Ralf Leuthold gießt das Grab von Familien-Angehörigen, um das herum nach seinem Geschmack das Grün nicht genügend gebändigt wird. Foto: Werner Kuhnle
Stolperfallen, wild wucherndes Gras, Zecken und mehr: ein Bürger findet das Erscheinungsbild des Gottesackers in Steinheim (Kreis Ludwigsburg) einfach nur peinlich.
Christian Kempf
18.06.2025 - 15:00 Uhr
Die Szene ist keineswegs inszeniert, auch wenn sie aus Ralf Leutholds Sicht bezeichnend ist. Der 54-Jährige tritt unversehens mitten auf einem Grabfeld des Steinheimer Friedhofs in eine Ameisenkolonie. Sofort krabbeln die Insekten an seinem Bein hinauf und piesacken ihn. Leuthold streift die Tierchen hastig vom Körper – und sieht in dem Malheur einen weiteren Beleg dafür, wie schlecht es um den Gottesacker bestellt ist.
Leuthold ärgert sich vor allem darüber, dass zu den Stoßzeiten die Parkplätze hinten und vorne nicht reichten, das Gras nicht genügend gestutzt werde, Unkraut in Gräber hineinwuchere, die Wege uneben seien und damit zu Stolperfallen werden könnten. Seine Unzufriedenheit über die Zustände packt er in deutliche Worte. „Wenn ich sterben sollte, lasse ich mich lieber auf meinem Obstbaum-Stückle beerdigen als in diesem Unkrautgarten von Steinheim“, erklärt er. Er habe nichts gegen Naturschutz. „Aber ich finde, ich brauche keine Schnecken und keine Zecken auf dem Friedhof und muss auch nicht in einen Ameisenhaufen tappen“, sagt er. Seine Frau habe deshalb schon auf dem Rathaus angerufen. Man habe ihr mitgeteilt, nicht alle Flächen zu mähen, um den Tieren ihren Lebensraum nicht zu nehmen.
Die Wege auf dem Gelände sind teils uneben. Foto: Christian Kempf
Die Konsequenz daraus sei, dass die Sicht auf die Gräber mitunter eingeschränkt sei. „Man muss sich schämen, wenn eine Bekannte mit dem Rollstuhl hereinfährt und das Grab nicht sehen kann. Das ist voll peinlich“, findet Leuthold. Zur gemeinsamen letzten Ruhestätte seines Schwiegervaters und der Großmutter seiner Frau kann er bei nasser Witterung nicht einmal trockenen Fußes gelangen. Auf halbem Weg enden die Steinplatten. Er zeigt zudem auf den Efeu, der ziemlich ungebremst in Gräber ragt und nicht zurückgeschnitten werde. Selbst auf die Kindergräber droht das Grün überzugreifen. „Ein Friedhof ist doch ein Aushängeschild für die Stadt. Er sollte schon gepflegt aussehen“, sagt Leuthold.
Ein Dorn im Auge sind dem 54-Jährigen zudem die unebenen Wege. Man könne als älterer Mensch leicht umknicken, sagt Leuthold. Ebenfalls an die Senioren denkt er, wenn er die Parkplatzsituation kritisiert. Die Stellfläche am Friedhofweg sei gesperrt. Es werde dort Baumaterial gelagert. Wenn er nun frische Erde auf dem Grab auftragen oder Blumen setzen wolle, müsse er sein Auto auf dem verbliebenen Parkplatz auf der anderen Seite des Gottesackers abstellen und alles durch den Friedhof tragen. „Für mich geht das noch. Aber man muss auch an die älteren Leute denken, die Grabpflege betreiben“, betont er.
Kaum noch ein Durchkommen
Außerdem sei es nicht garantiert, nach Feierabend einen Parkplatz zu ergattern. Bei Beerdigungen würden die Fahrzeuge links und rechts auf dem parallel zum Friedhof verlaufenden relativ schmalen Hofstattweg abgestellt, sodass kaum noch ein Durchkommen sei.
Rund um das Grab von Ralf Leutholds Schwiegervater und der Großmutter seiner Frau wächst das Gras teils kniehoch. Foto: Christian Kempf
Leuthold beteuert, dass er mit seiner Kritik nicht alleine auf weiter Flur stehe. „Viele ältere Leute beschweren sich“, erklärt er. Der Steinheimer Rathauschef Thomas Winterhalter bestätigt, dass es aus der Bürgerschaft immer wieder negative Rückmeldungen zum Zustand des Friedhofs gebe. Man sehe ebenfalls Handlungsbedarf, wolle einzelne Bereiche neu gestalten. In einem Sektor seien Treppen und Wege bereits auf Vordermann gebracht worden. Sukzessive wolle man weitere Areale in Angriff nehmen, „um die Beschaffenheit der Wege überall zu verbessern, aber auch um das Gesamtbild und die Gestaltung des Friedhofs zu optimieren“.
Das dringendste Problem sei jedoch aktuell der Mangel an Möglichkeiten zur Urnenbestattung. „Deshalb sollen in einem ersten Schritt zunächst sowohl die Flächen für Urnenstelengräber als auch für Urnenröhrengräber erweitert werden“, verkündet Winterhalter. Auch die Grabstätten der Sternenkinder sollen aufgewertet werden.
Bei der Weiterentwicklung des Friedhofs würden die Bürger über ein Beteiligungsverfahren mit ins Boot geholt. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass nicht alle Probleme ad hoc gelöst werden könnten. Flächen, auf denen sich Gräber mit langen und verlängerbaren Ruhezeiten befinden, könnten zum Beispiel nicht kurzfristig neu überplant werden.
Bürgermeister: Parkdruck wächst in der ganzen Stadt
Was den Mangel an Stellflächen anbelangt, so wachse im ganzen Stadtgebiet der Parkdruck, „der sich kurzfristig aufgrund von mangelnden Stellflächen nicht auflösen lässt“. Das von Leuthold angesprochene Baumaterial müsse am Parkplatz des Friedhofs gelagert werden, aktuell für ein privates Vorhaben, später für die geplanten Arbeiten auf dem Gottesacker. Eine andere Fläche stehe dafür leider nicht zur Verfügung.
Und dass die Friedhöfe möglichst naturnah gepflegt werden, sei ein Wunsch des Gemeinderats. Größere, unbelegte Bereiche würden deshalb nur zweimal und nicht zehnmal pro Jahr gemäht. „Für Besucher mit einem ökologischen Verständnis sollte das kein Problem darstellen“, findet der Rathauschef. Ziel der Stadtverwaltung sei es, „den Friedhof zu einem naturnahen Ort zu gestalten, der Raum für Trauer gibt und eine hohe Aufenthaltsqualität hat“.