Haut, total verbaut. Nur der Pulsschlag aus Stahl, der ist Geschichte. Bochum blendet nicht, sondern packt auf den zweiten Blick. Wer wohnt schon in Düsseldorf?

Echte Kumpel nur im Museum

Datt datt ma kla iss: Zuerst geht es ins Bergbaumuseum, dem weltweit größten seiner Art. Wohin sonst? Seit Kurzem hat es nach zweijähriger Umbauzeit wieder geöffnet. Alle vier Rundgänge werden (zu moderaten Eintrittspreisen) im Sommer fertig sein. Es wurde auch Zeit. Egal, ob es im Seilfahrtsimulator mit 22 Meter pro Sekunde schweißtreibend rund 1200 Meter tief „inne Grube“ und ein rund 2,5 Kilometer langes System von Strecken und Streben geht (in Wirklichkeit sind es nur 17 Meter) oder 62 Meter hoch auf die Aussichtsplattform des aus dem Jahr 1939 stammenden Fördergerüsts der früheren Zeche Germania: Wer die Zeiten des alten Kohlenpotts nicht mehr miterlebt hat, gewinnt hier einen sauberen Eindruck vom Untertagebetrieb, von den Arbeitsbedingungen der Kumpel und technischem Fortschritt. Denn echte Bergleute trifft man heute nur noch im Museum.

www.bergbaumuseum.de

Ein Colosseum mitten im Ort

Bloß nich vagessen: zum Westpark. Zen­trales Gebäude des rund 38 Hektar großen Parks ist die Jahrhunderthalle, eine Industriekathedrale der besonderen Art, die das Wechselspiel zwischen Stahltradition und Moderne widerspiegelt. Der Westpark umfasst das Gelände der 1842 gegründeten ehemaligen Gussstahlfa­brik des späteren Bochumer Vereins. 1968 wurden hier die Hochöfen stillgelegt, 1985 dann das Stahlwerk. Ein indus­triebiologischer Spaziergang über das auf mehreren Ebenen bis 90 Meter hoch künstlich angelegte Gelände mit seinem Colosseum genannten markanten Stützmauerwerk lohnt – wie ein Abstecher zur 15 Tonnen schweren, größten produzierten Glocke vor dem Rathaus, die an die Pariser Weltausstellung 1867 erinnert.

www.bochum-tourismus.de

100 Jahr Schauspielhaus

Da kannze Theater kucken: im Schauspielhaus. Es zählt nicht erst seit legendärer Intendanten wie Peter Zadek und Claus Peymann sowie prominenter Schauspieler wie Gert Voss oder Kirsten Dene zu den renommiertesten Bühnen Deutschlands. In dem Haus an der Königsallee, das bei der Eröffnung das größte Theater im Ruhrgebiet war und nach der Zerstörung im Jahr 1944 durch Bomben 1953 wiederaufgebaut wurde, wird 2019 der 100. Geburtstag gefeiert. Ebenfalls seit 1919 gibt es die Bochumer Symphoniker. Sie sollten ursprünglich im Pumpenhaus neben der Jahrhunderthalle ihr Domizil bekommen, spielen aber seit 2016 im neuen Bochumer Prunkstück, dem Anneliese-Brost-Musikforum an der als Foyer in den Konzerthausneubau integrierten Marienkirche.

www.bochumer-symphoniker.de

www.schauspielhausbochum.de

Sterne, Stadion und Starlight

Watt heißt hier Doppelpass? An der abgrundtief hässlichen Castroper Straße sind die Fußballer des VfL Bochum im Vonovia-Stadion schon seit Jahren keine Macht mehr. Der Wiederaufstieg wird seit Jahren regelmäßig und deutlich verpasst. Auch dieses Jahr. Dafür ist hier drum herum meistens mehr los. Ein paar Meter entfernt haben seit 30 Jahren mehr als 16 Millionen Besucher das erfolgreichste Musical der Welt erlebt: Andrew Lloyd Webbers „Starlight-Express“. Mittlerweile wurden einige Songs ab­gewandelt und neu geschrieben – damit das spektakuläre Skater-Musical anders als der VfL unschlagbar bleibt. Den Griff zu den wirklichen Sternen gibt es übrigens ganz in der Nähe zum Stadtpark: im seit 1964 bestehenden und seit 2010 mit der modernsten Ganzkuppelprojektion der Welt ausgestatteten Planetarium.

