Urlaub auf Menorca Boutique-Insel als Welterbe
Mit seiner rätselhaften Bronzezeitkultur und dem großen Naturhafen ist die Baleareninsel Menorca viel zu schade für einen reinen Strandurlaub.
Mit seiner rätselhaften Bronzezeitkultur und dem großen Naturhafen ist die Baleareninsel Menorca viel zu schade für einen reinen Strandurlaub.
Wie ein gestrandetes Schiff liegt die prähistorische Grabanlage Naveta des Tudons mit rundem Bug, geradem Heck und einem Kiel aus Decksteinen in den grünen Weiden vor Menorcas alter Inselhauptstadt Ciutadella. Rotbraune Vermella-Rinder grasen in der Nachbarschaft und halten die Vegetation auf den kalkhaltigen Böden im Norden der Insel kurz. Der stramme kühle Tramuntana-Wind, der aus dem Rhone-Tal kommend so oft für stahlblauen Himmel über den Balearen sorgt, tut ein Übriges.
„Hier hat sich in 4000 Jahren kaum etwas verändert“, sagt Mariona Alsina und dreht sich mit ausgestreckten Armen um die eigene Achse. Die Archäologin untertreibt ein wenig. In einiger Entfernung führt die zentrale Inselstraße Me-1 fast 50 Kilometer weit quer durch Menorca. An den Küsten findet man Feriendörfer und Jachthäfen und rund um die Naveta des Tudons sind solarbetriebene Kameras auf hohen Metallträgern postiert. Schließlich soll das wichtigste Zeugnis prähistorischer Kultur auf den Balearen nicht durch unbedachte Kletterer oder anderem Vandalismus zu Schaden kommen.
Aber abgesehen davon hat sich die zweitgrößte Insel des Archipels ihren lieblich-friedlichen Charakter tatsächlich über alle Zeiten bewahrt und ist kein Opfer ausufernden Baubooms geworden. Seit 1973 sind Gebäude mit mehr als drei Stockwerken verboten. Das kommt Mallorcas kleiner Schwester heute gleich zweifach zugute. Einerseits ächzt Menorca nicht unter einem Massenandrang wie das fünfmal größere Mallorca und positioniert sich gewissermaßen als Boutique-Insel mit kleinen Badebuchten, idyllischen Städtchen und zahlreichen kulturellen Kleinodien.
Andererseits ist die Dichte archäologischer Stätten mit rund 1500 bekannten Fundplätzen derart hoch, dass die Unesco vor zwei Jahren kurzerhand die ganze Insel mit ihrer Kulturlandschaft unter ihren Welterbeschutz gestellt hat. „Wir hoffen, dass uns der Welterbe-Titel etwas mehr Aufmerksamkeit beschert und neue Ausgrabungsprojekte möglich macht“, sagt Archäologin Alsina. Schließlich berge die lange Geschichte der Insel noch viele Geheimnisse.
Zu den ungeklärten Fragen zählt etwa, warum die ersten Bewohner Menorcas sich mit der Naveta des Tudons ein wuchtiges Beinhaus in Form eines umgedrehten Bootes mit einem winzigen Eingang nach Westen aufs Trockene setzten. Von den idyllischen Stränden, die heutige Besucher magisch anziehen, hielten die Insulaner sich fern und ließen sich dagegen von Höhlen wie der nahe gelegenen Cova de s’Aigua inspirieren, die seit 2021 wieder zugänglich ist. Schon früh hatte diese als Grabstätte gedient. Am Grund ihres blau schimmernden beleuchteten Höhlensees sieht man noch heute Knochen und Keramikscherben aus der Bronzezeit.
