Unvergessliche Wahlen in der Region Kampf ums Rathaus
Überraschungen, Streit, Egotrips: Nicht nur in der Landeshauptstadt kann die Kür des Stadtoberhaupts spannend sein – das gibt es auch in der Region. Fünf unvergessliche Beispiele.
Überraschungen, Streit, Egotrips: Nicht nur in der Landeshauptstadt kann die Kür des Stadtoberhaupts spannend sein – das gibt es auch in der Region. Fünf unvergessliche Beispiele.
Stuttgart - Daniel Töpfer ging es einst wie Marian Schreier: Jung und wenig Berufserfahrung, aber Chef einer Stadtverwaltung werden wollen. Kann der das? Im Falle Töpfer (CDU) ist klar: Er hat es geschafft. Im Juli 2014 wurde der damals 25-Jährige, der bis dahin die Geschäftsstelle des Böblinger Gemeinderats geleitet hatte, Bürgermeister von Weissach.
Nun ist die rund 7700 Einwohner zählende Gemeinde im Kreis Böblingen nicht Stuttgart. Ordentlich zupacken musste Daniel Töpfer trotzdem – was allerdings nicht anders zu erwarten war. Weissach war aus den Schlagzeilen weit über Weissach hinaus bekannt. Fast immer ging es um Streit, mal im Gemeinderat, mal im Rathaus. Scheinbar permanent kündigten Mitarbeiter aus der Führungsebene, und die angeblich kritikunfähige Amtsinhaberin Ursula Kreutel stand im Dauerfeuer. Höhepunkt der Machtkämpfe war die Entlassung des Hauptamtsleiters, der sich daraufhin zurück ins Amt klagte. Das Geld, das in Weissach als Porsche-Standort reichlich floss, schaffte überdies Probleme.
Jahrelang wurden keine Jahresabschlüsse erstellt, Mitarbeiter bekamen ohne Belege diverse Zuschläge oder bedienten sich scheinbar nach Gutdünken aus der Gemeindekasse, die kommunale Baugesellschaft schaffte dubios und die Wasserversorgung höchst defizitär. All dies kam heraus, nachdem Töpfer die Wahl gewonnen hatte. Im ersten Wahlgang verfehlte er mit 49,8 Prozent die absolute Mehrheit knapp, im zweiten zog er mit fast 59 Prozent an Ursula Kreutel vorbei – die die Gemeinde bis heute beschäftigt: Weissach fordert mehr als 220 000 Euro ein, die durch die Aufarbeitung der Verfehlungen entstanden sind.
Die Tatsache, dass Gerhard Häuser schon vier Mal zum Bürgermeister von Schwaikheim gewählt worden ist, lässt nicht darauf schließen, dass er es in der Gemeinde im Rems-Murr-Kreis gemütlich angetroffen hat. Im Gegenteil: Nur seine erste Wahl anno 1994 war frei von Querelen. Seither gab es permanenten Gegenwind – vor allem aus dem Gemeinderat. Um eine zweite Amtszeit Häusers zu vermeiden, suchten SPD, FDP/FW und Grüne 2001 sogar per Annonce im „Staatsanzeiger“ einen Gegenkandidaten. Gewünscht wurde ein Kandidat mit „Sozial- und Fachkompetenz, Initiativkraft und offenem, zupackendem Wesen“. Tatsächlich fand sich ein Bewerber, reüssiert hat Achim Augustin aus Nürnberg allerdings nicht.
Eine weitere Amtszeit später, 2010, fand sich dann ohne Anzeige ein ernsthafter Herausforderer: Der Schwaikheimer Klaus Fanz holte mehr als 40 Prozent – Sieger wurde trotzdem Häuser. Und als der damals 53-Jährige 2017 erklärte, noch einmal acht Jahre Bürgermeister bleiben zu wollen, verweigerte ihm das Gros des Gemeinderats den klassischen Platzhirschvermerk, die Ausschreibung erschien ohne den Zusatz „Der Amtsinhaber tritt wieder an“. Die Wähler ließen sich nicht irritieren und wählten den parteilosen Häuser erneut, wenngleich mehr als 30 Prozent für den grünen Stadtrat Edgar Schwarz stimmten.
Kalt ließen Häuser all die Querelen nicht. Im jüngsten Wahlkampf beklagte er das „Dauerfeuer“ und verwahrte sich dagegen, als „Vollpfosten des Rems-Murr-Kreises dargestellt zu werden“.
Als Otmar Heirich im Oktober 2011 zum zweiten Mal zum Oberbürgermeister von Nürtingen gewählt werden wollte, hatte er fünf Konkurrenten. Wirklich gefährlich wurde ihm keiner davon. Dass Heirich dennoch um seine Wiederwahl bangen musste, lag an jemandem, der offiziell gar nicht zur Wahl stand: Claudia Grau.
