Urban Gardening in Stuttgart Garten geht Gassi

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Schrebergärten, Vorgärten oder Parks: in Stuttgart ist nun ein Trend endgültig angekommen, bei dem das Gemeinschaftserlebnis im Garten im Mittelpunkt steht. Eindrücke von einem Frühlingserwachen in der Großstadt.

Berlin-Mitte-Charme: in Bad Cannstatt bereitet sich das Projekt „Inselgrün“ auf das Frühjahr vor. Foto: Martin Stollberg 8 Bilder
Berlin-Mitte-Charme: in Bad Cannstatt bereitet sich das Projekt „Inselgrün“ auf das Frühjahr vor. Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Das Märchenreich liegt verborgen hinter einem rostigen Eisentor. An einer Seite wird es von einer struppigen Distelhecke umrankt, deren Blüten wie kleine Wattebäusche im Gestrüpp hängen. Das trübe Licht der Wintersonne funkelt plötzlich, als es von der Discokugel eines benachbarten Clubs reflektiert wird. In der Krone eines Baums hockt eine bucklige Krähe, die sich nicht stören lässt vom fernen Lärm der Lastwagen, der leise an diesen verwunschenen Ort anbrandet. Welche Schätze aber könnten sich hier verbergen, wo Holzlatten, Eisenrohre und Sonnenschirme an der Wand eines rot geklinkerten Backsteinbaus lehnen?

Vier Großstadtkinder im Alter von Mitte 30 bis Mitte 40 haben sich an diesem Februarmorgen auf dem Gelände des alten Stuttgarter Güterbahnhofs verabredet. Sie kennen den Zaubercode, der ihnen den Zugang in diese für die meisten Stuttgarter entlegene Welt öffnet. Der Code besteht aus den vier Zahlen eines Schlosses, dessen Bügel lautlos aufspringt. Schon betritt Birgit Haas eine städtische Brache, bei der erste Zeichen einer Verwandlung unübersehbar sind: Einkaufswagen sind zu einem Kreis angeordnet, in den Wagen lagern Kisten, und in den mit Erde gefüllten Kisten sprießt Ackersalat. Trotz Nachtfrost und gelegentlichem Schneefall.

Hier, wo im Club Zollamt sonst das Partyvolk seine Nachtschichten verbringt, wo ein Küchenstudio in einem alten Industriebau in friedlicher Koexistenz mit einer Kampfkunstschule lebt, beginnt in diesem Jahr eines der interessantesten Wachstumsprojekte der Stadt: Urban Gardening. „Inselgrün“ nennt sich der Stuttgarter Ableger der Bewegung, die seit Jahren rund um den Globus Menschen inspiriert, zu Hacke und Schaufel zu greifen, mit den Händen in krumiger Erde zu graben, sich lustvoll die Finger schmutzig zu machen und dann auf die Belohnung zu warten: dass etwas wächst, am besten etwas Essbares. Gurken, Tomaten und Zucchini, Bohnen oder Ackersalat. In diesem Jahr könnte auch in Stuttgart der endgültige Durchbruch der Bewegung folgen: In Facebook-Gruppen melden sich immer mehr Neugärtner, und die Stiftung Geißstraße lädt in der nächsten Woche zu einem Informationsabend ein: „Grüne Heimat – Urban Gardening in Stuttgart“.

Vor den Stadtgärtnern liegt noch viel Arbeit

Birgit Haas wird dabei sein. Sie trägt einen pinkfarbenen Parka mit Kunstfellkragen. Haas ist die Gartenexpertin der Gruppe, die sich an diesem Tag versammelt hat, um darüber zu reden, wie aus der Industriebrache in diesem Frühjahr und Sommer ein Mitmachgarten werden kann. Bei den Teilnehmern dominieren Sneaker und Baseballkappe, Jeans und ein zwangloser Umgangston. Die grünen Novizen stammen aus der Agentur- und Kreativszene. Birgit Haas hat Kunst in Nordirland studiert und zehn Jahre in Belfast gelebt. Inzwischen wohnt sie in Stuttgart, wo sie eine Handelsagentur gegründet hat, die sich mit den Chancen von „Gärtnern ohne Gift“ beschäftigt. „Ich bin bestens in der grünen Branche vernetzt“, erzählt Haas.

Die Kontakte wird sie brauchen, noch liegt viel Arbeit vor den Stadtgärtnern, bevor aus der Brache wirklich ein Inselgrün wird, das diesen Namen auch verdient. Die bepflanzte Installation aus Einkaufswagen ruht noch auf einem Teppich aus Moos, Steinen und abgestorbenem Gras. Im vergangenen Sommer entstanden die erste Pläne, den alten Güterbahnhof wieder aufblühen zu lassen. „Wir sind erst mal mit der Säge hier durchgegangen“, erzählt Franz Gielen. Es war der erste Schritt, um das Dornröschenreich aus einem langen Schlaf aufzuwecken. Am Ende füllten der Wildwuchs und der wilde Müll fünfzehn Container. Im März steht der nächste Frühjahrsputz auf dem Gelände an, und danach beginnt die zweite Stufe der Stadtbegrünung.

Im Kopf von Birgit Haas summen schon die Ideen herum: „Wir wollen alte Sorten von Nutzpflanzen anbauen, aber auch dekorative Blumen sollen hier ihre Heimat finden.“ In Workshops will sie Kindern beibringen, wie sie zu Hause mit ihren Eltern die Balkone bepflanzen können. Und weil am Rande des Inselgrüns schon jetzt der Schmetterlingsflieder wächst, der in der warmen Jahreszeit die Bienen anlockt, denken die Inselpioniere darüber nach, ob sie neben den neuen Hobbygärtnern ein Bienenvolk mit aufnehmen wollen.

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