Unverständnis über die Briten Industrie bereitet sich auf Brexit-Chaos vor

Die Unsicherheit wegen des Brexits hat bereits handfeste Folgen für deutsche Unternehmen: So sind die Autoexporte nach Großbritannien gesunken. Foto: dpa-Zentralbild
Die Unsicherheit wegen des Brexits hat bereits handfeste Folgen für deutsche Unternehmen: So sind die Autoexporte nach Großbritannien gesunken. Foto: dpa-Zentralbild

Vor der nächsten Brexit-Verhandlungsrunde am nächsten Montag zeigt sich der Industrieverband BDI verärgert. Die Industrie verliert allmählich die Geduld. Unternehmen mit Standbein in Großbritannien spüren bereits negative Folgen.

Berliner Büro: Roland Pichler (rop)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Berlin - Die deutsche Industrie stellt sich wegen der ergebnislosen Verhandlungen auf einen chaotischen Brexit ein. „Die kaufmännische Klugheit gebietet es, dass sich die Unternehmen auf den ungeordneten Brexit als ein Extremszenario vorbereiten“, sagte Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbandes BDI. Vor allem deutsche Unternehmen mit einem Standbein in Großbritannien und Nordirland müssten Vorsorge für ein hartes Ausscheiden der Briten aus der EU treffen. „Alles andere wäre naiv“, sagte Lang.

Die deutschen Unternehmen verlieren allmählich die Geduld. Bislang gibt es in den Gesprächen keine Fortschritte. Vor der kommenden Verhandlungsrunde, die am nächsten Montag beginnt, sind die Erwartungen niedrig. Nach Einschätzung des BDI hofften zwar viele Unternehmen, dass Großbritannien noch zur ­Vernunft kommt und ernsthafte Verhandlungsangebote macht, einige Betriebe seien aber bereits mit Vorberei­tungen auf den Ernstfall beschäftigt. Nach Einschätzung des BDI werden Investitionen in Großbritannien zurückgefahren.

Autoindustrie spürt Verunsicherung

Die Folgen der Unsicherheit spürt auch die Automobilindustrie. Nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie (VDA) sind die Exporte deutscher Hersteller nach Großbritannien im Jahresverlauf um 5,6 Prozent zurückgegangen. Auch der britische Herstellerverband meldet wegen der Unsicherheit über die Brexit-Folgen eine sinkende Automobilnachfrage. Großbritannien ist für die deutschen Automobilhersteller wertmäßig nach den USA der zweitwichtigste Exportmarkt: Die Ausfuhren ins Vereinigte Königreich betrugen im vergangenen Jahr 28,5 Milliarden Euro.

Doch nicht nur die Automobilnachfrage kommt unter Druck. Auch die geschäftlichen Rahmenbedingungen verschlechtern sich. Deutsche Unternehmen im Vereinigten Königreich kämpfen mit Abwanderung von Fachkräften. Einzelne Unternehmen mit Niederlassungen in Großbritannien spürten, so heißt es, dass sich Beschäftigte aus anderen EU-Ländern um die Versetzung nach Kontinentaleuropa bemühten. „Diese Fachkräfte sind auf dem britischen Markt nicht so leicht zu finden“, sagte Lang. Der BDI befürchtet, dass die Freizügigkeit von Arbeitskräften auf Messers Schneide steht. Wenn es künftig nicht mehr möglich sein werde, einen Ingenieur zur Reparatur von Spezialmaschinen kurzfristig nach Großbritannien zu entsenden, stelle dies ein handfestes Problem dar. Der BDI befürchtet, dass nach dem EU-Ausstieg Visa beantragt werden müssen. Es fehle der britischen Regierung an einem Konzept. In der ersten Verhandlungsphase seien nach Einschätzung des BDI in den Kernthemen keine Fortschritte auszumachen. Offen sei, wie die finanziellen Verpflichtungen Großbritanniens geregelt würden. Unklar sei auch, welche Rechte EU-Bürger in Großbritannien erhalten und wie die künftige EU-Außengrenze auf der irischen Insel gesichert wird. Die Vorschläge Großbritanniens zur Zollabwicklung seien nicht praktikabel.

BDI vermisst Ausstiegskonzept der Briten

Der BDI warnt London vor einem ungeordneten Ausscheiden aus der EU, weil dies unabsehbare Folgen für die Handelsbeziehungen mit sich bringe. „Schwierig könnte die Lage für Unternehmen werden, die von Großbritannien aus den Weltmarkt beliefern. Denn es ist unklar, welche Handelsabkommen künftig noch gelten“, sagte Lang. Er dämpfte die Erwartung der Briten, es könnten in kurzer Zeit neue Freihandelsabkommen geschlossen werden. Ein umfassendes Handels- und Investitionsabkommen werde unmöglich zum Ende der zweijährigen Ausstiegsfrist am 30. März 2019 verhandelt und ratifiziert sein. Dieser Prozess nehme viel mehr Zeit in Anspruch. Der BDI verwies auf die Schweiz, die mit der EU ein Handels- und Wirtschaftsabkommen vereinbarte. Zehn Jahre seien vergangen, bis alle rechtlichen Fragen geklärt waren. Die deutsche Industrie hat zwar großes Interesse an Handelsbeziehungen mit den Briten, doch die Verbände halten es für falsch, mit weitreichenden Angeboten an London Anreize für andere EU-Staaten zu schaffen, dem Beispiel zu folgen.

Der VDA-Präsident Matthias Wissmann sagte: „Das Vereinigte Königreich ist ein wichtiger Markt für uns, aber der Zusammenhalt der EU-27 und der damit verbundene Binnenmarkt ist für unsere Industrie bedeutender.“ Das beurteilt der BDI-Hauptgeschäftsführer Lang genauso. „Für die deutsche Industrie ist klar, dass der Zusammenhalt der EU-27 Priorität hat.“ Beweis dafür seien die Warenströme: Fast 60 Prozent der deutschen Exporte gehen in die EU. Davon entfallen nur knapp acht Prozent auf Großbritannien.

Unsere Empfehlung für Sie