Unwetter im Südwesten Weltuntergangsstimmung beim Southside-Festival

So könnte der Weltuntergang aussehen: Dunkle Wolken über dem Southside-Festival. Foto: Getty Images Europe 7 Bilder
So könnte der Weltuntergang aussehen: Dunkle Wolken über dem Southside-Festival. Foto: Getty Images Europe

Das Southside-Festival hat ein trauriges Ende genommen. Unsere Redakteurinnen Hanna Spanhel und Melanie Maier waren mitten im Geschehen und berichten über das etwas andere Festival.

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Neuhausen ob Eck - Gerade eben hatte der britische Singer-Songwriter Tom Odell zwischen zwei Liedern noch beteuert, dass Europa für ihn Heimat sei, dass die Briten wieder zurückkommen würden, in die EU. Die Menschen vor der Bühne beim Southside-Festival in Neuhausen ob Eck feierten ihn dafür, die Stimmung war gut. Dann fielen die ersten Regentropfen, der Himmel zog zu, nachdem die ersten Bands das dreitägige Open-Air-Festival am Freitagnachmittag noch bei Sonnenschein begonnen hatten. Vor den großen Bühnen zogen sich die Leute Regencapes über, tanzten zu Flogging Molly einfach weiter. Ein paar machten sich auf in Richtung der Zeltplätze, immer mehr suchten Schutz, irgendwann um kurz nach acht dann die Durchsage an den Bühnen und die Nachricht über das Internet: Bitte verlasst das Festivalgelände in Richtung der Autos, ein Unwetter naht. Das Programm werde vorübergehend unterbrochen, auf noch ungewisse Zeit.

Die meisten Festivalbesucher gingen erst einmal zu ihren Zelten und warteten ab. Eigentlich war da nur ein heftiger Donnerschlag, danach zwanzig Minuten Regenschauer. Irgendwann, um kurz vor neun, ließ der Regen wieder nach, der Himmel klarte auf, in den Zelten und unter den Pavillons wurde die Stimmung wieder besser - man machte einfach weiter, mit Biertrinken, mit Grillen, hoffte darauf, nach einer kurzen Regenpause zurück zu den Bands zu können.

Panikmache nach Rock am Ring?

Doch es kam anders. Ordnungskräfte liefen über die Zeltplätze und forderten die Leute auf, in die Autos zu gehen. Es herrschte Verwirrung, nach weiteren Regenschauern sah es nicht aus. Die meisten machten sich trotzdem auf, packten das Nötigste zusammen, zogen in Richtung der Parkplätze. Von mehr Unwetter noch immer kein Anzeichen, über das Festivalradio wurde durchgesagt: Man werde das Programm auf jeden Fall wieder aufnehmen, man wisse nur noch nicht, wann. Verwirrung machte sich breit, ein bisschen Unmut. Vielleicht sei das Ganze Panikmache der Veranstalter, wegen der Erfahrungen bei Rock am Ring?

Man wartete ab, in den Autos wurde die Musik aufgedreht, die Menschen standen auf dem Parkplatz herum, tranken weiter Bier. Man amüsierte sich mit Hupkonzerten. Nicht immer kamen Leute von den Zeltplätzen, knapp 60 000 Festivalbesucher strömten vom Gelände, unterdessen wurden etwa 3000 davon, die ohne Auto unterwegs waren, mit 30 bereitgestellten Bussen in Notunterkünfte im Raum Tuttlingen gebracht. An den Ausgängen Gedränge, ein paar Besucher versuchten, zurück aufs Campinggelände zu kommen, um die Toiletten zu benutzen, und gerieten in Streit mit den Ordnungskräften. Die wiesen ab, diskutierten, wurden lauter – die Stimmung war jetzt angespannt, das wurde hier deutlich. Was wohl auch daran lag, dass niemand so richtig wusste, wie es weitergehen sollte.

„Hurra, die Welt geht unter“

Plötzlich wurde der Himmel rabenschwarz. Also doch – das nahende Unwetter. Ab kurz nach 22 Uhr begann es wieder heftig zu regnen, wurde schlimmer, zu einem richtigen Starkregen. Ein Blitz jagte den nächsten, irgendwann kam Hagel dazu, der auf die Autos einprasselte, mehr Regen und Windstärken von etwa 100 Kilometer pro Stunde. Das Festivalradio fiel aus, in den Autos saßen die Menschen und warteten ab, stundenlang. Bis um drei Uhr nachts gab es immer wieder Gewitter, Blitze, die teils nahe der Parkplätze einzuschlagen schienen. Irgendwann hörte es auf zu regnen, lange nach Mitternacht, ein paar Besucher fuhren weg, andere wagten sich zurück aufs Campinggelände, durch den Matsch und die Pfützen. Um sich ein Bild zu machen von der Verwüstung, die das Gewitter hinterlassen hatte.

Mindestens zwei Drittel der Zelte und Pavillons waren zerstört, ein paar Grills standen trostlos zwischen den übrig gebliebenen Zelten, ein paar verlassene Campingtische, umgekippte Stühle, triefende Müllsäcke. Von irgendwoher drang das Lied „Hurra, die Welt geht unter“ von KIZ, die eigentlich ein Konzert spielen sollten, das Lied des Festivals, kommentierte jemand. Zwischen der Verwüstung versuchten die Leute, ihre Sachen zusammenzupacken, aus den durchweichten Zelten zu holen und zurück zu den Autos zu schleppen. Bis zum Morgengrauen waren viele beschäftigt, andere verbrachten die Nacht komplett im Auto, um sich dann morgens um ihr Hab und Gut zu kümmern.

Die Veranstalter sagen das Festival ab

Und noch immer war unklar: würde es weitergehen? Hoffnung, am Samstag alles wieder aufbauen zu können, wenigstens noch die Headliner zu sehen. In den frühen Morgenstunden dann kam irgendwann die Nachricht von den Veranstaltern: das Southside-Festival wird abgesagt, für Samstag seien neue Unwetter angekündigt, Sicherheit und Ordnung auf dem ehemaligen Militärflugplatz-Gelände könnten nicht mehr gewährleistet werden. Etwa 25 Besucher wurden wohl während des Unwetters verletzt und ins Klinikum Tuttlingen gebracht, auch auf dem Festivalgelände wurden 57 leicht Verletzte behandelt. „Das war nach meinem Kenntnisstand das bisher schwerste Unwetter in der Gemeinde Neuhausen ob Eck“, sagte Bürgermeister Hans-Jürgen Osswald. Am Samstag nun sollen die Festivalbesucher ihre restlichen Sachen packen und die Heimreise antreten.

„Uns blutet das Herz“, schrieben die Veranstalter auf der Webseite, „aber eure Sicherheit steht an erster Stelle. Kommt gut nach Hause.“

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