Untersuchungsamt in Fellbach Lauert im warmen Wasser eine Gefahr?

Der CVUA-Chef Volker Renz zeigt ein Rohrstück, das mit Epoxydharz beschichtet ist und deshalb schädliches Bisphenol A ans Warmwasser abgibt. Foto: Michael Käfer

Das in Fellbach beheimatete Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart (CVUA) deckt nicht nur Schadstoffe und Krankheitserreger in Lebensmitteln auf, sondern leistet manchmal für die Steuerverwaltung auch Amtshilfe am Dönergrill.

Trinkwasser gilt als das am besten untersuchte und kontrollierte Lebensmittel. Wer die Anlagen der Bodensee-Wasserversorgung auf dem Sipplinger Berg – sie versorgen Schmiden und Oeffingen – einmal besichtigt hat, der ahnt, welchen Aufwand die Versorger dafür betreiben. Deren Macht reicht jedoch nur bis zum Hausanschluss, dahinter ist für die Wasserqualität der Gebäudeeigentümer zuständig. Werden diese marode Leitungen entdeckt, ist guter Rat im wahren Wortsinn teuer, denn der Austausch aller Rohre ist kein billiges Vergnügen. In der Vergangenheit boten deswegen Firmen eine kostengünstige Innenrohrsanierung mittels einer Epoxidharzbeschichtung an. Inzwischen entspricht diese Beschichtung jedoch aus gutem Grund nicht mehr den allgemein anerkannten Regeln der Technik.

 

Die findigen Fachleute des in der Fellbacher Schaflandstraße beheimateten Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts (CVUA) Stuttgart haben Proben aus derartigen Leitungen untersucht und sind fündig geworden. „Die Ergebnisse unseres Projekts sind recht eindeutig“, sagt Thorben Nietner, der Leiter des Trinkwasserlabors am CVUA. In 87 Prozent der immerhin 76 Warmwasserproben wurde Bisphenol A in einer Konzentration gefunden, die über dem Grenzwert von 2,5 Mikrogramm pro Liter lag. Der traurige Spitzenwert lag bei 211 Mikrogramm.

Fachleute warnen vor Bisphenol A

„Bisphenol A ist von der Europäischen Chemikalienagentur als besonders besorgniserregende Substanz eingestuft“, sagt Volker Renz, der Leiter des CVUA. Fachleute warnen vor der hormonähnlichen Wirkung des Stoffs, der bereits in kleinsten Mengen Krankheiten und Gesundheitsstörungen auslösen kann. Folglich sollte Wasser mit einem überhöhten Gehalt an Bisphenol A nicht getrunken sowie nicht für die Zubereitung von Speisen und Heißgetränken verwendet werden. Das gilt insbesondere für Säuglingsnahrung.

In den von überhöhten Schadstoffwerten betroffenen Rohrleitungen trat zudem oftmals ein Befall mit Legionellen auf, „was auch kein Wunder ist, wenn man sich solche Rohre anschaut“, sagt Thorben Nietner.

Sein Chef hat einen kurzen Rohrabschnitt auf seinem Tisch liegen. Schon auf den ersten Blick wird deutlich, dass die bläulich schimmernde, gewellte Innenoberfläche einen guten Nährboden für allerlei Bakterien und Keime bilden kann. Immerhin in einer Hinsicht kann der promovierte Amtsleiter Entwarnung geben: „In kaltem Wasser haben wir nichts gefunden.“

Wasser erst ablaufen lassen

Daraus leitet sich auch ein allgemeiner Ratschlag ab, nachdem Verbraucher nur kaltes, unmittelbar vor der Verwendung erhitztes Wasser zur Zubereitung von Speisen und Getränken verwenden sollen. Das Umweltbundesamt empfiehlt zudem, sogenanntes Stagnationswasser stets ablaufen zu lassen. Darunter versteht man Wasser, das mehr als vier Stunden in der Leitung stand. Ein kurzes Ablassen bis man eine Abkühlung spürt reicht dazu völlig aus.

Mit einem beliebten festen Nahrungsmittel haben sich die Experten des CVUA kürzlich ebenfalls beschäftigt: mit Döner Kebap. „Normalerweise prüfen wir bei diesen Produkten die mikrobielle Beschaffenheit“, sagt Volker Renz. Nicht so diesmal: „Da ist tatsächlich die Steuerverwaltung auf und zugekommen.“ Die in Amtshilfe zu beantwortende Frage war, wie hoch Garverluste eines angelieferten Dönerspießes sind.

Was sich nach einem eher wissenschaftlich relevanten Problem anhört, ist für die Steuererklärung der Dönerbrater von erheblicher Bedeutung. Schließlich macht es einen großen Unterschied, wie viel Prozent des eingekauften Fleischs in gebratener Form als Döner oder Yufka verkauft werden können. Ohne entsprechende Kenntnis ist der Steuerhinterziehung Tür und Tor geöffnet. Bei Geflügelfleisch liegt der Garverlust im Durchschnitt bei 37 Prozent, bei hackfleischhaltigen Drehspießen – so die exakte Bezeichnung – ist eine genaue Aussage wegen der starken Schwankungen aber noch nicht möglich.

Den für die Versuche ausgeliehenen Dönergrill haben die für den gesamten Regierungsbezirk Stuttgart zuständigen Verbraucherschützer übrigens nicht für ein Sommerfest vereinnahmt, sondern ordentlich an den Verleiher zurückgegeben.

CVUA
 An Verbraucherschutz, Tiergesundheit und Lebensmittelsicherheit interessierte Menschen sollten sich Sonntag, den 23. April, dick im Terminkalender anstreichen. Erstmals seit fast viereinhalb Jahren öffnet an diesem Tag zwischen 11 und 17 Uhr das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart (CVUA) wieder seine Labortüren. Beim vergangenen Tag der offenen Tür nutzten rund 1600 Besucher diese Gelegenheit. Das Amt befindet sich an der Fellbacher Schaflandstraße 3/2 und 3/3.

Programm
 Neben dem Gespräch mit Experten und einer Jobbörse organisieren die Mitarbeiter des CVUA mit großem Aufwand ein attraktives Programm. Es umfasst Mitmachaktionen wie Quizveranstaltungen über exotische Früchten oder über Tierspuren sowie den Schnelltest von mitgebrachtem Trinkwasser. Über Schadstoffe in Lebensmitteln wird ebenso informiert wie über Speiseöle oder Gefahren in der Küche. Das auch Vorträge umfassende Gesamtprogramm der bewirteten Veranstaltung ist im Internet unter der Adresse www.offenetuer.cvuas.de abrufbar.

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