Die Menge ist ruhig, der Platz warm beleuchtet. Sieht fast gemütlich aus, könnte man denken. Sebastian Feuerstein denkt so natürlich nicht. Vielleicht kippt die Stimmung? Vielleicht schubst ein Demonstrant einen Kollegen oder schüttet ihm selbst Tee ins Gesicht oder zückt ein Messer? „Jede Situation kann sich zu einer schlimmen Situation entwickeln“, sagt der Polizist, der vor Kurzem erst zwei Kollegen in einer schlimmen Situation verloren hat.
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In Kusel haben eine 24 Jahre alte Polizeianwärterin und ein 29 Jahre alter Oberkommissar ein Auto und seine Insassen kontrolliert, am Ende waren beide Polizisten tot. Sebastian Feuerstein hat das mitgenommen, das hört man ihm an. Trotzdem sagt der 33-Jährige über seinen Beruf: „Ich lebe meinen Traum.“
Um das zu verstehen, muss man hören, was Sebastian Feuerstein noch sagt. Und was Ausbilder, Wissenschaftler und Politiker sagen. Dann versteht man vielleicht auch, warum die Polizei für sehr viele Menschen etwas sehr Besonderes ist.
Helfer in der allergrößten Not
Sebastian Feuerstein hat einen Jungen davon abgehalten, sich aus Liebeskummer die Pulsadern aufzuschneiden. Die Ex-Freundin hatte die Polizei alarmiert, weil sie befürchtete, er könne sich nach der Trennung was antun. Sebastian Feuerstein hat eine alte Dame reanimiert, die fast tot in ihrer Wohnung lag. Die Tochter hatte die Polizei gerufen, weil sie sich Sorgen machte. Sebastian Feuerstein hat auch mal zwei kleine Kinder, die sich verlaufen hatten, zu ihren Eltern zurückgebracht, die vor Angst ganz aufgelöst waren.
Wenn man den Polizeikommissar fragt, was ihm an seinem Beruf gefällt, sind das nur einige der Beispiele, die er nennt. Sie sind zugleich der Grund, warum er Polizist werden wollte: Er will Menschen helfen.
Sebastian Feuerstein war in seinem ersten Berufsleben Krankenpfleger. Er hat im Ludwigsburger Krankenhaus auf der Intensivstation gearbeitet und in der Notaufnahme. Menschen helfen konnte er also auch dort. „Stimmt“, sagt der ehemalige Pfleger. Allerdings habe er anders Hilfe leisten wollen, als immerzu Schmerzen zu lindern oder Wunden zu versorgen.
Wie kontrolliert man ein Auto?
Als Polizist, sagt er, wolle er mit dafür sorgen, dass die Menschen sicher sind und sich sicher fühlen. Dazu gehört dann eben auch, sich von einem bekifften Autofahrer anpöbeln zu lassen, weil ihn der Polizist aus dem Verkehr gezogen hat. Oder nach einem Einbruch durch ein dunkles Gebäude zu schleichen, um nach dem Täter zu suchen. Oder bei windiger Kälte Demonstranten zu begleiten, die für etwas auf die Straße gehen, was der Polizist als Privatmann womöglich doof findet.
Wenn Marcel Bernhard so etwas hört, freut er sich. Bernhart ist Dozent an der Hochschule für Polizei, in Herrenberg unterrichtet und trainiert er angehende Polizisten. Er ist also mitverantwortlich dafür, dass Kollegen wie Sebastian Feuerstein wissen, wann sie wie reagieren sollen. Wie nähert man sich einer verdächtigen Person? Wie geht man sicher in ein Gebäude? Wie kontrolliert man ein Auto? Wieder und wieder werden Situationen nachgestellt. Damit sie routiniert ablaufen – ohne je zur Routine zu werden.
