Wenn der Himmel seine Schleusen öffnet, rechnen viele Menschen an Rems und Murr inzwischen mit dem Schlimmsten: Erneut hat Starkregen am Mittwoch und Donnerstag im Kreisgebiet etliche Überschwemmungen ausgelöst, einige Haushalte etwa in Schorndorf hatten bereits zum zweiten Mal binnen weniger Wochen das Wasser im Keller stehen. „Die Leute bekommen Panik, wenn sich der Himmel verdunkelt“, sagt der Schorndorfer Feuerwehrkommandant Patrick Bellon. Der hatte am Mittwoch bis Mitternacht versucht, seinen eigenen Keller in den Griff zu bekommen, bevor er am Donnerstag ab acht Uhr mit seinen Kameraden schon wieder die Einsätze im Stadtgebiet abarbeitete.
Schorndorf kam deutlich glimpflicher davon als in der Nacht zum 3. Juni, der Regen hatte weitaus geringere Ausmaße als das erste Ereignis. Nichtsdestotrotz gab es laut Rathaussprecher Dominique Wehrle erneut Schäden. Und anders als Anfang Juni war auch der südliche Teil der Daimlerstadt betroffen. In der Kernstadt etwa trat der Eichenbach zeitweise über die Ufer. Die Flut schädigte neben Privathäusern auch einige städtische Gebäude, wie die Sporthallen am Burg-Gymnasium und der Grauhalde in der Kernstadt oder die Schillerschule und deren Turnhalle in Haubersbronn,.
Bauarbeiter in Schorndorf wurden vom Sturzregen überrascht
Vom Sturzregen überrascht wurden auch vier Arbeiter in einem Rohbau in der Vorstadtstraße. Weil sie wegen des Regens nicht betonieren konnten, wollten sie im Haus weiterarbeiten und mussten feststellen, dass das Wasser durch ein 15 Zentimeter dickes Abflussrohr in den Keller schießt. „Der Druck war so groß, dass wir selbst zu zweit die Kunststoffkappe nicht wieder draufdrücken konnten“, schildert ein Arbeiter die missliche Lage.
In weniger als einer Viertelstunde sei der 80 Quadratmeter große Keller kniehoch unter Wasser gestanden. „Nach zwei Stunden kam die Feuerwehr und hat den Keller zweieinhalb Stunden lang abgepumpt.“ Danach schafften die Handwerker zwei Vakuumsauger heran, um über die Nacht die restlichen Zentimeter vollends wegzusaugen. „Nun warten wir aufs Okay der Versicherung, dann können wir die Trockenbauwände wieder rauszureißen“, erklärt der Kapo. Immerhin habe er noch Glück gehabt, dass es klares und kein Schmutzwasser war. Und: „Zwei Zentimeter höher und auch die Heizungsanlage wäre kaputt.“ Beim Hochwasser vor drei Wochen habe der Deckel auf dem Abwasserrohr dem Druck noch standgehalten.
Der Urbacher Bauhof gab gut 3500 Sandsäcke aus
In Urbacher Bauhof haben Helfer am Mittwoch gut 3500 Sandsäcke ausgegeben. Angesichts eines Platzregens hatte Feuerwehrkommandant Michael Hurlebaus gegen 15 Uhr Vollalarm ausgelöst. „Der Urbach war zwar randvoll, ist aber nicht über die Ufer getreten. Das Problem war das Oberflächenwasser, das nach dem Starkregen über die Wiesen kam. „Zehn Keller seien vollgelaufen, berichtet Michael Hurlebaus: „Die Leute schieben alle Panik.“ Angesichts der Ereignisse ist das kein Wunder. Manch einer hatte nach dem Hochwasser vom 3. Juni wieder Strom im Keller und den Besuch des Gutachters hinter sich – und nun erneut Wasser. „Es ist wichtig, dass die Leute auch selbst Vorkehrungen treffen“, appelliert Hurlebaus angesichts des sich häufenden Starkregens.
Im Bereich der Kleingartenanlage war die Straße gen Schorndorf zeitweise komplett überflutet, auch Züge konnten nicht fahren. Ab etwa 21 Uhr war dies wieder möglich, allerdings kam es weiter zu Verspätungen, einzelne Züge fielen auch komplett aus. Weil Oberflächenwasser in die Becken drang, musste das Urbacher Freibad geschlossen werden. Insgesamt sei man aber dieses Mal mit einem blauen Auge davongekommen, sagt Achim Grockenberger von der Gemeindeverwaltung. Er hofft, dass die 14. Urbacher Schnitzfetzede am Wochenende wie geplant über die Bühne gehen kann.
Schlammbraunes Wasser fließt über die Liegewiese des Urbacher Bades
Vor dem Urbacher Freibad wurde am Donnerstag geputzt und aufgeräumt, und auch innen hat das Team alle Hände voll zu tun, um die Folgen des Starkregens vom Mittwoch zu beseitigen. „Schauen Sie, so hat sich das Wasser seinen Weg gesucht“, sagt Betriebsleiter Stefan Trojanus. Auf einem Video ist zu sehen, wie schlammbraunes Wasser in rasendem Tempo über die Liegewiese Richtung Kinderbecken schießt. Schon zu Monatsbeginn war das Freibad wegen des Hochwassers zehn Tage geschlossen. „Das war der Super-GAU, auch hier in Urbach“, sagt Trojanus über den vom nahen Bachlauf ins Bad geschwemmten Schlamm.
Zehn Tage musste das Freibad Urbach nach dem großen Unwetter schließen
In Backnang hatte Oberbürgermeister Maximilian Friedrich den Teilort Schöntal mit Sandsäcken vor dem zu einem rauschenden Fluss gewordenen Krähenbach sichern lassen, in Leutenbach machte der Buchenbach die angrenzenden Wiesen zu einer Seenlandschaft. Wie vor drei Wochen drohte das Wasser auch auf die B 14 zu laufen. Noch weitaus schlimmer sind die Folgen des Hochwassers ein paar Kilometer weiter. Bei Kirchberg an der Murr hat ein Hangrutsch die Gleise der S-Bahn verschüttet. Auf einer Strecke von knapp 30 Metern in Richtung Burgstall liegt tonnenweise Geröll auf dem Schienenstrang, teilweise sind Gleise unterspült. An einen regulären Nahverkehr ist nicht zu denken, der S-Bahn-Betrieb dürfte über Wochen und Monate eingestellt sein.
„Zu viel Oberflächenwasser ist in zu kurzer Zeit aus Affalterbach und Erdmannhausen den Hang heruntergeschossen. Die Böden waren voll und nass und konnten nichts mehr aufnehmen“, erklärt der Kirchberger Bürgermeister Frank Hornek. Durch den Ort wälzten sich trotz des Regenrückhaltebeckens im Neubaugebiet Rappenberg und privaten Zisternen braune Fluten. Anwohner des Mühlwingert, deren Garagen und Keller mit Wasser vollgelaufen waren, konfrontierten den Schultes mit dem Vorwurf, wegen der Flächenversiegelung durch das Neubaugebiet habe es sie schwerer getroffen als früher. Doch der Rathauschef widersprach: „Hätten wir dort oben noch Äcker, würde das Wasser noch mehr den Berg herunterschießen.“