Unterwegs mit einem Schornsteinfeger Fachmann und Glücksbringer

Dietmar Konnerth gefällt an seinem Beruf, dass er viel herumkommt. Foto: Marion Brucker

Schornsteinfeger gibt es seit Hunderten von Jahren. Doch was macht den Beruf heute aus? Ein Tag mit dem Schornsteinfeger Dietmar Konnerth im Nordschwarzwald.

Es ist früh am Morgen. Dietmar Konnerth weiß noch nicht, was auf ihn an diesem Montag zukommt – nur die Liste seiner Kunden kennt er ganz genau. Und auch die Örtlichkeiten. Der Wildberger hat vor genau zehn Jahren seine Ausbildung als Schornsteinfeger beendet, seit vier Jahren trägt er den Meistertitel und seit drei Jahren ist er auch Gebäudeenergieberater. Er arbeitet als angestellter Schornsteinfeger im Betrieb des Bevollmächtigten Bezirksschornsteinfegers für Nagold, Stefan Lendermann.

 

Lange hatte es gedauert, bis der heute 47-jährige Konnerth zu seiner Berufung gefunden hat. Transporteur, Lackierer, Industriekaufmann, kaufmännischer Mitarbeiter, Küchenhilfe – er hat einiges ausprobiert und während seines Zivildienstes in einem Altenpflegeheim gearbeitet. Dann kümmerte er sich als Hausmann gut anderthalb Jahre um Sohn und Tochter und baute das Familienheim um. „Nachdem meine Frau ihre Ausbildung als Hebamme fertig hatte, wollte ich wieder Vollzeit arbeiten“, erzählt er, während er das Auto öffnet, einen Staubsauger sowie eine Kehrhaspel herausholt und sich einen Rucksack über die Schulter hängt. Darin sind unter anderem Messgeräte, Rußpumpen. Abgastester, Teleskopspiegel, Schmiermittel für festgebackene Schrauben – alles, was er für seinen Einsatz braucht.

Die Ausbildung dauert drei Jahre

Konnerth macht körperliche Arbeit Spaß: „Durch den Umbau unseres Hauses war mir bewusst geworden, dass ich weiterhin etwas Handwerkliches machen wollte.“ Er dachte bereits über verschiedene Berufe nach, als ihm der des Schornsteinfegers in den Sinn kam, weil er in seinem Haus selbst Besuch eines Schornsteinfegers bekommen hatte.

Drei Jahre dauert die Ausbildung. Die Auszubildenden lernen die Praxis in einem Schornsteinfegerbetrieb und die Theorie in einer Berufsschule. Unter bestimmten Voraussetzungen kann die Ausbildung auch verkürzt werden. 1800 Auszubildende gab es bundesweit 2023, davon 600 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge. In Baden-Württemberg waren es im Januar 2023 insgesamt 236 Auszubildende und 83 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge. Konnerth sagt: „Für meinen Beruf benötigt man räumliches Denken, handwerkliches Geschick, technisches Verständnis, Verantwortungsbewusstsein und Empathie.“

An seinen ersten Einsatz erinnert er sich noch ganz genau: „Ich sollte den Schornstein im Haus meines Lehrmeisters mit Stange und Leine reinigen.“ Diese Werkzeuge hatte er zuvor noch nie benutzt. Anfangs sei es schwer für ihn gewesen, bei der Arbeit keinen Ruß im Raum zu verteilen. „Oberstes Gebot ist, dass ich die Örtlichkeiten beim Kunden sauber hinterlassen muss.“

In Baden-Württemberg gibt es 900 Innungsbetriebe

Konnerth mag es, nicht jeden Tag am gleichen Ort zu sein und mit verschiedenen Menschen in Kontakt zu kommen. „Es ist eine abwechslungsreiche, positive und sinnvolle Arbeit, mit der wir die Betriebssicherheit, den Brandschutz und den Umweltschutz gewährleisten“, sagt er.