Ein Nürtinger Programmierer hatte die Erste Bürgermeisterin der Stadt im Kreis Esslingen zur Kandidatin der Herzen auserkoren und via Internet Stimmung für sie gemacht. Im ersten Wahlgang schrieben 709 der Wahlberechtigten Claudia Graus Namen auf den Stimmzettel, was 5,8 Prozent entsprach. Grau hatte erst wenige Monate zuvor ihre Stelle in der Nürtinger Stadtverwaltung angetreten – und sich einen exzellenten Ruf erarbeitet. Sie galt als kompetent, empathisch, bürgernah – und damit quasi als das Gegenteil von Otmar Heirich. Er hatte sich zuletzt so unbeliebt gemacht, dass mit Ausnahme seiner SPD alle Ratsfraktionen verzweifelt einen namhaften Herausforderer suchten. Mit mäßigem Erfolg, wie sich zeigte.
Doch immerhin ein zweiter Wahlgang wurde nötig, vor dem sich die Internetinitiative noch mal mächtig ins Zeug legte und sogar Flyer verteilte. Tatsächlich stimmten beim zweiten Mal knapp 4000 Nürtinger für Claudia Grau, das entsprach 32 Prozent und katapultierte die Kandidatin, die keine war, auf Platz zwei. Erstplatzierter wurde Otmar Heirich. Beide waren ob der Ereignisse überrascht, und beide versicherten, trotzdem gut miteinander arbeiten zu wollen. Dennoch war ihr Verhältnis zeitweise angespannt.
Für eine dritte Amtszeit trat Heirich nicht mehr an. Grau ist im Januar 2018 mit 53 Jahren an Krebs gestorben.
Bietigheim-Bissingen galt lange als heimliche Hauptstadt des Kreises Ludwigsburg und war ganz offiziell eine Musterstadt: herausgeputzt, prosperierend, in jeder Hinsicht attraktiv. Zu verdanken hatte die Stadt diesen Status Manfred List, der sie fast vier Jahrzehnte lang regierte. Bei seinem Abgang jedoch hat der CDU-OB legendär gepatzt – und dabei aus seinem schwarzen Rathaus ein rotes gemacht.
Wäre es nach Manfred List gegangen, der 2004 altershalber nicht mehr zur Wahl stand, wäre seine Nachfolge eine Art Formsache gewesen: Wilfried Dölker, Bürgermeister von Holzgerlingen und Fraktionschef der Freien Wähler im Böblinger Kreistag, hätte der neue OB werden sollen. Doch ganz so problemlos lief die Kandidatenkür im bürgerlichen Lager dann nicht. Ein paar Unionsmitglieder bestanden darauf, den damaligen Ludwigsburger Vize-Landrat Christoph Schnaudigel als Kandidaten zu wählen, der immerhin auch CDU-Mitglied war.
Nachdem List in einem internen Papier Argumente gegen Schnaudigel aufgelistet hatte, wurde der Streit innerhalb der CDU öffentlich und eskalierte – und Wilfried Dölker wurde zur tragischen Figur. Der bis dahin angesehene Bürgermeister war fortan hauptsächlich damit beschäftigt, zu versichern, dass er kein OB von Lists Gnaden sein würde. Es half nicht viel. Im ersten Wahlgang landete Dölker zwar auf Platz zwei, im zweiten aber trat er nicht mehr an. Er wollte „Schaden von sich und der der Stadt abwenden“.
Letztlich hatten die Bürger die Wahl zwischen Christoph Schnaudigel und dem in der Region bis dato unbekannten Jürgen Kessing. Kessing, Mitglied der SPD, gewann.
Für Auswärtige mag das Ergebnis der Wahl, die am 8. Dezember des vergangenen Jahres in Drackenstein stattfand, von vornherein klar gewesen sein: Roland Lang würde sie gewinnen und damit der neue Bürgermeister der kleinen Gemeinde im Kreis Göppingen werden. Wer sonst? Lang war schließlich der einzige Bewerber.
Für Roland Lang hingegen war das nicht so klar. Tatsächlich war er nach der Wahl sichtlich erleichtert und bekannte: „Die Hoffnung hatte ich schon, dass ich es schaffe, aber ich konnte überhaupt nicht einschätzen, wie es läuft.“ Und außerdem war ja zuvor schon einiges überraschend gelaufen. In erster Linie seine Kandidatur. Der parteilose Lang hatte nicht vor, Bürgermeister in der kleinsten Gemeinde der Region zu werden. Dass der Posten, der wegen der „Größe“ des Orts lediglich mit einer Aufwandsentschädigung vergütet wird, nicht allzu attraktiv ist, daran hatte sein Vorgänger keinen Zweifel gelassen. Viel Ärger, wenig Brot – so lässt sich das Klagen zusammenfassen. Als sich aber gar kein Bewerber fand, fasste sich Lang als Kommandant der Ortsfeuerwehr ein Herz. Nicht, dass nachher „irgendein Dubbel“ Chef wird.
Doch dann tauchte aus dem Nichts noch ein Bewerber auf. Weil die Frist schon rum war, kam sein Name nicht mehr auf den Wahlzettel. Hätten ihn aber genügend Bürger auf den Zettel geschrieben, hätte er eine Chance gehabt. Es kam anders: 118 der 359 Wahlberechtigten wählten Lang, der auf Anhieb 59,6 Prozent der abgegebenen Stimmen erhielt. Hätte er die absolute Mehrheit nicht erreicht, wäre ein zweiter Wahlgang nötig geworden – und die Spannung noch größer.