Unwetter Bei Starkregen läuft der Kessel voll

Von Wolfgang Schulz-Braunschmidt 

Einer Sintflut wie in Braunsbach hätte auch die Landeshauptstadt nicht widerstanden. Bei einer solchen Naturkatastrophe könnte die Innenstadt überschwemmt werden. Gefährdet sind auch Geländemulden in höher liegenden Stadtbezirken.

Nach einem heftigen Gewitter glich das Freibad in Vaihingen im Sommer 2013 einer Seenlandschaft. Foto: 7aktuell.de/Eyb
Nach einem heftigen Gewitter glich das Freibad in Vaihingen im Sommer 2013 einer Seenlandschaft. Foto: 7aktuell.de/Eyb

Stuttgart - Der Stuttgarter Meteorologe Uwe Schickedanz hat schon viele Wetterunbilden erlebt. Die heftigen Gewitter und Starkregen in diesem Sommer in Süddeutschland waren aber auch für ihn eine bis jetzt „ungewöhnlich rasche Folge von extremen Unwettern“. Für den 53 Jahre alten Fachmann haben die Bürger in der Landeshauptstadt in den vergangenen Wochen Glück gehabt. „Die rund 100 Liter Wasser je Quadratmeter, die in Braunsbach innerhalb weniger Stunden heruntergerauscht sind, hätte auch Stuttgart nicht verkraftet. Solche Sintfluten würden auch in der Innenstadt zahlreiche Geschäfte, Keller, Tunnel und Tiefgaragen überfluten.“

Der Wetterexperte sieht beim Vergleich der topografischen Verhältnisse deutliche Parallelen zwischen dem 900-Einwohner-Dorf im Hohenlohischen und der Großstadt am Nesenbach. Beide Orte seien von steilen Hängen umgeben. Sintflutartige Wassermassen stürzten deshalb innerhalb von Minuten – etwa in der Schwälblesklinge unterhalb von Sonnenberg – zu Tal. Rinnsale verwandelten sich rasch in reißende Ströme und rissen Schlamm, Steine und Bäume mit. „Gefühlt“ haben die Wetterextreme für den Meteorologen in den vergangenen Jahren zugenommen. Schickedanz rechnet damit, dass in Zukunft im Sommer viel feuchtwarme Luft von Frankreich durch die burgundische Pforte in den Südwesten fließt. „Da warme Luft viel Regen speichern kann, steigt auch in Stuttgart das Starkregen-Risiko an.“

Kanalnetz kann Fluten nicht fassen

Das Zusammenspiel von extremen Wetterlagen und örtlicher Topografie sei für die Landeshauptstadt besonders gefährlich. „Der Stadtkessel wirkt wie ein Trichter, in den alles hineinströmt und in Richtung Neckar fließt.“ Hinzu komme noch, dass im Stadtkern alle Grundstücke und Straßen stark versiegelt seien. Auch das Kanalnetz mit zahlreichen Rückhalte- und Überlaufbecken könne die bei einem Starkregen anfallenden Fluten nicht mehr aufnehmen. „Solche Naturgewalten sind nicht ohne Schäden beherrschbar.“

„Unser 1700 Kilometer langes Kanalnetz kann einen Starkregen nicht aufnehmen“, betont auch Wolfgang Schanz, der Leiter des Tiefbauamtes, dem der städtische Eigenbetrieb Städtentwässerung (SES) angegliedert ist. „Gigantische Wassermassen mehr als 60 Litern, die innerhalb weniger Stunden auf jedem Quadratmeter niedergingen, seien nicht mehr gefahrlos abzuleiten. „Nach Braunsbach müssen wir in neuen Szenarien denken und die Stadt wassertechnisch ertüchtigen“, so Schanz. Denn in Zukunft würden starke Gewitter immer öfter große Regenmengen punktartig abladen. Deshalb benötige die Stadt mehr Rückhalteräume. Dafür kämen auch Grünanlagen und Sportplätze in Frage.

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