Der Bau der Naveta muss jedenfalls ein ziemlicher Kraftakt für die schriftlose Bauernkultur gewesen sein. Lange glaubten nachfolgende Generationen deshalb, ein Riese habe das Gebäude als Liebesbeweis errichtet. „Aber das war ja längst nicht alles“, sagt Alsina. Als nächstes zeigt sie die Ausgrabungen Torre d’en Galmés an der Südküste. Mehrere rätselhafte Turmbauten aus Zyklopenmauern, sogenannte Talayots, sind in diesem riesigen Siedlungskomplex um ein zentrales Heiligtum gruppiert.
Taula nennt man es wegen des T-förmigen Tisches in der Mitte, auf dem Wein und Tiere geopfert wurden. „Auch der älteste Beweis für Drogenkonsum stammt von Menorca“, weiß Mariona Alsina. In den Haaren Verstorbener aus der Naveta habe man die Überreste gleich dreier berauschender Substanzen nachgewiesen. Während die ersten Menorquiner aus der Talayot-Kultur das Meer fürchteten und seine Schätze nicht nutzten, wussten andere Eroberer Menorca vor allem wegen seines riesigen Naturhafens als Stützpunkt zu schätzen. Als Fjord mit schmalem Zugang ragt er mehr als fünf Kilometer ins Inselinnere hinein. Römer, Vandalen, Pisaner, Araber, Spanier kamen, und die Briten nahmen die kleine Insel in der Neuzeit gleich dreimal ein.
Als die Inselhauptstadt Máhon 1757 an die Franzosen fiel, soll ein Koch aus der Not heraus Eigelb, Olivenöl, Salz und Zitronensaft verquirlt haben, um ein ranziges Stück Fleisch zu verfeinern. Schon wenig später wurde die Mahonnaise unter dem Namen Mayonnaise in Paris populär. An die Briten dagegen erinnert auf der Insel kulinarisch nur noch der Gin, der im Hafen von Máhon neben allerlei Likören nach einem Rezept aus dem Jahr 1736 in handbefeuerten Messingkolben aus Wacholderbeeren destilliert wird.
Weil die Insel im 19. Jahrhundert genau in der Mitte zwischen dem britisch besetzten Gibraltar und Malta sowie zwischen dem französischen Toulon und Algier lag, sicherten die Spanier die Hafeneinfahrt lieber mit einer gewaltigen Festungsanlage nach deutschen Vorbildern. Die Kasematten der Festung La Mola sind mehr als einen halben Kilometer lang. Schon bei ihrer Einweihung 1870 war die riesige Anlage militärisch obsolet. Trotzdem räumte die spanische Armee sie erst zur Jahrtausendwende. Heute ist die Anlage ein eindrucksvolles Beispiel militärischen Größenwahns und ein weiterer Grund, warum Menorca für einen reinen Strandurlaub viel zu schade ist.
Anreise
Tuifly fliegt von Frankfurt und Stuttgart nonstop nach Menorca, www.tui.com .
Unterkunft
Faustino Gran ist ein luxuriöses 5-Sterne-Stadthotel in einem altenHerrenhaus mit üppigem Garten in Ciutadella, Doppelzimmer ab 275 Euro, https://faustinogran.com . Das gehobene Mittelklassehotel Artiem Audax liegt an einer Badebucht mit kleinem Jachthafen im Süden der Insel, nur für erwachsene Gäste, Doppelzimmer ab 120 Euro, www.artiemhotels.com . Calallonga Hotel, größeres Boutique-Hotel mit Pool mit Blick auf die Inselhauptstadt Máhon, Doppelzimmer ab 168 Euro, www.calallongahotel.com .
Aktivitäten
Infos zur bronzezeitlichen Ausgrabung Torre d’en Galmés, zur prä-historischen Grabstätte Naveta des Tudons und zur Tropfsteinhöhle Cova de S’Aigua unter www.menorca.es ; Festung La Mola, www.fortalesalamola.com ; Destillerie Xoriguer mit Touren und Verkostung, https://xoriguer.es/de .
Allgemeine Informationen
Spanisches Fremdenverkehrsamt, www.spain.info , Insel Menorca, www.menorca.es