Unterstützung für die Ukraine Höchste Not schweißt Partner zusammen
In den Filderkommunen gibt es eine große Hilfsbereitschaft für die vom Krieg bedrohten Menschen in der ukrainischen Partnerstadt Poltawa.
In den Filderkommunen gibt es eine große Hilfsbereitschaft für die vom Krieg bedrohten Menschen in der ukrainischen Partnerstadt Poltawa.
Kreis Esslingen - Seit vergangener Woche steht das Telefon bei mir nicht mehr still.“ Birgitta Wallrauch, die in Ostfilderns Stadtverwaltung die Städtepartnerschaften koordiniert, ist überwältigt von der großen Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Viele Menschen fragen angesichts der grausigen Kriegsbilder, wie sie den Menschen in der Ukraine helfen können. Ähnlich geht es Wallrauchs Kolleginnen in den Rathäusern in Leinfelden-Echterdingen. Die drei Filderkommunen verbindet seit 1988 eine Städtepartnerschaft mit der ukrainischen Stadt Poltawa. Gemeinsam haben die Oberbürgermeister Christof Bolay, Roland Klenk und Christoph Traub nun eine koordinierte Hilfsaktion mit Online-Plattformen gestartet.
Bereits vergangene Woche hatten sich die Rathauschefs in einem Brief an ihren ukrainischen Amtskollegen Oleksandr Mamaj bestürzt über den russischen Angriffskrieg gezeigt und ihm ihre Solidarität und Unterstützung bekundet. „Es bereitet uns Schmerz, die vielen Freunde, die wir im Lauf unserer langen und hervorragenden Beziehungen gewonnen haben, in Gefahr zu wissen“, heißt es in dem Brief. „Wir sehen uns an der Seite unserer Freunde in Poltawa.“
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„Der einseitig begonnene Krieg in Europa hat uns erschrocken und macht uns traurig und auch wütend“, wenden sich die drei Rathauschefs auf den städtischen Internetseiten direkt an ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger. Sie seien überwältigt von der großen Solidarität und Hilfsbereitschaft. Doch leider gebe es noch keinen gesicherten Weg für Finanzhilfen und Sachspenden nach Poltawa. Man habe aber einen gemeinsamen Stab gebildet, der Vorbereitungen trifft für den Zeitpunkt, an dem die Unterstützung sicher dort ankommen könne, wo sie vonnöten sei. Es wurde ein gemeinsames Konto für Geldspenden eröffnet, die ganz gezielt nach Poltawa fließen sollen, auch wenn im Augenblick noch nicht konkret vereinbart werden könne, was mit dem Geld finanziert werden soll. „Jeder kann sicher sein, dass mit dem Spendengeld an der richtigen Stelle geholfen wird“, sagt Ostfilderns Rathauschef Christof Bolay. Im Moment sei es auch nicht einfach, Geld zu transferieren.
„Sachspenden können aufgrund der Situation vor Ort derzeit nicht angenommen werden“, sagt Birgitta Wallrauch. Denn die Hilfsgüter könnten derzeit auch nicht nach Poltawa transportiert werden. „Viele kleine unkoordinierte Hilfsaktionen würden sich nur gegenseitig behindern und blockieren“, sagt Wallrauch. Wer aus der Ukraine geflüchtete Menschen unterstützen möchte, kann sein Angebot auf einem Formular auf der jeweiligen städtischen Homepage mitteilen. Das könne beispielsweise Wohnraum für Geflüchtete sein, erklärt Wallrauch. Ein paar Angebote habe sie bereits vorliegen. Notwendig seien für die bald erwarteten Neuankömmlinge auch Dolmetscherdienste oder Jobs als Alltagspaten.
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Einen regelmäßigen Austausch gibt es nach Wallrauchs Worten auch mit Freunden aus der polnischen Partnerstadt Bierawa, wo schon viele ukrainische Flüchtlinge angekommen seien. Benötigt würden dort vor allem Feldbetten und Druckverbände für Verwundete. Das hiesige Rote Kreuz könne da vielleicht helfen, berichtet Wallrauch. Es gebe einen intensiven Austausch.
