Unverpackt-Laden in Ludwigsburg Der unverbesserliche Weltverbesserer
Hergen Blase hat getan, wovon viele träumen: Einen sicheren Job aufgegeben, um sein eigenes Ding zu machen. Sein Unverpackt-Laden in Ludwigsburg kommt super an – eigentlich.
Hergen Blase hat getan, wovon viele träumen: Einen sicheren Job aufgegeben, um sein eigenes Ding zu machen. Sein Unverpackt-Laden in Ludwigsburg kommt super an – eigentlich.
Das Zitat, das an der Tafel hinter der Kasse steht, verrät viel über Hergen Blase. „Wenn du denkst, wir könnten diese Welt nicht verändern, bedeutet das nur, dass du nicht einer derjenigen bist, die es tun werden“, ist dort weiß auf schwarz zu lesen. Dieser Satz passt deshalb so gut zu Hergen Blase, weil er die Welt wenigstens ein bisschen verändern möchte. Vor gut zweieinhalb Jahren hat er in der Ludwigsburger Lindenstraße deshalb seinen Unverpacktladen Ohne PlaPla eröffnet. Zumindest der Ludwigsburger Teil der Welt soll weniger Plastik verbrauchen und Lebensmittel verschwenden.
Doch wie es mit solchen Sprüchen ist: Sie klingen gut in guten Zeiten. Aber bei Hergen Blase sind die Zeiten gerade nicht so gut. Darum mal die Frage: Wer verändert hier wen?
Hergen Blase hat gemacht, wovon viele träumen: Einen sicheren Job aufgegeben, um sein eigenes Ding zu machen. Der sichere Job in seinem Fall war Leiter der Abteilung Nachhaltigkeit bei Kaufland. Hergen Blase, der Wirtschaftsgeograf, hat bei wichtigen Lieferanten sichergestellt, dass sie faire Löhne bezahlen und keine Kinder arbeiten lassen. Die Klimabilanz für das Unternehmen erstellt. Projekte ausgewählt, die man guten Gewissens sponsern kann. Und vieles mehr, was mit einer besseren Welt zu tun hat. „Das war sehr sinnvoll und hat Spaß gemacht“, sagt Hergen Blase, der 18 ein Team von Mitarbeitern hatte.
Über das, was dann genau passiert ist, verliert der 53-Jährige nicht viele Worte. Aber wenn zwei davon „massive Umstrukturierungen“ sind, dann kann man sich genug denken. Dass die Freude im Job nachließ, die Zufriedenheit sank und die Sehnsucht nach etwas Neuem größer wurde. 2017 schließlich, nach 18 Jahren, verlässt Hergen Blase das Kaufland – um seinen eigenen Kaufladen zu machen.
Hergen Blase könnte sagen: „Wenn man so viel weiß wie ich, dann ist das alles gar kein Problem.“ Oder: „Bei diesem ganzen Umwelthype, ist dieses Geschäft ein Selbstläufer.“ Doch Sätze aus seinem Mund klingen eher so: „Es gehört schon Mut dazu.“ Oder: „Ich mache den Laden nicht, weil es trendy ist, sondern weil etwas getan werden muss.“ Außerdem wären die Aufschneidersätze ja auch nicht wahr.
Es dauerte ein paar Monate mit gefühlstechnischen Aufs und Abs und vielen Einheiten Bogenschießen, bis Hergen Blase wusste, was er machen würde. Und als er im Februar 2019 das Ohne PlaPla eröffnete, lief es tatsächlich erst mal „bombastisch“. Die Leute strömten in Scharen, um Pasta in Gläser, Öl in Flaschen und Kürbiskerne in Stoffbeutel abzufüllen. Bald schon eröffnete der Jungunternehmer einen zweiten Laden. Eine plastikfreie Drogerie in Stuttgart-Mitte. Aber es ging eben nicht so bombastisch weiter. „Es ist ein Kampf“, sagt Hergen Blase.
