Urban Sketcher aus Tiflis und Stuttgart Mit Stift und Block durch die Stadt

Von Susanne Müller-Baji 

Mehr als Zeichnen: Urban Sketcher aus Tiflis und Stuttgart treffen sich bei der Aktionswoche „Drawing on the City“. Am Samstag, 8. Juli, werden die Ergebnisse ab 18 Uhr auf der Cannstatter Kulturinsel, Güterstraße 4, ausgestellt.

Die Stadtbücherei als genialer Ort zum Zeichnen. Foto: Susanne Müller-Baji
Die Stadtbücherei als genialer Ort zum Zeichnen. Foto: Susanne Müller-Baji

S-Nord -

Tagsüber wird natürlich viel gezeichnet. Aber das Programm der Aktionswoche „Drawing on the City“ macht deutlich: Hier geht es um mehr: Diese Woche treffen Urban Sketcher Gruppen aus dem georgischen Tiflis und aus Stuttgart auch zusammen, um städtebauliche und gesellschaftspolitische Zusammenhänge zu begreifen – und das Programm ist ein Augenöffner für alle Beteiligten.

Morgens ein Besuch auf dem Bahnhofsturm und am Proteststand gegen Stuttgart 21, mittags Zeichnen im Europaviertel und in der Stadtbibliothek und abends dann Grillen und Chillen in den Wagenhallen: Größer als an diesem Tag erlebt, kann das urbane Spannungsfeld kaum sein. Nicht nur die zehnköpfige Abordnung aus Tiflis kommt aus dem Staunen kaum heraus, auch für die einheimischen Zeichner bietet diese Woche Gelegenheit, ihre Stadt einmal von Grund auf neu zu er-leben, etwa am Montag beim Besuch des Stuttgarter Hafens: „Das hier ist mein Urlaub“, erzählt die Zeichnerin Karin Hinterleitner gerade ihrem georgischen Kollegen: „Ich habe extra die Woche dafür freigenommen.“ Sie und andere Stuttgarter Zeichner sind sich einig: Viele Einblicke sind selbst für die Einheimischen völlig neu.

Treffen in Tiflis

Auch die Kunsthistorikerin Lali Pertenava hat viel von diesem Rundgang mitgenommen: „Was wir im Hafen über Logistik erfahren haben, war sehr spannend, weil es entsprechende Bestrebungen auch in Tiflis gibt.“ Sie hat im vergangen Jahr den Besuch der Stuttgarter Urban Sketcher (Stusk) in Georgien organisiert, aber die Freundschaft geht weiter zurück: 2015 war man sich zum ersten Mal bei einem internationalen Treffen zum Thema Nachhaltig Leben und Stadtentwicklung begegnet. Im Jahr darauf lud Pertenava zum ersten Urban-Sketcher-Treffen nach Tiflis. Kurz darauf fand sich das georgische Gegenstück zu Stusk zusammen, das sich seither regelmäßig trifft, um Zeichnen als praktizierte Urbanistik zu betreiben.

Denn auch Tiflis erfährt derzeit große Umbrüche, und nicht alles daran ist schön. Pertenava spricht von einem „Wildwest-Kapitalismus“, der Altes und Gewachsenes über Nacht ausradiere und durch Investitionsobjekte ersetze. Der Besuch in Stuttgart soll da auch Anregungen bringen, wie sich Stadtentwicklung, kulturelle Teilhabe und zivilgesellschaftlicher Protest besser miteinander vernetzen lassen. Am Dienstag stießen da die Ausführungen von Robin Bischoff vom Kunstverein Wagenhallen e.V. und von Martin Zentner von den „Stadtisten“ auf großes Interesse. Nachgefragt: Kennt man Stuttgart 21 und den „Schwarzen Donnerstag“ in Georgien? „Ich kannte das Projekt“, sagt Lali Pertenava: „Und Freunde von mir wussten auch über die Niederschlagung des Protests im Park Bescheid.“

Geschichte und Geschichten sammeln

Interessant ist, wie eines zum anderen führt: Eine der „Sketchcrawls“ genannten Zeichenexkursionen führte letztes Jahr in das Dorf Bolinisi: „Das war verblüffend: Mit einem Mal steht man vor diesem typisch schwäbischen Dorf, Fachwerk und alles“, erzählt Stusk-Mitorganisator Heiko Fischer. Dabei entstand die Idee, zu den Zeichnungen auch die Geschichte und Geschichten zu sammeln. Der Studientag, den man am Mittwoch gemeinsam mit dem Evangelischen Oberkirchenrat anlässlich von „200 Jahre schwäbische Auswanderung in den Kaukasus“ organisiert hat, führt das weiter: Mit einer Fotoausstellung der Architektin Nestan Tatarashvili, mit georgischer Musik und Vorträgen.

Auch für den Rest der Woche wird „Drawing on the City“ nun spannende Einblicke bieten. Das Tolle daran: Die meisten Programmpunkte stehen auch dem interessierten Publikum offen – Mitzeichnen erwünscht. Bis dann am Samstag, 8. Juli, die Ergebnisse ab 18 Uhr auf der Cannstatter Kulturinsel, Güterstraße 4, ausgestellt werden und die Aktionswoche bei einem bunten Sommerfest verklingt. Die Beteiligten sind sich ohnehin längst einig: Das wird kein Schlusspunkt, sondern der Startschuss für weitere spannende Begegnungen, in Tiflis wie in Stuttgart.

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