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Marcel Bernhart ist selbst in Herrenberg zum Polizist ausgebildet worden. 1999 war das. Er weiß, wovon er redet, wenn er sagt: „In der Ausbildung hat sich extrem viel verändert.“ Und er weiß, dass das nur gut ist. Beim Einsatztraining etwa spielt Taktik heute eine sehr viel größere Rolle. Auch die Ausrüstung ist sehr viel besser geworden. Kräftige Schutzwesten, Helme, mehr Bewaffnung – früher unvorstellbar. Und die Psychologie, die nimmt eine ganz große Rolle ein. Wie entsteht Gewalt? Wie wird sie vermieden? Wie geht man damit um? Hieß es früher: „Stell dich nicht so an“, ist es heute Standard, über belastende Situationen zu sprechen. Nicht nur im Unterricht und nicht nur nach großen Einsätzen.
Begegnung mit einem Rocker
„Man hat sich dem Stand der Täter angepasst“, sagt Marcel Bernhart, der auch weiß, dass außerordentliche Ereignisse in die Ausbildung einfließen. Der Amoklauf von Erfurt zum Beispiel. Oder die Terroranschläge von Paris. Professionelle Situationsbeherrschung und Gefahrenreduzierung lautet die Devise. Wohlwissend, dass nicht jede Gefahr reduziert werden kann.
Als Sebastian Feuerstein noch in der Ausbildung war, hat er eine Frau vor ihrem Ehemann beschützen müssen. Der Mann hatte sie verprügelt und – bevor er das Haus verließ – angekündigt, sie umzubringen, wenn er zurückkomme. Der Mann war ein polizeibekannter Rocker. Ein paar Tage zuvor hatte er am Bahnhof sechs Polizisten in Schach gehalten.
Feuerstein und ein Kollege saßen also mit der verängstigten Frau zu Hause – als draußen die Motorengeräusche einer Harley näherkamen. Die Maschine des Mannes also, der seine Frau umbringen wollte, der Kampfsport betrieb und meistens bewaffnet war. „Da hab ich schon Schiss gehabt“, sagt Sebastian Feuerstein, dem damals nichts passiert ist. Der Rocker hatte sich widerstandslos festnehmen lassen.
Der Prügelknabe der Nation
Trotzdem: Er kann schon auch verstehen, warum seine Mutter wegen seiner Berufswahl zunächst entsetzt war. Polizist? Der Prügelknabe der Nation! Man muss nur die täglichen Polizeiberichte lesen: Angriffe da, Attacken dort. Polizisten werden bespuckt, beschimpft, beleidigt, verletzt oder auch getötet. Erst am Mittwoch hat wieder ein Angriff Aufsehen erregt: Im Kreis Lörrach hat ein mutmaßlicher Reichsbürger einen Polizisten angefahren. 38 960 Gewalttaten gegen Polizisten hat das Bundeskriminalamt im Jahr 2020 registriert. Betroffen waren 84 831 Beamte. Beides sind neue Höchstwerte, mal wieder.
Und trotzdem gibt es Menschen, die Polizist werden wollen? Marcel Bernhart von der Polizeischule sagt: „Gerade deshalb!“ Der Dozent hat im Unterricht mit seinen Schülern über die Tat von Kusel gesprochen. Keiner von ihnen hat gesagt: „Der Beruf ist doch nichts für mich.“ Im Gegenteil.
Marcel Bernhart hat seine Schüler gefragt, warum sie sich für diese Ausbildung entschieden haben. Weil sie etwas Sinnvolles tun wollen, sagten sie. Weil sie die verfassungsmäßige Ordnung auf der Straße schützen und verteidigen wollen. Weil sie der Gesellschaft dienen wollen.
Mächtige Mauer der Solidarität
Wer so denkt, ahnt man, lässt sich von den negativen Zahlen des Bundeskriminalamts und den Fällen dahinter nicht abschrecken. Der fühlt sich seinem Beruf, der dann wohl eine Berufung ist, erst recht verpflichtet.
So erklärt sich auch die mächtige Mauer der Solidarität, die auch nach Kusel hochgezogen wurde. „Ganz Deutschland trauert“, sagte Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. „Die Beamten riskieren für unseren Rechtsstaat tagtäglich ihr Leben“, mahnte Herbert Reul, Innenminister von Nordrhein-Westfalen. Und Thomas Strobl, Innenminister von Baden-Württemberg, erklärte: „Dieser Angriff ist ein Angriff auf uns alle.“
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Man kann es auch so sagen: So werden die, die das Gesetz schützen, beschützt. Von denen, in deren Auftrag sie unterwegs sind.
