Uraufführung „Das 1. Evangelium“ Theater in Stuttgart: Frau Jesus kommt zum Mittagessen

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Experte für Himmel- und Höllenfahrten: In seiner Uraufführung „Das 1. Evangelium“ am Schauspiel Stuttgart sampelt und schneidet der Regisseur Kay Voges die Geschichten so lange gut ineinander, bis ihn dann noch der Teufel reitet.

Szene aus Kay Voges Uraufführung „Das 1. Evangelium“ am Schauspiel Stuttgart Foto: JU
Szene aus Kay Voges Uraufführung „Das 1. Evangelium“ am Schauspiel Stuttgart Foto: JU

Stuttgart - Kurz bevor die Mauer aufgeht mitten in Europa, steht der 16-jährige Kay Voges mit einem Holzkreuz auf dem Buckel in Amsterdam am Marktplatz. Er erzählt den Leuten vom Ende der Welt und wie man in den Himmel kommt beziehungsweise zur Hölle fährt. „Ursprünglich“, sagt er in einem erhellenden Gespräch unter der schönen Überschrift „Das Theater ist die Kirche der Zweifler“ im Programmheft, habe er also Prediger werden wollen. Im Grunde genommen ist er von diesem Ziel auch mit nunmehr 45 Jahren nicht ganz abgekommen, denn Voges ist Regisseur, mittlerweile auch in der Oper gut beschäftigt und seit knapp zehn Jahren am Dortmunder Schauspiel Intendant: Himmel-und Höllenfahrten sind sein tägliches Geschäft, und er nimmt es sehr ernst.

Die Auferstehung des Kinos im Theater

Wie ernst er es nimmt, davon bekommt der Besucher des Schauspiels Stuttgart bei der Uraufführung von „Das 1. Evangelium (frei nach dem Matthäus-Evangelium)“ einen Eindruck, noch bevor das Theater als B-Movie losgeht. Während einem die „Matthäuspassion“ entgegenschallt, legt sich schon mal richtig fetter Weihrauch auf die Bronchien, frisch aus dem Fass. Das gibt, ob man will oder nicht, gleich die ersten Wahrnehmungskopplungen. Der Zuschauer muss sich Voges‘ Stilprinzip überantworten: Reizüberflutung durch Sampling.

Anknüpfend an die dänische Dogma-Bewegung (Lars von Trier, Thomas Vinterberg) hat Voges im Dortmunder Manifest „Dogma 2013“ den Film als Folge der Digitalisierung für „tot“ erklärt, ihm allerdings gleichzeitig „die Auferstehung im Theater“ garantiert. Kurz gesagt mutiert der Zuschauer dadurch zum eigentlichen Regisseur des Abends. Wenn die Kamera auf der Bühne Bilder einfängt, lautet eine der (nicht immer vollkommen ernst gemeinten) Grundregeln, dass stets zu sehen sein muss, wie sie die Illusion herstellt. Frank Castorf hat das Verfahren teilweise – und manchmal eher wüst-wurstig – adaptiert, wie Stuttgarter Theatergänger hüben und drüben wissen. Und Castorfs Lieblingsrequisiten (das Diner mit dem Hausmotto „Erst schön Mittag essen, dann Ärger machen“, der Wohnwagen, die Autos, Palmen, Würstchen, teilweise das fast komplette Bayreuther „Rheingold“-Setting) werden auch ausführlich zitiert, mutmaßlich aus solidarischen Gründen.

Zwischen neonweißem Klinikraum und Oberammergau-Gedächtniszimmer

Aber Voges ist das Original – und beim Original sieht’s im Schauspiel Stuttgart jetzt so aus, dass es Projektionen und Assoziationen, womit die Leinwände bespielt werden, im Sekundentakt hagelt, während die Bühne sich unablässig dreht. Unter der roten Leuchtschrift „Theatre“ kommt immer wieder ein neonweißer Klinikraum ins Zentrum, in dem gefixt und gelitten wird. Ferner finden sich eine Art Oberammergau-Gedächtniszimmer und eine Skulpturenkammer zur Heiligenverehrung, gerne mit Pietà ausgestattet. Dann noch die Bar, an deren Tresen improvisierte Trinkspiele stattfinden („Wenn du irgendwen wieder zum Leben erwecken könntest, wer wäre das?“). Drumherum viel Platz für Bewegung, Tanz, Posing und allerlei andere logisch anmutende und gänzlich absurde Sparifankerl. Und der Platz wird genutzt, weiß Gott.

