Caroline Friedmann Stuttgart - Manch frischgebackene Mutter klagt über schlaflose Nächte und viel Geschrei, die andere empfindet die Zeit mit Baby offenbar als ziemlich entspannt. Aber woher kommen diese unterschiedlichen Empfindungen? Haben Mütter, die ihre Kinder als „anstrengend“ empfinden, womöglich eine falsche Vorstellung vom Muttersein? Oder sind Babys wirklich so verschieden?
Tatsächlich werden die Weichen für die charakterliche Entwicklung eines Kindes bereits im Mutterleib gelegt. „Schon während der Schwangerschaft speichert der Fötus emotionale Zustände der Mutter. Er bekommt also mit, wenn die Mutter beispielsweise gestresst ist“, erklärt Diplom-Psychologin Silvia Friesch von der Psychologischen Familien- und Lebensberatung der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz. „Auch der genetische Einfluss der Eltern spielt eine Rolle. Neugeborene sind also kein ‚unbeschriebenes Blatt‘, wenn sie zur Welt kommen.“
Gelungener Bindungsaufbau
Aber nicht nur die Gene und der Zustand der Mutter während der Schwangerschaft beeinflussen Charakter und Verhalten des Babys. Auch das eigene Bindungsmuster ist ausschlaggebend dafür, dass Eltern und Kind in stressigen Situationen gelassen bleiben: Die meisten Mütter sprechen automatisch mit einer höheren Stimme, wenn sie sich ihrem Kind zuwenden, gehen feinfühlig auf seine Bedürfnisse ein und reagieren auf seine Mitteilungen. Experten sprechen bei diesem Phänomen von „Mothering“, was im Deutschen so viel wie „bemuttern“ bedeutet. Doch dieses Bindungs- und Einfühlungsvermögen haben nicht alle Eltern. „Wenn eine der wichtigen Bindungspersonen zum Beispiel an einer postpartalen Depression leidet, wirkt sich das meistens auch aufs Kind aus“, sagt Friesch. „Dann fehlt es an der nötigen Empathie und dem Kind mangelt es quasi an emotionaler Nahrung.“
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Auch bei sehr gestressten Eltern kann diese emotionale Versorgung verloren gehen. Dies, so die Psychologin, stelle vor allem ein Risiko bei Eltern dar, die finanziellen oder persönlichen Belastungen ausgesetzt sind und denen es an Unterstützung von außen fehlt. In diesen Situationen funktionieren Eltern oft nur noch, um den Alltag zu meistern, können aber nicht mehr feinfühlig auf die Bedürfnisse des Babys reagieren. Mütter und Väter, die selbst keine sichere Bindung zu ihren eigenen Eltern hatten, haben ebenfalls manchmal Probleme damit, eine gute Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Doch für Betroffene gibt es viele Hilfsangebote – von Beratungsstellen wie bei der Caritas über Schreiambulanzen und Jugendämter bis hin zu Behandlungsangeboten für Frauen mit postpartaler Depression. „Dort wird den Eltern gezeigt, wie sie am besten mit ihrem Kind zurechtkommen“, erklärt Friesch. „Denn den richtigen Umgang kann man lernen.“
Mehr Schein als Sein?
Es muss aber nicht unbedingt an einer mangelnden Eltern-Kind-Bindung liegen, wenn eine Mutter ihr Kind als nicht gerade pflegeleicht wahrnimmt. Auch andere Mütter, deren Babys angeblich schon mit sechs Monaten durchschlafen und mit zwölf Monaten aufs Töpfchen gehen, können unsichere Eltern ins Grübeln bringen. Die Werbung tut ihr Übriges: Babybrei- und Windelwerbespots suggerieren uns ein stets trautes Familienidyll – ganz ohne Nörgeln, dreckige Windeln und schlaflose Nächte.
Besonders pflegeleicht?
Ganz gleich, ob Eltern ihr Kind als pflegeleicht empfinden oder nicht – allzu sehr spüren lassen sollten sie ihr Kind diese Einschätzung nicht. Denn das kann sich negativ auf seine Psyche auswirken. „Kinder, die ständig hören, sie seien besonders anstrengend oder besonders pflegeleicht, empfinden sich irgendwann auch so, das ist wie eine selbsterfüllende Prophezeiung“, erklärt Entwicklungspsychologin und Erziehungsberaterin Stine Kirsch von der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz. „Aus dieser Rolle kommen sie später nur schwer wieder raus.“ Dieses Phänomen, so Kirsch, zeige sich beispielsweise häufig bei Kindern mit kranken Angehörigen. „Wenn zum Beispiel das Geschwisterkind krank ist, könnte das andere sich als besonders pflegeleicht zeigen, weil es spürt, dass es seine eigenen Bedürfnisse öfter zurückstellen muss. Manchmal werden aber gerade solche Kinder irgendwann verhaltensauffällig außerhalb der Familie, indem sie sich beispielsweise in der Schule als Pausenclown oder Störenfried Aufmerksamkeit holen.“
Hallo Geschwisterchen!
Immer wieder hört man von Mehrfach-Eltern, beim zweiten Kind gehe alles viel leichter. Das heißt aber nicht, dass das zweite Kind per se pflegeleichter wäre als das erste. Vielmehr, meint Stine Kirsch, gehen Eltern beim zweiten Kind einfach viel routinierter an die Sache heran: Sie wissen, was bei Bauchweh zu tun ist, erkennen schneller, wenn das Kind zahnt oder einfach in den Arm genommen werden möchte. Dennoch kann auch das zweite Kind den Alltag ziemlich auf den Kopf stellen. Schließlich wird die Arbeit mit jedem weiteren Kind nicht gerade weniger.
„Das Erste hatte die volle Aufmerksamkeit der Eltern und die muss es jetzt teilen“, sagt Kirsch. „Für kleine Kinder ist das schwierig zu verkraften. Denn dass sie auf ein Baby Rücksicht nehmen müssen, verstehen sie noch nicht.“ Wenn das Erstgeborene eifersüchtig auf sein Geschwisterchen reagiert, ist das ein deutliches Zeichen, dass es auch mal wieder richtig „bemuttert“ werden will. Deshalb sollten Eltern keinesfalls mit Strenge reagieren, sondern ihrem Kind die Position des großen Bruders oder der großen Schwester schmackhaft machen. Zum Beispiel sollte das ältere Kind länger aufbleiben dürfen, anderes Spielzeug besitzen und mehr Freiheiten haben als das jüngere. So lernt es, dass es mehr darf als sein Geschwisterchen, dafür aber auch mal Rücksicht nehmen muss.