Das klingt jetzt alles ziemlich pathetisch. Als wären Polizisten nicht nur Freunde und Helfer, sondern nachgerade Helden. Als ob es nicht auch die Polizisten gäbe, die selbst negative Zahlen und Schlagzeilen produzieren.
Zwei Seiten einer Medaille
Weil es Beamte gab, die als Reichsbürger enttarnt wurden. Oder welche, die Querdenker-Demos organisierten. Es gibt Berichte von Polizisten, die Flüchtlinge diskriminierten. Oder nichts unternahmen, als Ausländer angegriffen wurden. Nicht zu vergessen, dass die Daten mit denen der NSU 2.0 seine rechtsradikalen Drohschreiben fütterte, aus Polizeicomputern stammten. Und die rechten Chatgruppen, die fast regelmäßig bei der Polizei entdeckt werden. Die, das noch, ohnehin immer wieder im Verdacht steht, auf dem rechten Auge blind zu sein.
Die Polizei, dein Held und Hetzer? Wie passt das zusammen? „Das sind zwei Seiten einer Medaille“, sagt Hermann Groß. Groß ist Politologe und Psychologe, er lehrt an der Polizeihochschule in Hessen und ist Vorsitzender des Arbeitskreises Empirische Polizeiforschung. Dort befasst er sich zum Beispiel mit Gewalt gegen und durch Polizeibeamte. Oder damit, wie die Polizei von außen und wie von innen gesehen wird. Groß kennt die Medaille also von beiden Seiten gut.
Er weiß, dass die Polizei viele anzieht, die eine konservativere oder autoritärere Grundhaltung haben als – zum Beispiel – Lehrer. Und dass allein aus der überzeugten Motivation für die Berufswahl ein starker Teamgeist entsteht, wenn nicht gar Korpsgeist. Und dass genau dort auch „die dunkle Seite der Macht“ lauert, wie es Groß formuliert. Die Verbundenheit einer Einheit, die Verschworenheit einer Clique – bestimmte Strukturen machen ein Fehlverhalten wahrscheinlicher, sagt der Wissenschaftler. Und seine Entdeckung oder Aufklärung schwieriger.
Bei der Auswahl wird genau hingeschaut
Erschreckend exemplarisch konnte man das an Horst Seehofer sehen. Als Innenminister hat der CSU-Politiker sich lange geweigert, untersuchen zu lassen, wie verbreitet Rassismus in der Polizei ist. Nicht nötig, meinte Seehofer. Racial Profiling sei verboten, also könnten Polizisten, die hehren Staatsdiener, gar nicht rassistisch sein.
Aber, und das sagt Hermann Groß auch: „Es tut sich was.“ Nicht nur, dass das Bundesinnenministerium inzwischen doch eine Studie zur Polizei in Auftrag gegeben hat. Auch viele Länder gucken genauer hin. Zudem, sagt Groß, werde versucht, extremistische Einstellungen schon bei der Bewerbung besser zu erkennen. Ein Fall wie jener vor zwei Jahren an der baden-württembergischen Polizeihochschule soll möglichst nicht mehr vorkommen. Dort hatten sich sieben angehende Polizeibeamte in einer App-Gruppe zusammengetan und nationalsozialistische, antisemitische und frauenfeindliche Inhalte ausgetauscht. Dem Ansehen der Polizei haben diese Schlagzeilen nicht sonderlich geschadet: In Umfragen, wem die Deutschen vertrauen, ist die Polizei weiterhin ganz oben mit dabei.
Der Einsatz von Sebastian Feuerstein endet an diesem Tag mit der Demo. Noch den Streifenwagen parken, umziehen, Waffe einschließen, Feierabend. Am nächsten Morgen um sechs geht es weiter. Anzeigen bearbeiten, Unterlagen an die Staatsanwaltschaft schicken, vielleicht eine Vorladung zustellen. Das wäre das Programm für den Tag. Wenn nichts passiert.