Unterschätzte Orte Waren Sie schon mal in Wuppertal?

Von Susanne Hamann 

München, Köln oder Berlin – das sind Städte, die keine Werbung brauchen. Andere dagegen sind kaum bekannt, obwohl sie nicht weniger reizvoll sind. In einer losen Folge stellen wir solche unterschätzten Orte vor.

Die Schwebebahn ist das Wahrzeichen der Stadt an der Wupper. Foto: Susanne Hamann
Die Schwebebahn ist das Wahrzeichen der Stadt an der Wupper. Foto: Susanne Hamann

Wuppertal - Eine Stadt als Kunstprodukt: 1929 wurden die rheinischen Gemeinden Barmen, Elberfeld, Ronsdorf, Vohwinkel, Cronenberg und Beyenburg zusammengelegt. Seit 1930 heißt das Gebilde Wuppertal. Die Hauptstadt des Bergischen Landes hat heute 350 000 Einwohner und ist notorisch pleite. Doch die Bürger wehren sich und engagieren sich mit Witz und Kreativität in privaten Initiativen – 9 gute Gründe für Wuppertal.

Schwebender Elefant

Ende des 19. Jahrhunderts boomte die Textilindustrie in den Schwesterstädten Barmen und Elberfeld – und im Tal der Wupper kollabierte der Verkehr. Doch wie sollte man bei der Topografie eine Straßenbahn bauen? Die Lösung fand sich in Köln. Dort hatte ein Zuckerfabrikant eine Eisenkonstruktion mit hängenden Wagen für den Materialtransport installieren lassen. Im Sommer 1898 begannen die Bauarbeiten für das Wunderwerk der Technik. Die berühmtesten Fahrgäste – jeweils zu Werbezwecken – waren Kaiser Wilhelm II. und Gattin Auguste Viktoria am 24. Oktober 1900 und der Elefant Tuffi am 21. Juli 1950. Während es den adligen Herrschaften gut gefiel, war dem Rüsseltier das schaukelnde Gefährt nicht geheuer. Die Dickhäuter-Dame drückte sofort nach der Abfahrt eine Tür auf, stürzte sich in die Wupper und kam mit einer Schramme am Po davon (www.schwebebahn.de).

Szene in Schiefer

Es muss nicht immer das nahe gelegene Düsseldorf sein. Auch in Wuppertal kann man gut ausgehen. Statt in die Altstadt zieht es hier alle ins Luisenviertel. In der Gegend um die Elberfelder Luisenstraße stehen hübsche Häuser im typisch bergischen Stil mit Schieferfassaden und grünen Fensterläden neben weißen Gründerzeitgebäuden. Fast alle beherbergen Lokale, dazwischen Läden, Ateliers, kleine Biergärten am Straßenrand. Man flaniert über Kopfsteinpflaster und hat die Qual der Wahl. Legendär ist das Café du Congo (www.dasc.de). Auch ein Besuch im Jazzclub und Musikzentrum „Der Ort“ ist Pflicht (www.kowald-ort.com).

Utopia im Bahnhof

Früher fuhr in Wuppertal fast kein Mensch Fahrrad. Viel zu anstrengend, weil zu bergig. Das hat sich mit der Nordbahntrasse geändert. (http://nordbahntrasse.de). Eine alte Bahnstrecke, die topfeben über die Hochebene führt, wurde zum Radweg umgebaut. Die ehemaligen Bahnhöfe mutierten zu Kulturzentren, allen voran der Bahnhof Mirke. Heute heißt die Anlage „Utopiastadt“ und ist ein kreativer Mix aus Kulturzentrum, Coworking-Space und Biergarten. www.clownfisch.eu/utopia-stadt/

Brücke aus Legosteinen

Eine echte Brücke aus riesengroßen Legosteinen? Was aussieht wie buntes Plastik, ist aufgemalt. Die 250 Quadratmeter große Unterseite einer Brücke an der Schwesterstraße wurde 2011 von Martin Heuwold alias Megx verschönert. Der Street-Art- und Graffitikünstler hat schon viel Farbe in seine Heimatstadt gebracht. Auf der Barmer Einkaufsstraße Werth verwandelte er gemeinsam mit Ognjen Pavic 22 Stromkästen in Kunstwerke – statt langweilig grauer Boxen stehen da nun eine angebissene Schokoladentafel, ein Butterkeks oder eine Erdbeere (www.megx.de, www.olja-design.de).