„Angesichts der dramatischen Entwicklung durch den menschenverachtenden Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine ist es für uns alle ein Gebot der Stunde, Solidarität und Unterstützung zu zeigen“, sagt Aichtals Bürgermeister Sebastian Kurz. Auf seiner Facebook-Seite bittet er die Bevölkerung um Hilfe. Seine Stadt habe der Landes- und Bundesregierung eine „schnelle und unbürokratische Hilfe“ zugesichert. Für den Fall, dass Menschen in den nächsten Tagen oder Wochen kurzfristig eine Unterkunft oder andere Hilfe benötigten, möchte man in Aichtal vorsorgen. Am Wochenende wurde eine Online-Plattform für Hilfsangebote eingerichtet. Dort können Bürgerinnen und Bürger beispielsweise melden, ob sie Zimmer oder leer stehende Wohnungen haben oder als Flüchtlingspate ihre Hilfe in Aussicht stellen möchten. „Es kann notwendig werden, den Menschen bei der Bewältigung des Alltags zu helfen und ihnen auch Beistand und Halt zu geben“, sagt Kurz. „Wir wollen helfen, wo wir nur können.“ Bereits am vergangenen Sonntag seien ihm drei Unterkünfte angeboten worden. „Und es gab sogar die Bereitschaft, Zimmer in einem Wohnhaus für eine flüchtende Familie frei zu räumen.“
Die Ereignisse in der Ukraine bewegten ihn sehr, so der Rathauschef. Umso dankbarer sei er, dass die Hilfsbereitschaft in Aichtal auch bei diesem schrecklichen Ereignis so groß ist. Dass die Aichtaler zusammenstehen und Menschen in Not helfen, habe sich bereits bei dem Erdbeben in Kroatien im Dezember 2020 und zuletzt bei dem Großbrand in Aichtal-Grötzingen Ende 2021 gezeigt. Nachdem eine fünfköpfige Familie bei einem Brand ihr ganzes Hab und Gut verloren hatte, wurden dem Bürgermeister viele leer stehende Wohnungen angeboten.
„Sie schlafen nachts in Kleidern“
Ständiger Austausch
Mit ihrem Schwager, der mit seiner Familie mitten in der 300 000 Einwohner-Stadt Poltawa lebt, hält Birgitta Wallrauch von der Stadtverwaltung Ostfildern ständig Kontakt über Whats-App. Bisher seien die russischen Truppen noch nicht in der rund 350 Kilometer südöstlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew gelegenen Stadt angekommen. Aber die Menschen rechneten mit allem und lebten in großer Angst. „Sie schlafen jede Nacht schon in Kleidern“, berichtet sie. Die großen Supermärkte hätten noch offen, Apotheken seien schon relativ leer gekauft, Tankstellen seien nur noch vereinzelt geöffnet. Manche Banken hätten noch offen, an den Automaten bekomme man noch Geld. Sie habe gehört, dass viele Frauen tagelang aus leeren Sekt- und Weinflaschen Molotowcocktails bastelten. Ihr Neffe habe sich freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet, doch sei er abgelehnt worden: Es gebe zu wenig Gewehre.
Wie man helfen kann
Für Geldspenden haben die Städte Leinfelden-Echterdingen, Filderstadt und Ostfildern dieses Konto eingerichtet: Stadt Leinfelden-Echterdingen, IBAN: DE37 6115 0020 0010 7717 07, Verwendungszweck: Hilfe für Poltawa. Formulare für Hilfsangebote finden sich auf den Internetseiten der drei Filderkommunen. Wer in Aichtal Wohnraum für Flüchtlinge bereitstellen möchte, kann sich online unter www.sebastiankurz.de an den Bürgermeister wenden.