Unterwegs mit dem Eismann Corona lässt die Kasse klingeln

Von Annette Clauß 

Kurzarbeit und Zwangsurlaub sind zurzeit für viele ein Thema – nicht für Stefan Ruoff. Er arbeitet für die Firma Eismann und liefert mehr denn je Tiefkühlware aus.

Auslieferung mit Sicherheitsabstand: Der Eismann Stefan Ruoff packt die bestellte Ware in den Korb seines Kunden. Foto: /Gottfried Stoppel
Auslieferung mit Sicherheitsabstand: Der Eismann Stefan Ruoff packt die bestellte Ware in den Korb seines Kunden. Foto: /Gottfried Stoppel

Pattonville - Der Eismann“, ruft Stefan Ruoff, als aus der Gegensprechanlage des Mehrfamilienhauses in der Wohnsiedlung Pattonville (Kreis Ludwigsburg) ein fragendes „Ja?“ ertönt. „Wir brauchen heute nichts“ ist die Antwort – aber die wird Stefan Ruoff an diesem Tag sehr selten hören. Denn während viele andere wegen der Corona-Krise in Kurzarbeit oder gar Zwangsurlaub sind, hat der 33-jährige Waiblinger, der als Selbstständiger für die Firma Eismann arbeitet und Tiefkühlware direkt ins Haus bringt, so viel zu tun wie noch nie in seinem mehr als zehnjährigen Berufsleben.

„Die Umsätze explodieren“, sagt Ruoff, der die Entwicklung schon im März mit Staunen und etwas Sorge beobachtet hat: „Ich hatte etwas Angst, dass es im April zu einem Einbruch der Zahlen kommt.“ Doch dieser ist ausgeblieben: Tiefgekühlte Rotbarschfilets, gefrorene Rosmarinkartoffeln und Fertiggerichte gehen nach wie vor weg wie warme Semmeln. Etwa 25 neue Kunden hat Stefan Ruoff in den vergangenen Wochen besucht, darunter sei aber nur ein Hamsterkauf gewesen: „Eine Kundin hat sich sechs Kilo Pommes und acht Kilo Rahmspinat liefern lassen.“ Die Stammkundschaft bestelle derzeit auch mehr: „Die Leute wollen sich nicht länger als unbedingt nötig im Supermarkt aufhalten. Wer bei mir sonst 50 Euro ausgibt, gibt jetzt 80 aus.“

Eismann hat seine Lager rechtzeitig gefüllt

Das sei kein Wunder, sagt Thomas Zeberer. Nach Jahren als Eismann auf der Straße arbeitet er als regionaler Vertriebsleiter in der Niederlassung Weinstadt mit Sitz auf dem ehemaligen Bauer-Areal in Großheppach. „Viele, die normalerweise mittags in der Kantine oder der Mensa essen und abends nur vespern, sind jetzt zu Hause. Da ist es logisch, dass die Leute mehr Essen brauchen.“ Engpässe brauche niemand zu fürchten, sagt Thomas Zeberer: „Solange unsere Lieferanten liefern, tun wir das auch.“ Zudem habe man rechtzeitig alle Lager gefüllt und zusätzliche Flächen angemietet.

Dieser Tage ist er schwer damit beschäftigt, Bewerbungsgespräche zu führen. Es gebe etliche Interessenten für den Eismann-Job, sagt Zeberer – darunter Servicekräfte aus der Gastronomie und anderen Branchen, in denen es gerade schlecht laufe. Die derzeit sieben Eismänner und eine Eisfrau im Weinstädter Team hätten ganz unterschiedliche Berufsausbildungen: „Vom Koch bis zum Gas- und Wasserinstallateur haben wir alles dabei. Aber der Job ist nicht für jeden was.“

Stefan Ruoff sagt, er sei nach der Schule „reingestolpert“ ins Tiefkühl-Business. „Eigentlich wollte ich was mit Autos machen, aber meine Noten waren nicht so toll.“ Da er ein „Eismann-Kind“ ist – sein Vater fährt seit Jahren für das Unternehmen –, stieg der Sohnemann ebenfalls ein und sagt heute: „Der Job macht mir Tag für Tag mehr Spaß. Ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen.“

