Urlaub in Griechenland Keynes und das Frühstück auf Kreta

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Auch Urlaub hat mit Politik zu tun: die Griechen sind zornig auf die Deutschen. Wir reisen trotzdem gerne in ihr Land – warum, das erklärt der StZ-Redakteur Roland Müller.

Auf Kreta wandert man mit Rucksack – und neuerdings mit Bargeld. Foto: Fremdenverkehrszentrale
Auf Kreta wandert man mit Rucksack – und neuerdings mit Bargeld. Foto: Fremdenverkehrszentrale

Stuttgart - Sonnenbaden an Stränden, an denen Verzweifelte auf ihrer Flucht stranden? Ferien machen in Griechenland, wo man Angela Merkel hasst? Oder wehmütig zurückdenken an wunderbare Orte, an denen jetzt der Schrecken herrscht? In unserer Serie „Reisediplomatie“ erzählen wir vom Urlaub und davon, wie Politik ihn beeinflusst – oder unmöglich macht.

„Nimm Geld mit! Die Bankautomaten, du weißt schon . . .“ – Ja, ich weiß schon. Hätte ich es nicht aus den Nachrichten erfahren, dann aus den Mündern all jener Freunde, die mir Ratschläge für meinen Griechenland-Urlaub gegeben haben. Noch nie hat ein Hellas-Reisender so viele Tipps mit auf den Weg bekommen wie in diesem Jahr – und noch nie waren diese Tipps so nahe an einer Reisewarnung dran wie in den zurückliegenden Wochen und Monaten, als Angela Merkel auf Postern mit einem Schnurrbärtchen durch Athen getragen wurde. Als dann auch noch das „Oxi“ kam, das Nein zum Sparkurs aus Brüssel, das vor allem ein Nein zum Sparkurs aus Berlin war, stand für alle vollends fest: der Grieche mag den mächtigen Deutschen nicht mehr. Und der Deutsche nicht mehr den Griechen – es sei denn, er liebt Neinsager.

Für die Liebe zu Neinsagern gibt es gute Gründe: Nichts ist dem Menschenverstand abträglicher als der Zwang zur Konformität. Im vorliegenden Fall äußerte er sich darin, dass sich auch Griechenlands neue Regierung der Austeritätspolitik aus Brüssel & Berlin beugen sollte. Straffe Haushalte, um wieder auf die Beine zu kommen, Einsparungen im Gesundheits- und Bildungswesen, Lohn- und Rentenkürzungen – aber weil das in der Vergangenheit nichts genutzt, sondern alles nur schlimmer gemacht hat, dachten die Griechen jetzt nach, sagten „Nein“ und bekamen als Strafe neuen Druck. Druck von allen Geldgebern, aber vor allem den deutschen. Vor allem von Merkel. Vor allem von Schäuble. Und am Ende ist der Grieche eingeknickt.

Der semantische Vorsprung

Ironie der Wortgeschichte: „Austerität“ stammt aus dem Altgriechischen. Wenn es in Europa also ein Volk gibt, das weiß, was ihm mit der x-ten Auflage der EU-Forderungen blüht, nämlich erneut „Ernst, Strenge, Entbehrung, Sparsamkeit“, dann eben das Volk auf dem Peloponnes. Schon rein semantisch hatte es uns also Wissen voraus. Denn der Grieche ist klug – so klug, gescheit und geschäftstüchtig, dass er es vermeidet, Touristen leichtfertig in politische, womöglich mit einem Zerwürfnis endende Gespräche zu ziehen. Das wäre schlecht für den Umsatz. Mit dem Politisieren muss man deshalb schon selber anfangen, erst recht, wenn man Deutscher ist.

Ein Frühstück auf Kreta, als man in Mitteleuropa noch nicht wusste, wer oder was Syriza, Tsipras oder Varoufakis ist. Der Kaffee ist serviert, der Toast, der Yoghurt und der Orangensaft auch. Man blickt aufs libysche Meer und hat Zeit, über Gott, die Welt und die Massenproteste in Athen nachzudenken. Ob er davon viel mitkriege, will der Reisende vom Café-Besitzer wissen, hier in dieser abgelegenen, nur mit dem Boot zu erreichenden Touristenbucht. „Ja“, sagt der Mann. Und verfällt in Schweigen. Der Reisende, hartnäckig: „Und was halten Sie davon?“ Erneutes Schweigen, eine halbe Minute lang, bis der Mann, den wir Alexis nennen, sich dann doch einen Ruck gibt und offensichtlich Vertrauen fasst. Wort für Wort löst er sich vorsichtig aus der Einsilbigkeit und erzählt im gebrochenen Englisch von seinem Sohn, der in Athen studiert.

Sein Sohn sei bei den Kundgebungen in Athen mit dabei, sagt Alexis. Von Kreta aus unterstütze er ihn zwar jeden Monat mit Geld, so gut es geht, aber das reiche nicht. Das Leben sei so teuer geworden, das könne sich niemand mehr leisten, am allerwenigsten ein Student. Sein Sohn müsse jeden Tag schauen, wie er über die Runden komme. Dass er auf dem Syntagma-Platz demonstriert, geht für Alexis deshalb voll in Ordnung. Und dann fügt er, sparsam, wie er ist, außer einem Namen nichts mehr hinzu – aber in diesen zwei kryptisch rausgebrummten Wörtern sieht er alle Schuld versammelt: „Angela Merkel“.

Kein Handlanger von Merkel & Schäuble

Angela Merkel: die deutsche Kanzlerin ist bei Alexis nicht beliebt. Er sieht in ihr Europas neue Tyrannin. Das steht fest. Aber wie sieht er den deutschen Gast?

Täglich sitze ich auf der Terrasse von Alexis. Noch während er den Kaffee serviert, reden wir wieder angeregt über Gott und die Welt, vielleicht auch, weil er gemerkt hat, dass ich kein Handlanger von Merkel & Schäuble bin. Das ist auch gar kein Thema mehr zwischen uns, denn das Menschenleben an sich bietet ja genug Stoff für Betrachtungen. Und dann geschieht das Wunder: Mit jedem Yoghurt mendelt sich der singuläre Alltagsphilosoph in mir weiter heraus. Zum Dank für diese wegweisende Erkenntnis gebe ich Alexis immer reichlich Trinkgeld und denke dabei auch an John Maynard Keynes, den britischen Ökonomen, der zur Krisenbewältigung kein Sparprogramm, sondern ein Investitionsprogramm empfohlen hat. Damit Geld unter die Leute kommt. Damit Angebot und Nachfrage angekurbelt wird. Damit die Menschen wieder Luft zum Atmen haben.

Auf der Welt ist eben nichts alternativlos. Nicht die Austeritätspolitik, nicht der Bankautomat, den es in dem Kaff meiner Wahl sowieso nicht gibt. Mein Geld habe ich schon immer in bar mitgenommen.