Urlaub in der Region Stuttgart Camping boomt – nur nicht in Stuttgart

Stephanie Zeh auf ihrem Campingplatz, der vor allem wegen seiner idyllischen Lage begehrt ist. Foto: Gottfried Stoppel

Mehr Wohnmobile, mehr Deutschlandurlaub, mehr Freiheit: Camping boomt überall – doch die Region Stuttgart profitiert davon nicht so sehr wie der Rest des Landes. Das soll sich jetzt ändern, aber: Woran hapert es überhaupt?

Region: Verena Mayer (ena)

Murrhardt - Der Waldsee glitzert in der Morgensonne, von den Bäumen perlen letzte Tautropfen, Vögel zwitschern. Eine Frühschwimmerin steigt strahlend aus dem See. „Das ist so schön hier“ jauchzt sie. „Noch“, sagt Stephanie Zeh – und klingt dabei so, als ob sie nicht sonderlich erpicht auf das wäre, was nun wieder ansteht. Stephanie Zeh ist die Betreiberin des Campingplatz Waldsee in Murrhardt mitten im Schwäbisch-Fränkischen Wald. Und wie auf allen Campingplätzen in Deutschland gibt es dort nun wieder vor allem eins zu tun: viel!

 

Camping boomt. Das war vor Corona so und ist nun noch ärger geworden. Das klingt erfreulich für Menschen, die mit campenden Touristen ihr Geld verdienen. Aber ist es das wirklich? Für die Region Stuttgart – so viel vorweg – nur bedingt.

Die Nachfrage ist drastisch gestiegen

Würde sich Stephanie Zeh als Gast auf dem Campingplatz Waldsee vorstellen, würde man das sofort glauben. Ihre kurze Kleidung sieht bequem aus, ihre Stimme klingt kumpelhaft, und wenn sie genervt ist, verdreht sie schon mal die Augen. Besser also, man nennt sie nicht „Chefin“. Obwohl sie genau das seit knapp zwei Jahren ist. Sie hat den abgeschiedenen Platz mit seinen 170 Stellplätzen von ihrer Mutter übernommen, und fuchst sich nun rein ins Campingbusiness. „Es wird schon klappen“, sagt die gelernte Floristin.

In den vergangenen Monaten hat sie begonnen, das fast 50 Jahre alte Empfangsgebäudes zu streichen. Sie hat Hasen und Hühner besorgt, damit Kinder was zum Gucken haben. Eigentlich sollte sie noch die Toiletten sanieren, die Homepage auf Vordermann bringen, und ein starkes W-Lan wäre auch nicht schlecht. Doch die Zeit fehlt Andererseits – es läuft ja auch so bombig. Fast 1700 Übernachtungen hat Stephanie Zeh im vergangenen Juli gezählt, das waren fast doppelt so viele wie im Juli zuvor. Und auch jetzt wieder sind schon viele Wochenenden so lange im Voraus ausgebucht, dass die 44-Jährige es bisweilen beängstigend findet.

Es fehlt an innovativen Konzepten und Plätzen

Kurt Bonath überrascht all das nicht. Selbst schlichte Plätze können sich in dieser Zeit kaum retten vor Gästen, sagt er, und meint das gegenüber dem Platz am Waldsee nicht abwertend, im Gegenteil. Er findet ihn reizend. Bonath ist Landesvorsitzender des Bundesverbands der Campingwirtschaft in Deutschland (BVCD) und als solcher formuliert er seine Gedanken so: „Baden-Württemberg ist ein Campingland, mit Ausnahme der Region Stuttgart!“

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Gerade mal 14 Plätze gibt es in den 179 Kommunen, die zur Region zählen. Aus der Sicht des Interessenvertreters sind das nicht nur zu wenige, vor allem sind sie auch zu wenig innovativ. Ein Platz, der heutzutage etwas auf sich hält, hat eine Kinderbetreuung im Angebot und ungewöhnliche Unterkünfte wie Jurten oder Baumhäuser. Ein Frei- oder Hallenbad gehört zum Standard, Abendveranstaltungen wie Tanz oder Bingo sind so gängig wie Yogakurse oder Kosmetikanwendungen. Je nachdem, was die Zielgruppe wünscht – die eben immer heterogener wird. In dieser Hinsicht, sagt Bonath, seien die Plätze in der Region Stuttgart nichts Besonderes.

Natur ist für Touristen nicht alles

Die Dame aus Heidelberg, die während ihrer einwöchigen Radtour durch den Schwäbischen Wald auch in Murrhardt zeltet, schätzt hier den „herrlichen See“. Das Paar aus der Schweiz, das ein verlängertes Wochenende auf dem Platz verbringt, ist angetan von der „schönen Lage“. Der Rentner aus Bayern, der in der Nähe einen Bekannten besucht, hat mit seinem Wohnmobil Stephanie Zehs Platz aus einem einzigen Grund angesteuert: der Natur. „Warum sonst?“, fragt er rhetorisch und zeigt auf See und Wald.

Nun, vielleicht, um einen Ausflug nach Stuttgart zu machen. Shoppen, das Porsche-Museum besuchen oder die Staatsgalerie. Oder um einen Tag im Blühenden Barock in Ludwigsburg zu verbringen oder einen Abend im Theater in Esslingen oder bei einer der anderen Attraktionen, die die Marketinggesellschaft für Stuttgart und die Region auf ihrer Homepage bewirbt. Und was Camper vielleicht sonst noch tun würden, wenn sie nicht nur zum kurzen Ausspannen da wären oder für einen Zwischenstopp. Dafür wiederum bräuchte es Plätze, die Urlauber gerne ansteuern. Und da sieht es eben nicht gut aus.

Köder für neue Touristen

„Da brauchen wir deutlich mehr Angebote“, weiß auch Armin Dellnitz, der Chef eben jener Marketinggesellschaft. Dass es diesen Mangel überhaupt gibt, liege daran, dass der Blick der Region in der Vergangenheit auf Geschäftstourismus fokussiert war. Dellnitz ahnt, dass die Menge an Businessreisenden nach Corona nicht wieder kommt. Um so froher ist der Cheftouristiker, dass die Region bereits den Ausbau von Stellplätzen für Wohnmobile forciert hat. Um so wenigstens Reisende auf ihrer Fahrt gen Süden oder Norden für einen Stopover ködern zu können. Ist dieses Vorhaben abgeschlossen, sei durchaus vorstellbar, auch ein Konzept für Campingplätze zu entwickeln. „Wir können keine Freizeitdestination werden, wenn wir keine Angebote machen.“

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Bei Stephanie Zeh in Murrhardt klingelt fast ununterbrochen das Telefon. Die Leute wollen wissen, ob es noch einen Platz direkt am See gibt; oder einen Platz, auf den ein besonders großes Wohnmobil passt; oder überhaupt noch einen freien Platz. Es kommt vor, dass Stephanie Zeh nicht alle Plätze vergibt. Damit es nicht zu voll wird. Ein rappelvolles Gelände bedeutet oft auch viel Müll, viel Lärm, viel Ärger. „Das macht keinen Spaß“, sagt die Betreiberin über die Ermahnungen, die sie immer öfter aussprechen muss.

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