Uraufführung in Esslingen „Freischütz“ mit Metoo-Anklängen

Von Elisa Beck 

Der Machthaber trägt ein Glitter-Hemd und die Frau rebelliert: Die Esslinger Uraufführung einer „Freischütz“-Neufassung mischt die klassischen Rollenbilder der romantischen Oper auf.

Max (Florian Stamm, links) steht abseits, während Bauer Kilian (Antonio Lallo) von den Dorfbewohnern gefeiert wird. Foto: Patrick Pfeiffer 10 Bilder
Max (Florian Stamm, links) steht abseits, während Bauer Kilian (Antonio Lallo) von den Dorfbewohnern gefeiert wird. Foto: Patrick Pfeiffer

Esslingen - Auf einmal widersetzt sich die Frau der Rolle, die ihr traditionsgemäß in Carl Maria von Webers Oper „Freischütz“ durch das Libretto von Johann Friedrich Kind auferlegt wird: Auf der Württembergischen Landesbühne in Esslingen ist eine aufbegehrende Agathe zu sehen, passend zu den Metoo-Debatten. Die Neufassung hat Carsten Golbeck getextet, für die Musik war Bernd Feuchtner verantwortlich.

Aus der Oper wird unter der Regie von Marcel Keller ein Schauspiel mit Liedern, das Sänger – überwiegend Opernstudenten der Stuttgarter Musikhochschule – und Schauspieler der Landesbühne gemeinsam zum Leben erwecken. Der Gesang der Schauspieler geht neben den talentierten Sängern zwar etwas unter, doch verstärkt dies meist eher noch den Charakter der jeweiligen Schauspiel-Rolle, wie im Falle des Protagonisten Max. Schauspieler Florian Stamm singt mit etwas dünner Stimme über Max’ Angst, seine teure Agathe zu verlieren, was seine Schwäche im Vergleich zu den anderen männlichen Protagonisten noch stärker hervorhebt.

Männliche und weibliche Kräfte als zentrales Motiv

Max soll Agathe mit den Stärken eines Mannes erobern: Er muss bei der Jagd erfolgreich sein, um Agathes Hand und die Gunst ihres Vaters zu gewinnen. Doch Max ist kein Jäger, sondern ein Denker, ein gebildeter Mann. Aus Angst zu versagen lässt er sich von Ulf Deutscher, der in der Rolle des skrupellosen, alles Negative der Männlichkeit repräsentierenden Kaspar glänzt, verführen.

In Erinnerung bleibt vor allem die Szene in der Wolfsschlucht. Der drohende Wahnsinn im Falle von Dominanz einer der beiden Kräfte – männlich oder weiblich – wird von Marcel Keller, der auch für das Bühnenbild zuständig war, verstörend vorgeführt: Max verbündet sich auf einem Trümmerhaufen mit dem Teufel, während Agathe in vielen grotesken Gestalten gleichzeitig ihr Unwesen treibt und versucht, ihn aufzuhalten. Das dreiköpfige Musiker-Ensemble dramatisiert die Darstellung durch eine reduzierte Version der Originalfassung von Webers.

Machthaber im Glitter-Oberteil und Rebellin

Amüsiertes Gelächter der Zuschauer in der Schlussszene beim überspitzten Quintett der Jäger und dem Auftritt des machthabenden Fürsten, der im goldenen Glitter-Oberteil erscheint. In dem alten Mann, der mit seinen Waffen spielt, verbirgt sich vielleicht eine Anspielung auf aktuelle Machthaber. Dieser jedenfalls räumt den Platz nach einem Machtwort der mutigen Agathe. Die Sängerin Sandra Hartmann spielt deren Entwicklung von der unschuldigen Nesthockerin zur entschiedenen Freiheitskämpferin. Wie man die unterschiedlichen Kräfte auch definieren mag – gut, böse, männlich, weiblich, stark, schwach – dieser neue „Freischütz“ zeigt, dass eine positive Zukunft nur dann möglich ist, wenn weibliche und männliche Kräfte ein Gleichgewicht finden.

Termine: 15. März; 10., 15. und 27. April; 16. und 18. Mai; 22. Juni an der WLB Esslingen