Upcycling: Vintage-Fahrräder für Stilbewusste Coole Knochenschüttler

Rund 100 Jahre alt ist dieser restaurierte und nun fahrbereite Stahlrenner. Foto: Dennis Löffka/Le Vélo

In seiner Werkstatt in Hamburg-Altona hat Senad Sarac mehr als 2700 historische Fahrräder gesammelt, um daraus feine Renner für stilbewusste Städter zu bauen.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Stuttgart/Hamburg - „Unser Konzept? Das ist die Liebe zum alten Fahrrad.“ Senad Sarac sitzt an einem restwarmen Herbsttag vor dem Café Le Vélo mitten im Hamburger Passagenviertel und blinzelt in der Sonne. Touristen schlendern, Feierabend-Shopper hetzen durch die Einkaufsstraße Große Bleichen. Was meint Sarac, wenn er von alten Fahrrädern spricht?

 

Alles Schrott, oder was?

20 Jahre? 50 Jahre? „Älter, viel älter“, antwortet der 38-Jährige und nippt an der Cola. Le Vélo sagt der Franzose zum Fahrrad; der stilbewusste Hamburger aber versteht unter der Bezeichnung auch einen kleinen, feinen Schauraum für karg ausgestattete Fahrräder, die für ungeübte Augen wie hübsch arrangierter Schrott aus den beiden vergangenen Jahrhunderten aussehen. Die angebotenen Fahrräder sind zwischen 1880 und 1950 hergestellt worden, die Spuren der Zeit sind untrüglich.

Tweed und Cord

Der Laden Le Vélo ist samt Espressomaschine, Theke und einigen Bistrotischen eingebettet in eines der ältesten Bekleidungsfachgeschäfte der Hansestadt – Ladage und Oelke mit dem Schwerpunkt auf englischer Herrengarderobe. Man könnte auf den Gedanken kommen, es handle sich um korrodierte Dekorationen, passend zu Tweedsakkos und Babycordhosen.

Reizende Patina

Doch die Patina wirkt umso reizvoller, wenn man weiß, dass die Räder fahrtauglich sind. Und Senad Sarac lebt mittlerweile davon, dass er diese historischen Räder weniger restauriert als upcycelt, das scheinbar Wertlose in Wertvolles verwandelt. Alles wird in Einzelteile zerlegt und repariert. Neue Ketten, Ledersättel, Griffe, Flaschenträger und Schläuche werden angebracht und anschließend an Liebhaber verkauft. Dass nicht alle Teile im ursprünglichen Zustand zu beschaffen sind, verwundert nicht, auch der originalgetreue Nachbau von vergammelten Teilen steht nicht im Mittelpunkt.

Rostumwandler und Stabilisierungslacke

Dafür etwas anderes: „Nachhaltigkeit ist extrem wichtig. Wir verwenden beispielsweise Pedale aus Holz. Wir produzieren das selbst. Jedes Teil ist ein Unikat.“ Andererseits werden die lädierten Rahmen nicht neu farblackiert, also übermalt, sondern nach einer behutsamen Festigkeitsprüfung und Bearbeitung konserviert. Dazu schleift Senad Sarac erst einmal einen Rahmen. Dann erfolgen eine Hohlraumversiegelung sowie das Finish mithilfe von Rostumwandlern und Stabilisierungslacken. „Ich darf keinen Haarriss übersehen.“

Rennräder mit Stahlrahmen

So ein „Beauty“ von Le Vélo, wie es Senad Sarac beschreibt, kostet ab 1300 Euro, man kann aber auch fünfstellige Beträge investieren. Manche Kunden lassen ihr eigenes Rad aufarbeiten, Erbstücke etwa. Ansonsten sucht der 38-Jährige nach Scheunenfunden, stöbert im Internet, hält Kontakt zu Nachlassverwaltern, informiert sich über Haushaltsauflösungen. Exemplare neueren Datums, beispielsweise die bei der großstädtischen Boheme gerade ausgesprochen beliebten französischen und italienischen Rennräder mit Stahlrahmen, lässt er links liegen. „Bei den neueren Rädern kann man einiges nicht mehr reparieren, etwa eine Gangschaltung bei einem Rennrad aus den 70ern“, sagt Senad Sarac, der selbst früher einmal ambitionierter Rennradfahrer war. „Und das Ersetzen eines solchen Teils finde ich echt langweilig.“

