ExklusivUntersuchung in Heidelberg Ein Auftrag der Uni für den Großspender

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Die Bank Santander fördert die Universität Heidelberg mit Millionen. Nun soll sie eine neuartige Campuskarte für Doktoranden liefern. Ging bei der Vergabe alles korrekt zu? Das wird jetzt überprüft.

Die Universität Heidelberg war die erste in Deutschland, die eine Partnerschaft mit der Bank Santander schloss. Foto: dpa
Die Universität Heidelberg war die erste in Deutschland, die eine Partnerschaft mit der Bank Santander schloss. Foto: dpa

Stuttgart - Auf ihre Doktorandinnen und Doktoranden ist die Universität Heidelberg mächtig stolz. Mit 1300 Promotionen im Jahr zähle man „zu den attraktivsten Zentren der Doktorandenausbildung in Deutschland“, rühmt sich die „Ruperto Carola“. Auch der Anteil der Nachwuchswissenschaftler aus aller Welt, mehr als zwanzig Prozent, sei „einer der höchsten Werte deutschlandweit“. Insgesamt arbeiten in Heidelberg derzeit fast 8000 Akademiker an ihrer Doktorarbeit, ergab die erste zentrale Erfassung – etwa doppelt so viele wie bis dahin geschätzt. Sie erfolgte im Rahmen des Projektes „HeiDocs“, mit dem die älteste deutsche Uni (Slogan: „Zukunft seit 1386“) die Rahmenbedingungen für Doktoranden systematisch verbessern will.

Eines der Vorhaben, das ihnen Leben und Arbeiten erleichtern soll, ist eine „Campus Card für Doktoranden“. Sie soll als Schlüssel zu einer breiten Palette von Serviceleistungen dienen, innerhalb der Uni und außerhalb. Zugangskontrolle, Bibliotheksausweis, Computernutzung, Geldbörse, Stadtverkehr, Fahrradverleih, Theater – diese und noch viel mehr Funktionen soll die „intelligente“ Karte auf wenigen Quadratzentimetern vereinen. Als besonderes Extra soll sie auf Wunsch auch als EC- oder Kreditkarte genutzt werden können, dank eines Zusatz-Chips.

Bisherige Karten sind veraltet

In Deutschland gebe es dergleichen bisher nicht, sagte eine Uni-Sprecherin. Die in Heidelberg und anderswo eingesetzten Karten für Studierende hinkten weit hinter den internationalen Standards her. Mit der Doktorandenkarte solle „modellhaft erprobt werden, wie die Universität ihr Defizit in ihren digitalen Serviceleistungen … beheben kann“. Für die optionale Bezahlfunktion spreche besonders „der Technologievorsprung von derartigen Kartensystemen“. Im Mai 2015 wurde der Auftrag für Entwicklung und Implementierung europaweit ausgeschrieben, im Oktober erfolgte der Zuschlag durch das Rektorat unter Führung von Bernhard Eitel, Anfang 2016 sollte die Campus Card bereits eingeführt werden.

Heute, fast zwei Jahre später, gibt es sie immer noch nicht. Technische Probleme, die inzwischen gelöst seien, werden für die Verzögerung angeführt, vor allem aber Herausforderungen beim Datenschutz, an denen noch gearbeitet werde. Realisiert werde die Karte erst, wenn die Datenschützer – auch jene von der dafür zuständigen Zentralstelle der Südwest-Unis in Stuttgart – ihr Plazet gegeben haben. Ein neues Zieldatum nennt man lieber nicht.

Erst prüften Juristen, dann das Ministerium

Nun könnte sich die Hängepartie erneut verlängern. Der Hochschulchef Eitel hat den Universitätsrat gebeten, die Geschäftsführung des Rektorats in puncto Doktorandencard zu überprüfen, der Finanzprüfungsausschuss des Aufsichtsgremiums wiederum beauftragte eine „unabhängige Gruppe“ von nicht näher benannten Juristen. Am Ende will das von der Heidelbergerin Theresia Bauer (Grüne) geführte Wissenschaftsministerium in Stuttgart die Ergebnisse bewerten.

Anlass seien Vorwürfe einer „benennbaren Einzelperson“, sagt die Uni-Sprecherin. Von dieser gebe es einen Bericht, in dem „falsche Tatsachenbehauptungen, Unterstellungen und spekulative Verdächtigungen“ zusammengetragen seien. Die daraus gezogenen Schlussfolgerungen halte man für „konstruiert und in ihrem Kern haltlos“. Gleichwohl begrüße die Uni die Überprüfung, um die Anschuldigungen zu widerlegen.

Kanzlerin hinterlässt umfänglichen Report

Der Bericht stammt – das ist in Heidelberg kein Geheimnis – von einer hochrangigen Insiderin: Angela Kalous, bis vor kurzem Kanzlerin, also Verwaltungschefin der Ruperto Carola. Die promovierte Juristin, die sich auf Anfrage nicht äußern wollte, hatte nicht wieder kandidiert, im Sommer war sie ausgeschieden. Sie hinterließ einen umfänglichen Report, in dem es um diverse Merkwürdigkeiten rund um die Doktorandenkarte gehen soll, um das beauftragte Unternehmen und dessen Doppelrolle im Verhältnis zur Uni: die spanische Bank Santander, nach dem Börsenwert die größte Bank der Eurozone.