Der Lieferant bekommt an den Türschwellen viel zu hören

In seinem Beruf sei er immer auch ein wenig Seelsorger und Therapeut, berichtet Ruoff – jetzt aber ganz besonders. An den Wohnungstüren, deren Schwellen er in diesen Tagen der „kontaktlosen Lieferung“ nicht überschreitet, bekommt er vieles zu hören, Verschwörungstheorien über den angeblichen Ursprung des Virus inklusive. „Humor muss man schon haben“, sagt der 33-Jährige – genug Stoff für ein Buch oder eine Bühnenshow würde der Eismann-Alltag durchaus hergeben.

Gut gelaunt und freundlich arbeitet Stefan Ruoff seine Tagesliste ab, die ihn an diesem sonnigen Dienstag kreuz und quer durch Pattonville zu etwa 80 Kunden lotst: vor schicke Bungalows mit Pool im Garten, zu gepflegten Mehrfamilienhäusern mit blitzeblank geputzten Fluren und zu Mietskasernen, an denen der Putz bröselt. „Pattonville ist ein sehr kompaktes Gebiet ohne Ampeln, da geht etwas mehr“, erläutert Stefan Ruoff, der sonst zu etwa 60 ­Adressen am Tag fährt. Sein Handy gibt währenddessen ständig Geräusche von sich: Kunden schicken per Whatsapp ihre Wünsche, fragen mittels SMS an, ob er später kommen kann. Immer wieder ruft jemand an, dann fährt Ruoff rechts ran und tippt die diktierten Warennummern in den Bordcomputer Eva. Er sagt „Das Kabeljaufilet ist leider aus“ oder empfiehlt eine Alternative zum nicht lieferbaren Makkaroniauflauf.

„Am Anfang der Corona-Krise musste man noch viel erklären“, sagt Stefan Ruoff, parkt sein rotes Eismann-Auto am ­Washingtonring, streift sich Handschuhe über und eilt zum nächsten Kunden. Dank Corona muss er weniger Treppen steigen; die meisten Kunden kommen nun runter zur Haustür – auch der ältere Mann, der mit Einkaufskorb in der Hand beteuert: „Ich lass mich nicht verrückt machen.“ „Gehen Sie bitte einen Schritt zurück, dann lege ich die Ware in Ihren Korb“, sagt Ruoff. Obenauf platziert er den Prospekt mit den Angeboten, das gemeinsame Durchblättern entfällt.

Einblicke in ganz unterschiedliche Lebenswelten

Weiter geht’s zu einer Mutter, deren Sohn keine Lust auf Homeschooling hat; sein kleiner Bruder schmollt, weil er nicht auf den Spielplatz darf. Und es geht zu einer Frau, die ihre 95-jährige Mutter versorgt und sagt: „Der Eismann ist schon praktisch, da muss man nicht so oft unter die Leute.“ Eine junge Maschineneinrichterin freut sich nach fast fünf Wochen Zwangspause, bald wieder für fünf Tage in ihren Betrieb zu dürfen. „Sonst wartet man aufs Wochenende – jetzt freut man sich, wenn man arbeiten darf“, sagt sie, packt Paella und Kartoffelpuffer in eine Kiste und verabschiedet sich. Die nächste Kundin kommt mit Headset an die Tür, winkt und verschwindet wieder zur Videokonferenz. Ruoff stapelt die Ware in den bereitstehenden Wäschekorb und legt die Rechnung obendrauf. Gezahlt wird per Lastschrift.

Viele Kunden plaudern ein wenig. „Die Leute interessieren sich in dieser Zeit mehr für mich und meinen Job“, sagt Stefan Ruoff, „und jetzt halten sogar Autos an, um mich über die Straße zu lassen.“ Irgendwann nach Corona wird sich das wohl ändern. Dann braucht Stefan Ruoff wieder 55 statt 27 Minuten von Weinstadt nach Zuffenhausen, dann wird er statt fünf Rollwagen voller Ware nur noch drei am Tag zuladen und öfter mal vergeblich klingeln, weil weniger Kunden im Homeoffice sind. Bis dahin gibt es aber noch jede Menge Tiefkühlware auszuliefern.




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