Das Rad eines Boxweltmeisters

Das Ziel ist ein „stilgerechter“ Umbau. Die meisten upgecycelten Modelle bei Le Vélo kommen daher mit Rücktrittbremse, Klingel, Drei-Gang-Nabenschaltung und LED-Licht in den Verkauf und erfüllen damit die Anforderungen der hiesigen Straßenverkehrsordnung. Der Reiz der Vintage-Räder besteht aber nicht nur in einer unüblichen Rahmenarchitektur, und den skurril anmutenden Korkenzieherbremsen. Nein, jedes historische Rad transportiert auch Geschichten. Senad Sarac erzählt, wie er das Trainingsrad des legendären Boxweltmeisters aus den 30ern, Max Schmeling, neu aufbauen durfte. Hier stehen aber auch Fahrräder, die im Krieg eingesetzt wurden. Schweizer Posträder. Oder dieses alte Lastenrad aus dem Jahr 1920, das noch in Hagenbecks Tierpark seinen Dienst versah.

Deutsche Markenprodukte

Doch viele dieser Räder mit Seele verkauft Sarac nicht im Inland, sondern nach Japan und Südkorea, weil dort oft Liebhaber deutscher Markenprodukte aus den Tagen des Industriezeitalters wohnen. Aufbereitete Exemplare von Patria aus dem Jahr 1906 zum Beispiel. Dahinter verbirgt sich ein Familienunternehmen aus Bielefeld, das noch heute existiert. Bielefeld war im 20. Jahrhundert lange eine Hochburg des Fahrradbaus, so wie Stuttgart das bis heute im Automobilbau ist. Miele, Dürkopp und Adler, Falter – Räder dieser Marken rollten von Ostwestfalen aus in die Welt.

Alles hingeschmissen

Dass ausgerechnet ein Kind bosnischer Geflüchteter diesen wertvollen Part der deutschen Industriegeschichte nicht nur in Erinnerung, sondern wieder auf die Straßen bringt, ist allerdings schon ein bisschen merkwürdig. Mit elf Jahren kam er nach Hamburg, seine Eltern waren vor dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien geflohen. Schon als Kind hat er an Rädern geschraubt, auch sonst wurde in der Familie Sarac geflickt, was das Zeug hielt. In Hamburg dann kurvte der junge Senad auf BMX-Rädern herum, entdeckte später das Rennrad, pimpte nebenbei Räder auf, einfach so. Sein Geld verdiente Senad Sarac als Videospieleentwickler, um am Tag seines 30. Geburtstags alles hinzuschmeißen: „Ich wollte meine Leidenschaft zum Beruf machen.“ Heute befinden sich sein Lager (2760 Räder!) und die Werkstatt in Hamburg-Altona.

Ein echter Porsche

Schließlich schreitet Senad Sarac, weil der Gast ein Stuttgarter ist, zu einem weiteren „Beauty“, streicht zärtlich mit beiden Händen über das Oberrohr. Es ist, wie der Schwabe sagen würde, ein trollingerrotes Gefährt. Die Marke? Porsche, Baujahr 1947. Der Schätzwert liegt bei knapp unter 40 000 Euro.

Weitere Infos zu historischen Fahrrädern

Neben Le Vélo (www.levelo-bikes.de) gibt’s für Liebhaber historischer Räder weitere Adressen, etwa Steel Vintage (www.steel-vintage.com) und Past Bikes in Berlin (www.pastbikes.de) oder Fahrrad Martini in München (www.fahrrad-martini.de); Infos zu Vintage-Stahlrädern finden sich unterhaltsam aufbereitet auf www.stahl-rad.de; wer sich im Verein für den Erhalt historischer Räder engagieren möchte, dem sei die Seite www.historische-fahrraeder.de empfohlen.

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