Santander nämlich ist nicht nur Geschäftspartner der Hochschule bei der Karte, sondern schon länger einer ihrer Großspender. Im Jahr 2011 unterzeichnete Heidelberg als erste deutsche Universität einen Kooperationsvertrag mit den Spaniern. Inzwischen gibt es 17 solcher Partnerschaften, in Baden-Württemberg noch mit Tübingen. Weltweit kooperiert Santander mit fast 1300 akademischen Einrichtungen in 21 Ländern; damit sei man der größte private Förderer von höherer Bildung.

Bank will Präsenz in Deutschland stärken

„Santander Universidades“ heißt die für das Engagement zuständige Unternehmensdivision. Die Bank begründet es mit ihrer gesellschaftlichen Verantwortung: Man wolle den Ländern, in denen man aktiv sei, „etwas zurückgeben“. Es gehe nicht darum, Kunden zu gewinnen, versichert eine Sprecherin von Santander Deutschland. Auch die speziellen Angebote für Professoren oder Studierende hätten nichts mit der Förderung zu tun. Als eine Heidelberger Delegation mit Rektor Eitel an der Spitze Anfang 2016 nach Spanien reiste, um über die bisherige und künftige Zusammenarbeit zu sprechen, legten die Wohltäter ein weiteres Motiv offen. Die Kooperation mit der renommierten Universität solle „die Präsenz der Bank in Deutschland stärken“, heißt es in einem englischsprachigen Bericht, der sich bis heute in den Tiefen des Internetauftritts von Santander findet.

Für die Uni zahlte sich die Kooperation schon mehrfach aus. Mal gab es eine gute Million Euro für den Aufbau eines Spanien- und Lateinamerika-Zentrums, mal 1,2 Millionen Euro für internationale Sommerschulen für Doktoranden. Über Kontinente hinweg sollen sich die jungen Forscher dabei mit Kollegen austauschen und Netzwerke knüpfen. Etwa neun Monate, nachdem Santander als günstigster Anbieter den Zuschlag für die Doktorandenkarte erhalten hatte, wurde die nächste Förderung besiegelt: diesmal fließen zwei Millionen Euro, wiederum für die „universitätsweite Förderung der Doktoranden“. Wie sie das Bank-Geld einsetzen, können die Unis selbst entscheiden.

Millionensegen bald nach Vergabe

Zumindest zeitlich liegen die Auftragsvergabe und der neue Millionensegen damit nah beieinander. Zu nah? Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun, versichern Bank und Uni unisono; es bestehe „keinerlei Zusammenhang“. Man habe das Vergabeverfahren eigens von einem externen Anwalt begleiten lassen, dem zufolge alles regelgemäß lief, berichtet die Hochschul-Sprecherin. Karte und Kooperation würden sauber getrennt von unterschiedlichen Akteuren behandelt. Keiner der Mitbewerber habe die Entscheidung für Santander zudem angefochten – auch das spreche für das korrekte Vorgehen. Beim Spanien-Besuch von Rektor Eitel 2016 ging es freilich um beide Themen. Mit der Campus Card werde Heidelberg „eine Vorreiterrolle unter den deutschen Universitäten“ einnehmen, heißt es im Santander-Bericht.

Die eigentlichen Nutznießer klingen nicht ganz so begeistert. Man beurteile das Projekt des Rektorats „insgesamt positiv“, bekundet die Sprecherin der für die Karte zuständigen Arbeitsgruppe im Doktorandenkonvent, Robin Njenga. Einen „großen Teil ihrer Bedeutung“ habe sie mit dem neuen Landeshochschulgesetz indes schon verloren. Damit werden die Doktoranden – egal ob Studierende, Mitarbeiter oder Externe – bereits zu einer eigenen Statusgruppe, was man sehr begrüße. Wenn die Karte bei den Promovierenden breite Akzeptanz finden solle, müsse sie „zusätzliche Vorteile gegenüber einem Studierendenausweis“ bieten; da sei „noch nichts spruchreif“.

Die Doktoranden sind argwöhnisch

„Grundsätzlich argwöhnisch“ beurteilen die Nachwuchs-Wissenschaftler laut Njenga „die Beteiligung der Santander-Bank bzw. eines externen Partners im Allgemeinen“. Da diese „unvermeidlich die Frage nach möglichen Interessenkonflikten aufwirft“, würde man eine vollständig uniinterne Entwicklung und Finanzierung der Karte „klar vorziehen“. Viele ihrer Kollegen würden gerne eine geringe Gebühr zahlen, „wenn dadurch die Beteiligung eines externen Partners vermieden werden könnte“. Gerade für internationale Doktoranden könne es hilfreich sein, wenn die „Campus Card“ auch als Bankkarte diene. Dann dürfe die Auswahl aber nicht nur auf die Santander Bank beschränkt sein.

Genau das sei geplant, beteuert die Uni-Sprecherin. Wer die Bank-Funktion der Karte aktivieren wolle, könne zu „einem Kreditinstitut seiner Wahl“ gehen. Die Dienstleistungen von Uni und Bank blieben komplett getrennt, durch zwei verschiedene Chipkartensysteme. Auch den Ruf der Doktoranden nach strikten Datenschutz-Auflagen will die Hochschule erhören: Die Karte komme erst, wenn alle Bedingungen erfüllt seien. Weil die Entwicklungsphase noch laufe, sei bisher kein Geld geflossen; das Auftragsvolumen: 160 000 Euro.

Rechtliche Schritte wegen Vorwürfen?

Nun wird in Heidelberg und Stuttgart mit Spannung auf das Ergebnis der Prüfung gewartet. Seine Sprecherin ließ der Rektor, dessen Verhältnis zur Kanzlerin als schwierig galt, schon mal eine Gegenoffensive andeuten: Geprüft würden am Ende auch „rechtliche Schritte gegen die Quelle der Beschuldigung“.