Der Kampf, man ahnt es, beginnt mit Corona. Die Leute wollen jetzt nicht mehr durch kleine Läden bummeln und achtsam unverpackte Lebensmittel auswählen. Außerdem sind viel weniger Leute, speziell Studenten, in der Stadt. Und dann gibt es einen zweiten Lockdown, der sich sehr lange zieht. Es gibt Phasen, da laufen die Geschäfte wieder gut, dann aber auch wieder weniger gut. Und wenn Corona zeitweise seinen Schrecken verliert, machen Krieg und hohe Preise Angst. Die Konstanz fehlt, die Leute haben ihren Rhythmus verloren, analysiert Hergen Blase, dessen Drogerieladen in Stuttgart nie so richtig in die Gänge kommt. Jeden Monat muss er draufzahlen. „Es war knapp und hat auch Ludwigsburg gefährdet“, sagt Hergen Blase, der schließlich die „Notbremse“ zog. Ende August hat er den Laden in Stuttgart geschlossen.
Hergen Blase ist nicht der einzige Unverpackt-Unternehmer, der zu kämpfen hat. Die ganze Branche ist in Turbulenzen. Bei Tante M. in Stuttgart-Sillenbuch sind die Umsätze so stark eingebrochen, dass die Inhaberin inzwischen zur Einzelkämpferin geworden ist. Selbst Schüttgut, der Unverpackt-Pionier im Stuttgarter Westen, wusste sich nicht anders zu helfen, als das Personal zu reduzieren. Und das Unternehmen Fridi, das Läden in Tübingen und Reutlingen betreibt, fleht Besucher seiner Homepage nachgerade an, Kunden im Laden zu werden. Sonst „geht Fridi bald die Luft aus“.
Hergen Blase sagt: „Es ist schizophren: Immer mehr Menschen wissen, dass man anders handeln muss – aber dieses Handeln ist nicht dauerhaft da.“
Der Mann, der antrat, die Welt zu verändern, kann sich in Rage reden über ein Wirtschaftssystem, das ökologische und soziale Produktionskosten nicht berücksichtigt. Und darüber echauffieren, dass alle ein möglichst komfortables Leben führen möchten, aber zu wenige die Folgen dieses Komforts bedenken. Und sich ärgern, dass mit Billigpreisen das Bewusstsein für den Wert der Dinge verloren geht. Hergen Blase könnte deshalb sagen: „Es ist sinnlos, gegen dieses uralte System anzukämpfen.“ Doch der Mann, der auch Vater von drei Kindern ist, sagt stattdessen: „Ich lasse mir meinen Grundoptimismus nicht nehmen.“
Der Mitarbeiter, der zuletzt in Stuttgart im Einsatz war, ist es nun in Ludwigsburg. Mit fünf Angestellten will Hergen Blase das Unverpackt-Konzept nachhaltig ausbauen. Unternehmen mit Obst, Getränken, Nüssen und anderen Snacks versorgen – Ohne PlaPla bringt’s. Linsen, Spätzle, Wein zum Jubiläum oder feine Seifen aus Bio-Leinöl, vegane Rasierpinsel oder fair produziertes Shampoo für die geschätzten Kollegen – kein Problem mit den Geschenkkörben von Ohne PlaPla. Ökologisch korrekte Putzmittel für Bad und WC – Ohne PlaPla berät (und liefert) gern. „Das ist schon die Zukunft“, sagt Blase. Er sitzt an einem Tisch in seinem Laden und zählt Unternehmen auf, die seine Dienste bereits in Anspruch nehmen. Es sind einige namhafte dabei. Und, auch das sagt er: „Man muss seinen Teil dazu beitragen.“
Ach ja: Die Frage, wer hier wen verändert? Wegen des Spruchs an der Tafel hinter der Kasse, vom Verändern der Welt und den eigenen Möglichkeiten. Die Antwort dürfte klar sein, oder?