Urban Gardening in Stuttgart Der Garten-Guerillero vom Kernerplatz

Jeder kann zupacken, der will: Am Justinus-Kerner-Brunnen stehen Gießkannen, mit denen Freiwillige die Blumen am Kernerplatz gießen können. Foto: Cedric Rehman
Jeder kann zupacken, der will: Am Justinus-Kerner-Brunnen stehen Gießkannen, mit denen Freiwillige die Blumen am Kernerplatz gießen können. Foto: Cedric Rehman

Martin Himpler hat vor einigen Monaten begonnen, am Stuttgarter Kernerplatz Blumen zu pflanzen. Inzwischen hat er viele Unterstützer und auch die Verwaltung ist einverstanden. Das Projekt belebt die Nachbarschaft.

Aus den Stadtteilen : Cedric Rehman (cr)
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S-Mitte - Vier Gießkannen stehen am Justinus-Kerner-Brunnen in den Farben Blau, Orange, Rosa und Türkis. Jeder könnte sie einfach mitnehmen. Oder er könnte sie mit Wasser füllen und die Beete am Kernerplatz mit ihnen gießen. Der Anwohner Martin Himpler bezeichnet das, was seit Juni diesen Jahres am Kernerplatz in Gang gekommen ist, als Experiment.

Anwohner kümmern sich um die Blumen, die Himpler auf eigene Faust gepflanzt hat, ohne dass jemand sie dazu auffordert. Es gebe inzwischen eine lose Gemeinschaft von Helfern, die sich über ein soziales Netzwerk organisiere, meint Himpler. Doch letztlich beruhe alles auf Freiwilligkeit, betont er. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Blumen trotzen an allen Ecken des Kernerplatzes der trockenen Witterung. Es sind bunte Kleckse auf einem Platz, auf dem ansonsten eher Asphalt und Beton dominieren.

Verwaltung gibt grünes Licht

Die Verwaltung lässt Himpler und seine Mitstreiter gewähren. Er habe sich inzwischen mit dem Stadtplanungsamt besprochen, sagt er. Dort gebe es eine Stelle, die das sogenannte Urban Gardening, also die Begrünung des städtischen Raums fördert. „Normalerweise gehen Leute dahin, weil sie Zuschüsse wollen, das war bei mir aber nicht der Fall“, sagt Himpler. Die Blumen, die Gießkannen, die Erde – Himpler hat vieles aus eigener Tasche bezahlt. Nachbarn hätten auch etwas dazu gegeben, meint er. Für die Verwaltung gibt es wenig zu tun angesichts des Engagements der Bürger. Er ist froh, dass sie ihr Wohlwollen signalisiert hat, obwohl die Stadt die Begrünung nicht in Auftrag gegeben hat.

Himpler erzählt, dass er sich im Frühsommer zu der Aktion entschieden hat. „Ich wohne schon lange am Kernerplatz“, sagt er. Der 58-Jährige beschreibt sich als jemand, den gerade in jüngster Zeit Sinnfragen beschäftigen. Das liege wohl am Alter, meint er. „Vielen Menschen geht es lange Zeit nur darum, die persönlichen Ziele zu erreichen. Irgendwann merken sie, dass das allein nicht ausreicht“, sagt er.

Bürger pflanzen Bäume

Also besorgte sich Himpler die Materialien, die er für das Bepflanzen benötigt – und ein buntes T-Shirt im Camouflage-Stil. „Das habe ich beim Arbeiten angezogen, schließlich mache ich so etwas wie Guerilla-Gardening hier“, sagt Himpler. Der Begriff steht wie das Urban Gardening für einen neuen Trend. Die Bürger nehmen es selbst in die Hand, das um sie herum Bäume, Sträucher und Blumen wachsen. Aktivisten betreiben zum Beispiel Guerilla Gardening, in dem sie Samen in die Luft pusten und hoffen, dass sie irgendwo landen, wo sie sprießen können.

Das Argument gegen solche wilde Begrünungen lautet, dass Einzelne nicht darüber befinden sollten, wo es mehr Grün in der Stadt geben soll. Himpler habe das Argument einmal von einem Polizisten gehört, der ihn nach einer Genehmigung gefragt hat. „Das ist sicherlich ein guter Einwand. Ich habe den Polizisten dann gefragt, wie viele Leute sich wohl von Blumen gestört fühlen dürften. Da hat er zugestimmt“, meint Himpler.

Hundebesitzer haben Einwände

Nun, da die Verwaltung ihm grünes Licht gibt, müsse er sich noch mit der Kritik einzelner Hundebesitzer auseinandersetzen, meint er. „Die hätten die Flächen lieber als Hundeklo“, meint er. Die Zahl der Anwohner, die zur Gießkanne greifen, sei aber viel höher, betont Himpler.

Es seien sehr unterschiedliche Menschen, die der Wunsch nach einem bunteren Kernerplatz vereine, erzählt er. Projekte wie das seine wirken der Anonymität der Großstadt entgegen, findet er. „In der Großstadt können Menschen freier leben, aber die Menschen sind eher für sich. Wir versuchen uns an einer neuen Art der Zusammenarbeit“, sagt er. Frei soll sie sein, am Gemeinwohl orientiert – und im Ergebnis ganz schön bunt.




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