7500 Innungsbetriebe gibt es bundesweit laut Bundesverband des Schornsteinfegerhandwerks, darunter 900 im Landesverband Baden-Württemberg. Dem gegenüber stehen bundesweit 7700 Kehrbezirke, darunter 930 Kehrbezirke in Baden-Württemberg, so das Regierungspräsidium Stuttgart. Sie werden alle sieben Jahre neu ausgeschrieben. 2023 waren 35 Ausschreibungen erfolglos, in diesem Jahr bislang 25. „Die derzeitige Ausschreibungskampagne läuft noch, sodass hierzu keine validen Aussagen getroffen werden können“, sagt Andrea Panitz, Pressereferentin des Regierungspräsidiums. In jüngster Vergangenheit habe sich jedoch der Trend verstärkt, dass bei Kehrbezirksausschreibungen in ländlichen Regionen weniger Bewerbungen eingehen. Je nach Zustand oder Zuschnitt des überlassenen Kehrbezirks sei dies jedoch genauso in städtisch geprägten Regionen möglich.

Dietmar Konnerth kennt das Problem. „Es gibt Bezirke, die unbesetzt bleiben. Das liegt auch daran, dass immer mehr Leute in Rente gehen“, sagt er.

Der Brandschutz zählt zu den wichtigsten Aufgaben

Für jeden Kehrbezirk ist jeweils ein bevollmächtigter Bezirksschornsteinfeger bestellt. So wie Konnerths Chef Lendermann. Dieser ist im jeweiligen Kehrbezirk berechtigt, sogenannte hoheitliche Tätigkeiten wie Feuerstättenschauen oder Bauabnahmen von Feuerstätten vorzunehmen. Daneben gibt es freie Tätigkeiten wie die regelmäßige Kehrung. Diese kann sowohl von bevollmächtigten Bezirksschornsteinfegern als auch von anderen Schornsteinfegern übernommen werden, also Fachmännern wie Dietmar Konnerth.

Zu den originären Aufgaben des Schornsteinfegerhandwerks gehört der Brandschutz. Alle Gebäude mit Schornsteinen und Feuerungsanlagen unterliegen der Kehrpflicht. Bereits im Mittelalter gab es die ersten Brand- und Feuerordnungen. Schornsteinfeger entfernten den Ruß in Schornsteinen. Dadurch nahm die Gefahr eines Rußbrandes ab. Zuvor gab es häufig Feuer, die teilweise ganze Stadtteile vernichteten, weil sich der Ruß in den Schornsteinen entzündet hatte. Das ist auch der Ursprung dafür, dass man bis heute sagt, dass der Schornsteinfeger Glück bringe. Auch Konnerth war einmal daran beteiligt, einen Schornsteinbrand zu löschen, der sich durch Glanzruß, der durch unvollständige Verbrennung von Holz entsteht, entzündet hatte.

An diesem Montag hat er deutlich ungefährlichere Aufträge zu erledigen. Zunächst überprüft er die Pelletheizung einer Firma – eine von mehr als 1,1 Millionen Holzzentralheizungen in privaten, gewerblichen und öffentlichen Gebäuden, die der Bundesverband des Schornsteinfegerhandwerks für 2023 erfasst hat. Nach wie vor liegen die Anlagen, die fossile Brennstoffe verheizen, in der Statistik weit vorne: 14,4 Millionen nutzten Erdgas, fünf Millionen Öl. Im vergangenen Jahr hat sich die Anzahl der fossil betriebenen Heizungen im Vergleich zu 2022 gerade einmal um rund ein Prozent verringert.

Im Schornstein finden sich nur Blätter und Spinnweben

Zu den wichtigsten Aufgaben des Schornsteinfegerhandwerks gehört es, bundesweit fast 33 Millionen Feuerungsanlagen sicherheitstechnisch und immissionsschutzrechtlich zu überprüfen und Immissionsschutz und Kohlenmonoxid-Messungen vorzunehmen. So wie Konnerth bei Gerhard Schwarz. Der Hausherr steht in seinem Garten, als der Schornsteinfegermeister seinen Transporter vor dem zweistöckigen Gebäude parkt.

Zuerst führt ihn sein Weg unters Dach. Konnerth zieht Handschuhe aus der rechten Tasche seiner Latzhose, streift sie über, nimmt aus der linken eine Taschenlampe, öffnet mit einem Schlüssel das Kamintürchen und leuchtet in den Schornstein. „Er hat nicht viele Rückstände“, stellt er fest. Ein paar Blätter hat der Wind hineingeweht und ein paar Spinnweben befinden sich in dem Schornstein. Der muss frei sein, damit die Abgase optimal abziehen können. Mit der Kehrhaspel fegt Konnerth die Blätter und die Spinnweben weg – alltägliche Routine.

