Stadtkind Stuttgart

Urban Art Gallery Viel Platz für urbane Kunst

Von Ina Schäfer 

In Stuttgart eröffnet am Samstagabend eine Urban Art Gallery. Standort und Konzept versprechen einiges.  

Marc C. Woehr (links) und Daniel Unger möchten weg von temporären Sachen und eine Institution für urbane Kunst etablieren. Foto: Harald Völkl 3 Bilder
Marc C. Woehr (links) und Daniel Unger möchten weg von temporären Sachen und eine Institution für urbane Kunst etablieren. Foto: Harald Völkl

Stuttgart - Marc C. Woehr und Daniel Unger stehen in einem großen Raum mit strahlend weißen Wänden. Sie sind sichtlich erschöpft, aber auch sichtlich stolz darauf, was sie in den vergangenen Monaten an der Rotebühlstraße geschaffen haben: die Urban Art Gallery. Der 38-jährige Daniel Unger ist Art Director in einer Stuttgarter Agentur. Marc C. Woehr ist Künstler und seit gut zwei Jahrzehnten in der Szene aktiv. Die Werke des 40-Jährigen werden rund um den Globus gezeigt. Auch Ausstellungen haben beide schon organisiert. Unger etwa für die Zwischennutzung „Utopia Parkway“ an der Tübinger Straße. Eine eigene Galerie allerdings, das ist für die beiden neu.

Einiges ist aber noch zu tun: manche der Bilder sind schon aufgehängt, andere lehnen noch an den Wänden. Die beiden haben nur noch wenig Zeit, bis alles fertig sein muss und ihre Urban Art Gallery eröffnet. Viel Schlaf bekommen Unger und Woehr derzeit nicht. Bei letzterem bahnt sich eine Erkältung an, trotzdem muss er bald wieder raus, auf die Leiter klettern und sein Mural fertig malen – eine Fassadenmalerei an der Hauswand.

Neuer Akzent in der Kunstlandschaft der Stadt

Aller Erschöpfung zum Trotz: die Aufregung und Freude über ihr neues Projekt überwiegt. Mit ihrer Urban Art Gallery werden die beiden einen ganz neuen Akzent in der Kunst- und Kulturlandschaft der Stadt setzen. Eine Galerie für urbane Kunst, für Graffiti und Streetart, die Kunstformen, die unter dem Begriff zusammengefasst werden, gibt es in der Stadt noch nicht – auch im restlichen süddeutschen Raum sind Galerien mit einer solchen Ausrichtung Mangelware.

Dabei hat sich die urbane Kunst schon seit Jahren aus der Illegalität, aus den U-Bahn-Schächten und dunklen Unterführungen in den internationalen Kunstmarkt gedrängt. Nicht zuletzt durch den kommerziellen Erfolg von bekannten Künstlern und wahren Streetart-Popstars wie Banksy. Sogar Sammler werden auf die jungen Künstler aufmerksam, die Werke gehen teilweise für sechsstellige Beträge weg.

Auf Leinwänden statt Hausfassaden

Auch in Stuttgart wächst langsam das Bewusstsein, dass Urban Art nicht gleich Vandalismus bedeutet. Zum Beispiel durch das Festival Kunst im Club oder durch Stuttgarter Künstler wie Daniel Geiger, dessen Werke im Stadtbild und in einigen Clubs in der Innenstadt zu sehen sind.

Im Gegensatz zu anderen Städten und Ländern ist Stuttgart dennoch lange nicht so weit, Graffiti und Streetart als junge Kunstform anzuerkennen, als Kunstform, die nicht nur an Häuserwänden, sondern auch auf Leinwänden stattfinden kann, die in Galerien ausgestellt werden.

Dauerhafte Institution im Zentrum

Marc C. Woehr und Daniel Unger wollen das mit der Eröffnung ihrer Urban Art Gallery an der Rotebühlstraße ändern. „Wir möchten raus aus den temporären Sachen und eine dauerhafte Institution in der Stadt sein“, sagt Daniel Unger, „wir möchten als Plattform für nationale und internationale Künstler und als Berater für Kunstsammler fungieren.“ Für die erste Ausstellung „Urban Playground“, die am heutigen Samstag startet, hat Marc C. Woehr sein Know how und sein gut ausgebautes Netzwerk genutzt und Künstler aus Stuttgart wie aus anderen Städten Deutschlands und dem Ausland eingeladen. Dabei sind große Namen, aber auch solche Künstler, deren Reputation noch nicht über die Stadtgrenzen hinausreicht und die deshalb Unterstützung brauchen. „Wir möchten Stuttgart heranführen an die Urban Art und zeigen, was die Szene zu bieten hat“, sagt Woehr. Gerade in einer Stadt wie Stuttgart, die den Hip-Hop, zu dem auch Graffiti gehört, geprägt habe, sei dringend eine Lücke zu schließen.

Dass sie dafür die Location mit ihren insgesamt gut 300 Quadratmetern an der Rotebühlstraße gefunden haben, ist ein wahrer Glücksgriff. Nicht viele Vermieter seien bereit, ihre Räumlichkeiten für derartige Zwecke zu vermieten – und zu erlauben, gleich die Fassade zu bemalen, sagen die beiden. Auch in den restlichen Räumlichkeiten des Hauses sind Kreative eingezogen, ein Tonstudio und Musiker.

Der Hinterhof an der Rotebühlstraße könnte sich zu einem neuen kulturellen Zentrum entwickeln, das sich tatsächlich im Zentrum befindet und nicht in der Peripherie der Stadt, in Bad Cannstatt oder am Nordbahnhof. „Das ist genau der Ort, an dem so etwas stattfinden muss. Wir haben tolle Vermieter, die verstehen, wie wichtig es ist, junge Künstler zu fördern“, sagt Unger. In der Galerie wird es neben Bildern, Fotografien und Skulpturen eine Bar geben, die von den Machern des Tonstudios an der Theodor-Heuss-Straße betrieben wird. Dort werden während der üblichen Öffnungszeiten und bei Veranstaltungen Getränke verkauft. Partys aber wird es nicht geben. „Wir haben ein kulturelles Erbe zu pflegen. Die Kunstwerke in den Räumen sind ja auch wertvoll. Wir betreiben eine ganz gewöhnliche Galerie, nur eben etwas cooler“, sagt Unger und lacht.

 Die Vernissage ist am heutigen Samstagabend, 1. März, von 19 bis 23 Uhr, mehr Infos gibt es hier

 

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