Urban Sketchers Stuttgart mit dem Pinsel eingefangen

Von Leonie Thum 

Urban Sketchers treffen sich, um die Stadt mit Stift und Farben auf Papier zu bannen. Im Zeitraffervideo sehen Sie, wie eines der Bilder entsteht und auch in unserer Bildergalerie erwarten Sie viele Kunstwerke aus Stuttgart.

Klicken Sie sich in unserer Bildergalerie durch die Kunstwerke der Urban Sketchers. Foto: Stephanie Naglschmid, galerie-naglschmid.de 32 Bilder
Klicken Sie sich in unserer Bildergalerie durch die Kunstwerke der Urban Sketchers. Foto: Stephanie Naglschmid, galerie-naglschmid.de

Stuttgart - Ob mit Wachsmalstiften oder Wasserfarben, das Haus vom Nikolaus oder eine lachende Sonne: Als Kind malt fast jeder Mensch. Erwachsene dagegen trauen sich oft nicht so richtig, zu Pinsel und Papier zu greifen. Nicht bei den Urban Sketchers: Hier treffen sich mehrmals im Monat die unterschiedlichsten Menschen, um mitten in der Stadt drauf los zu zeichnen.

„Es sind Leute dabei, die zu Beginn meinen, nicht einmal einen geraden Strich zeichnen zu können, und am Ende kommt doch etwas Tolles dabei raus“, sagt Stephanie Naglschmid. Sie betreibt einen kleinen Verlag mit Atelier im Westen der Stadt. Dabei sitze sie jedoch viel vor dem Computer. „Ich wollte mal wieder raus zum zeichnen und malen“, sagt sie. Deswegen hat sie sich den Urban Sketchers angeschlossen, mittlerweile geht sie seit zwei Jahren zu den Treffen.

Immer mehr Städtegruppen bilden sich

Stefan Eisele war vor kurzem das erste Mal mit der Gruppe unterwegs, ist davor aber bereits hin und wieder alleine losgezogen. „Ich bin ein halbes Jahr durch Zentralamerika gereist. Da habe ich begonnen, die Hostels zu zeichnen, in denen ich übernachtet habe“, erzählt der Masterstudent der Audiovisuellen Medien. Und weil es so viel Spaß gemacht hat, habe er danach einfach damit fortgefahren, seine Umgebung zu malen.

Die Urban Sketchers sind eine weltweite Bewegung, mittlerweile bilden sich mehr und mehr Städtegruppen. Die Stuttgarter treffen sich offiziell an jedem 1. Sonntag im Monat. Seit den Anfangszeiten ist die Anzahl der Adressen im Email-Verteiler auf ungefähr hundert gewachsen. Neben den monatlichen Terminen treffen sich viele kleinere Grüppchen auch spontan.

„Wir kommen an einen vorher abgesprochenen Ort, warten ein paar Minuten, bis alle da sind und strömen dann in alle Richtungen aus“, berichtet Naglschmid. Jeder suche einen Punkt, ein Motiv, eine Perspektive. Nach zwei Stunden kommen dann alle wieder zusammen und gehen weiter in ein Café. „Dort legen wir die Bilder auf einem Tisch nebeneinander und tauschen uns darüber aus“, sagt Naglschmid. Es gehe eben nicht nur ums Zeichnen, sondern auch um das Gesellige.

Es muss nicht alles perfekt sein

Bevor Eisele zu seinem ersten Treffen gegangen ist, war er skeptisch, ob dort nur Profis zeichnen. „Aber da sollte man sich gar keine Gedanken darüber machen“, ist seine Erkenntnis im Nachhinein. Es entstünden einfach komplett unterschiedliche Bilder. „Da gibt es kein gut und schlecht. Der eine hat das gesehen, der andere sieht halt das“, sagt der Masterstudent. Er findet: „Man muss sich von der Vorstellung lösen, dass man technisch perfekt sein muss, um das Zeichnen zu rechtfertigen.“

Auf den entstandenen Bildern verlaufen Bleistiftlinien, umfließen sich Aquarellfarben, ergänzen sich mit Fineliner oder Tusche gezeichnete Strukturen und leuchten Filzstiftfarben bunt auf. Abgebildet sind die verschiedensten Ecken der Stadt, vom Marienplatz über die Königsbaupassagen bis hin zur Grabkapelle auf dem Rotenberg und den Bärenseen.

Den Sprung ins kalte Wasser wagen

„Es geht auch darum, seine Stadt und die einzelnen Stadtteile genauer wahrzunehmen“, sagt Naglschmid. Man knipse eben nicht nur mit dem Handy schnell ein Foto, sondern nehme sich ein oder zwei Stunden Zeit, um etwas genau abzubilden. „Dabei erkennt man Details, die man vorher gar nicht wahrgenommen hat“, sagt die Künstlerin. Eisele baut solche Details auch gerne in abstrakten Kunstwerken mit ein: „Manche Strukturen, die man gezeichnet hat, bleiben im Kopf hängen und fließen dann in etwas Neues.“

Naglschmid und Eisele teilen eine Meinung: Zeichnen sei Übungssache. „Man lernt sehr viel durch genaues beobachten und üben“, sagt Eisele. Ob der Strich am Anfang gerade wird oder nicht, sei deswegen nebensächlich, ergänzt Naglschmid. „Wenn etwas nicht klappt, versuchen wir, demjenigen Mut zu machen. Man muss den Sprung ins kalte Wasser wagen und einfach loslegen. Dann wird man immer besser.“

 

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