Kunst zwischen Bäumen

Einsam im Wald oberhalb von Unterbarmen ließ sich der Lackfabrikant Kurt Herberts Ende der 1940er Jahre eine anthroposophische Villa bauen. Ganz organisch, ohne Ecken und Kanten. 2006 erwarb der britische Bildhauer Tony Cragg das Gelände und schuf ein Ausstellungsgelände für Skulpturen. Dauerhaft gezeigt werden Werke von Cragg selbst sowie von Markus Lüpertz, Henry Moore oder Erwin Wurm. In einem gläsernen Pavillon gibt es wechselnde Schauen (http://skulpturenpark-waldfrieden.de).

Der Prenzlauer Berg von Elberfeld

Leider sind sowohl die Fußgängerzone von Barmen als auch die von Elberfeld mit Filialisten vollgepflastert. Wer schön bummeln möchte, geht lieber auf den Ölberg. Das ehemalige Arbeiterviertel wurde erst 1934 ans Stromnetz angeschlossen, vorher leuchteten hier weithin sichtbar Petroleumlampen – daher der Name. Rund um die Marienstraße ist Wuppertal so großstädtisch-alternativ wie Berlin-Prenzlauer Berg mit Manufakturen, Schallplattenläden, Galerien. Unbedingt im Café La Petite Confiserie (www.lapetite-confiserie.de) einkehren! Architekturliebhaber laufen noch ein Stück weiter ins Wohngebiet am Brill, einem der größten gründerzeitlichen Villengebiete Deutschlands. Hier stehen mehr als 245 denkmalgeschützte Häuser.

Der Revolutionär und die Tänzerin

Berühmtester Sohn der Stadt dürfte Friedrich Engels sein. Das frühere Wohnhaus des Sozialrevolutionärs und Mitstreiters von Karl Marx in Barmen wird derzeit restauriert und soll bis zum 200. Geburtstag im Jahr 2020 fertig sein (www.friedrich-engels-haus.de). Ebenfalls untrennbar mit Wuppertal verbunden sind Pina Bausch (1940–2009) und das nach ihr benannte Tanztheater. Nach dem Tod der Choreografin wurde das Städtische Schauspielhaus in Pina-Bausch-Zentrum umgetauft. Im Moment ist das Haus geschlossen. Geplante Wiedereröffnung: 2025. In der Zwischenzeit treten die Tänzer im Opernhaus auf. www.pina-bausch.de/

Aussichtsreich und hoch hinauf

Auf den Barmer Südhöhen kann man nicht nur feudale Villen wie die des Fabrikanten Adolf Vorwerk (1853–1925, bekannt für Teppiche, Staubsauger oder Thermomix) bewundern, sondern auch wunderbar spazieren gehen. Es gibt zwei große, private, aber öffentlich zugängliche Parks: die 100 Hektar großen Barmer Anlagen (www.barmer-anlagen.de) mit Wäldern und Teichen sowie den Vorwerk-Park (www.vorwerk-park.de) mit seinen prächtigen Rhododendren. Am höchsten Punkt thront der Toelleturm, gestiftet von der Familie des Textilfabrikanten Ludwig-Ernst Toelle (1822–1886), der hier gerne spazieren ging. Der Turm ist bei schönem Wetter an Sonn- und Feiertagen geöffnet. Nebenan wird köstliches Eis verkauft (http://creme-eis.de).

Tippen-Tappen-Tönchen

Wo Hügel sind, da sind auch Treppen. In Wuppertal soll es rund 500 öffentliche Treppen mit insgesamt 12 000 Stufen geben. Der berühmteste Aufgang heißt „Tippen-Tappen-Tönchen“ und führt aus dem Luisenviertel auf den Ölberg. Der lustige Name heißt übersetzt „Jeder Schritt macht einen Ton“ – eine Reminiszenz an die Holzschuhe der Arbeiter, die hier einst wohnten. Fast ebenso berühmt ist die Holsteiner Treppe. Sie verbindet eine Straße namens „Gathe“ im Stadtzentrum von Elberfeld mit der Holsteiner Straße. 2006 wurde die schnurgerade Treppe vom Düsseldorfer Künstler Horst Gläsker mit bunter Acrylfarbe bemalt. www.horst-glaesker.de

Allgemeine Informationen

Wuppertal Touristik, Tel. 0202 / 5632180, www.wuppertal.de; Nordrhein-Westfalen Tourismus, www.nrw-tourismus.de; Die Bergischen Drei: Tourismus Region Remscheid, Solingen, Wuppertal, www.die-bergischen-drei.de