„Gemeinsam bleibt gemeinsam“ hat die Eisenbahnergewerkschaft EVG die Tarifrunde bei der Deutschen Bahn überschrieben. Dieses Motto wird von einem erheblichen Teil der Mitglieder massiv in Frage gestellt. So hat die Basis dem Schlichtungsergebnis mit einer ungewöhnlich mageren Mehrheit zugestimmt, auch wenn nun von einem „klaren Ergebnis“ die Rede ist. Obwohl das Resultat im Vergleich mit anderen Tarifabschlüssen wie in der Metall- oder Chemieindustrie gut da steht, bleibt in der EVG ein großer Teil von Unzufriedenen zurück.
Lange hatte die EVG den Ruf der Angepasstheit an den Arbeitgeber, gerade gegenüber der kampfeslustigen Konkurrenz von der GDL. Doch hat sich unter der Oberfläche großer Widerstandsgeist entwickelt. Eine starke Führung würde den Unmut in den Griff bekommen, der EVG-Spitze drohte die Diskussion fast zu entgleiten.
Es gibt viele Kritikpunkte am Schlichterspruch. So hatte man sich vor der Tarifrunde versprochen, mit einem Mindestfestbetrag von 650 Euro für alle die Einkommensschwächeren zu stützen. Nun sollen einige wichtige Funktionsgruppen besonders profitieren. Die Solidarität zu untergraben ist für eine Gewerkschaft ein schwerwiegender Vorwurf. Das grassierende Gefühl der Spaltung dürfte die Führung noch lange beschäftigen.
Die Tarifrunden könnten sich radikalisieren
Misstrauen macht sich breit. Der Verdacht, dass die unteren Entgeltgruppen zu kurz kommen, hat auch schon andere Gewerkschaften erfasst. Und die Bereitschaft der Basis, es „denen da oben“ zu zeigen, nimmt vielerorts deutlich zu – die Kompromissfähigkeit schwindet. Im Herbst ist die GDL wieder am Zug. Auch dort wird man es beobachten können. Den Tarifrunden der Zukunft droht generell eine Radikalisierung.