Selbstreferentielle Widerwitzhaken in der Wunde der Inszenierung

In diesem leicht horrorhaften Kunterbuntheitsrahmen erzählt Voges, dessen Bibelkenntnis, siehe oben, beträchtlich sind, tatsächlich ernsthaft große Teile des Matthäus-Evangeliums in einer Interlinearübersetzung, wobei er mit Johannes anfängt („Im Anfang war das Wort…“), um danach Maria vor ihrer – natürlich live und ketchupblutig gezeigten - Geburt schnell noch die ganze Abstammungsgeschichte von Abraham bis Josef erzählen zu lassen. Dann schreit der Regisseur Fred: „Cut!“ Wie Fred (Paul Grill), obwohl weicheiig, oft die Parodie auf den Inszenierungsmacker als solchen geben muss, gibt Holger Stockhaus den Produzenten Hans Werner Rhodes („Die europäische Filmförderung ist ganz heiß…“) als üblen Branchenschmierlappen. Die beiden sind gewissermaßen die selbstironischen und selbstreferentiellen Widerwitzhaken in der Wunde der Inszenierung, und die bleibt dennoch beträchtlich groß: Anderthalb Stunden von insgesamt zweieinviertel, also die längste Zeit, schafft es Voges, ein paar dringende Fragen zu stellen: Eine zentrale trifft den Wert und die Stellung des Textes selber, der, beginnend mit Johannes dem Täufer als Schlangenbrutbekämpfer (Mt 3, 7 -12), von der Religiosität vor allem in ihrer gnadenlosen Variante handelt. Eine andere betrifft den Transport von Botschaften via Bühne.

Von Fassbinder bis Fellini, von Nick Cave bis Tocotronic

Nicht umsonst projiziert Voges eine Wendung von Jean-Luc Godard: „Wenn zwei Bilder aufeinandertreffen, entsteht ein Drittes. Eine andere Art des Sehens.“ Wer, will Voges weiter wissen, hätte noch die Autorität, diese zu filtern? Dass die Assoziationsangebote überborden (Verweise auf Heiner Müller und Benjamin, Fassbinder und Fellini, Dávila und Deleuze, Pasolini und Tocotronic ergeben sich; es singen Nick Cave, REM und Bill Callahan, „Faith“, was sonst?), gehört andererseits zum Konzept dazu. Dennoch findet die – vom Ensemble bewundernswürdig kompromisslos mitgetragene – Materialschlacht ihren Mittelpunkt dann trotzdem in einer Art Solistin: Jesus als Wahrheitssucherin in Existenznöten wird gespielt – und toll gespielt – von Julischka Eichel, die der Rolle häufig eine Aura verleiht, die hier im Prinzip gar nicht mehr vorgesehen ist.

Pontius Pilatus wird zur Stand-Up-Comedian-Nummer

Auch darüber hätte man natürlich szenisch reden können, analog zu einem Aufsatz des mit anderen Texten zitierten Rolf Dieter Brinkmann, von dem sich Kay Voges gerne Denkfiguren ausleiht: 1969 schrieb Brinkmann einen Essay, den er „Einübung in eine neue Sensibilität“ nannte. Darin forderte er für den literarischen Text jenseits des nur Exquisiten, von der Kritik „begrüßten“, „die sinnliche Erfahrung als Blitzlichtaufnahme“ (Brinkmann war ja selber auch Fotograf und Freund von B-Filmen), die dann den vorgegebenen „Bedeutungsgehalt“ erweitere oder gar sprenge. In seinen besten Momenten ist Voges auf dieser (Film-) Spur unterwegs. Buchstäblich mit dem eigenen Regiehintern allerdings reißt er in Stuttgart lange vor dem zäh sich ziehenden Ende auch wieder ein, was er vorher teils kühn, teils clever gebaut hat: Den Auftritt von Pontius Pilatus verstottert Holger Stockhaus in einer nicht endenwollenden, peinigenden Stand-Up-Comedian-Nummer, die sich die Bedeutungshuberei des alten Staatstheaters/Films im Allgemeinen und des Regisseurs Ingmar Bergmann im Besonderen vornimmt. Kollektivgähnen. Es sind diese zehn oder noch mehr Minuten, die dem heftigen Abend insgesamt seinen Nimbus als Stachel dann doch ein Stück nehmen. Und apropos: (Jesu) Tod? Wo war bitte da final dein Voges?

Weitere Vorstellungen am 24. und 29. Januar.