Anschließend kontrolliert er in einem Nebengebäude die Ölheizung. Schätzungsweise 17 Jahre ist sie alt. „Ich fühle mich wohler, wenn sie regelmäßig von einem Fachmann wie Herrn Konnerth überprüft wird“, sagt Schwarz. Solche Kontrollen gehören zum Aufgabengebiet Umweltschutz. Seit Einführung der Messungen nach der 1. Bundesimmissionsschutzverordnung in den 1970er Jahren konnten die schädlichen Emissionen um 80 Prozent reduziert werden.

Auch Backöfen müssen kontrolliert werden

Auch bei seiner letzten Station an diesem Montag geht es um die Abgaswegeüberprüfung. Konnerth parkt vor einer Bäckerei. Fünf Backöfen stehen auf seiner Liste. In der Backstube haben die Mitarbeiter ihr Tagwerk bereits beendet. Blank geputzte Bleche stehen auf Wagen übereinandergestapelt. Die Waren werden vorne im Café verkauft, während hinten mittägliche Ruhe herrscht.

Der Schornsteinfegermeister holt eine Leiter, stellt sie hinter einen der Öfen, klettert hoch und schließt sein Messgerät an. Einen nach dem anderen Ofen kontrolliert er so und überspielt die Ergebnisse auf einen Laptop. Mehlstaub hat sich auf seinem Kittel festgesetzt, als er wieder hinter den Öfen hervorkommt. Jetzt noch die Schornsteine kontrollieren. Zuerst die im Keller, dann die draußen im Freien. Irgendetwas liegt in einem der äußeren Schornsteine. Konnerth greift hinein und hält eine tote Taube in der Hand. Geschockt ist er darüber nicht. So etwas käme hin und wieder vor, gehöre ebenso zu seinem Beruf wie Spinnweben, Ruß und Staub, sagt der lachend.

Die Café-Besucherin Veronika Rais-Wehrstein will einen schwarzen Punkt auf der Nasenspitze haben. Foto: Marion Brucker

Nach getaner Arbeit geht Konnerth in das Café der Bäckerei zum Mittagsimbiss. Eine Frau winkt ihn an ihren Tisch: Sie wolle unbedingt einen Punkt auf der Nase haben. „Der Schornsteinfeger ist für mich von Kindheit an positiv besetzt“, sagt Veronika Rais-Wehrstein. Die 68-Jährige erzählt, wie sie den schwarzen Punkt auf der Nase als Kind möglichst lange behalten und sich nicht das Gesicht waschen wollte. „Der Schornsteinfeger ist für mich ein Glücksbringer“, sagt sie. Das sei für sie bis zum heutigen Tage so geblieben. „Was er tut, kommt allen zugute.“

Eine Reise in die Vergangenheit des Handwerks

Dass ihr Glücksbringer angesichts von immer mehr Wärmepumpen verschwinden könnte, glauben weder sie noch Konnerth. „Bei solchen Anlagen entfällt zwar die gesetzliche Überprüfung durch den Schornsteinfeger, aber der Berufsstand bildet sich dauernd weiter, und er könnte auch Wärmepumpen überprüfen und feststellen, ob diese energetisch richtig eingestellt sind“, sagt er. Wie diese Überprüfungen genau geregelt werden, ist jedoch zurzeit noch offen.

Ende dieses Monats fährt Dietmar Konnerth auf das jährliche Schornsteinfegertreffen ins italienische Santa Maria Maggiore. Dort gibt es nicht nur einen Schornsteinfegerumzug, sondern auch ein ganz besonderes Museum. Es erinnert an die Kinder aus dem Tal, die im 19. Jahrhundert nach Mailand geschickt wurden, um Schornsteine zu kehren. Ein Zwölfjähriger ist dabei zu Tode gekommen. Für den Jungen gibt es ein Denkmal im Nachbardorf Malesco. Zum Glück hat sich seither sehr viel weiterentwickelt in der Schornsteinfegerbranche.

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