www.starlight-express.de

Eine Uni zwischen Grün und Beton

Datt glaupse nich: 43 000 Studierende zieht es in die Sichtbeton-Silos nach Querenburg, die mit ihren 20 Fakultäten zu einem nicht einladen: zum Semesterbummeln. Die Ruhr-Universität Bochum war 1962 (der Lehrbetrieb wurde 1965 aufgenommen) die erste Uni-Neugründung in der Bundesrepublik – nicht zuletzt für die Arbeiterkinder im Revier, denen eine akademische Laufbahn ermöglicht werden sollte. Mittlerweile studieren in Bochum rund 57 000 Menschen an neun Hochschulen. Stahl und Kohle war gestern: Längst sind die Hochschulen mit fast 10 000 Beschäftigten Bochums größter Arbeitgeber. Dennoch ist im Alltag vom studentischen Charme wenig sichtbar.

www.ruhr-uni-bochum.de

www.univercity-bochum.de

Bermudadreieck und Currywurst

Da hamma ma gut gegessen: Eine ordentliche Currywurst gehört in Bochum immer dazu. Besonders die von Dönninghaus in der legendären Bratwurstbude im Bermuda3eck, die durch den Song des in Bochum aufgewachsenen Musikers Herbert Grönemeyer überregionale Bekanntheit erhielt. Dabei muss man das Kneipenviertel zwischen Hauptbahnhof und Schauspielhaus mit seiner Systemgastronomie und etlichen gesichtslosen Shisha-Bars nicht wirklich toll finden. Abends ist es aber hier im Freien so prollig voll, dass selbst ein paar Gläser Fiege Pils Spaß machen. Vier Millionen Besucher im Jahr, im Sommer abends um die 30 000: Das ist eine Marke. Und wenn’s zu feuchtfröhlich geworden sein sollte: Die Öffis warten ganz in der Nähe.

Eine Dorfkirche über der Ruhr

Da staunze Bauklötze: Bochum ist richtig grün. Eine Fahrt über die Königsallee zum Ortsteil Stiepel führt in eine andere Welt. 110 Meter über den Ruhrwiesen thront zwischen schmucken Fachwerkhäusern die evangelische Dorfkirche – mit ihrer über 1000-jährigen Geschichte eines der ältesten Bauwerke der Stadt. Wenige Kilometer entfernt liegt das schmucke Wasserschloss Haus Kemnade. Nicht weit entfernt sind der Kemnader See und die Burg Blankenstein – Hinweise auf jene Zeit, als Kohle und Stahl in den Bauerndörfern keine Rolle spielten. Hier sieht man ein besonders idyllisches Stück des Ruhrtals, in dem der alte Leinpfad zu einem Spaziergang einlädt.

www.lokalkompass.de

www.ruhr-guide.de

Unterkunft

Im Renaissance Hotel wohnt man nahe der Innenstadt, Doppelzimmer ab 99 Euro, www.marriot.de. Das Mercure bietet modernen Komfort, DZ ab 99 Euro, www.mercure-hotel-bochum.de.Günstig kommt man im Jugendgästehaus Bermuda3eck unter, DZ ab 67,50 Euro, www.jugendherberge.de/jugendherbergen/bochum-713/portraet/

Aktivitäten

Mit der WelcomeCard können – neben der freien Fahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr – mehr als 40 Sehenswürdigkeiten kostenfrei oder zum halben Preis besucht werden, auch über Bochum hinaus. Dazu gehören der Gasometer in Oberhausen, das Ruhr Museum in Essen, das LWL-Industrie­museum in Dortmund oder der Movie Park in Bottrop. Auch eine Schiffstour auf der Ruhr mit der Weißen Flotte in Mülheim lockt. Die Card kostet pro Person 25 Euro für 24 Stunden, 35 Euro für 48 Stunden oder 45 Euro für 72 Stunden, www.welcomecard.ruhr.

Allgemeine Informationen

www.bochum-tourismus.de www.industriekultur.ruhr